Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1374.

Danziger Goldwasser aus Gdansk

Und Königsberger Klopse aus Kaliningrad – das sind keine kulinarischen, sondern sprachliche Verwirrungen

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Der deutsche Schlager machte es sich noch etwas einfacher – ohne diakritische Zeichen Bild: Wikimedia

„Ja, wunderbar war’s auf Usedom! Und zum Abschluss sind wir am Donnerstag von Ahlbeck mit den Fahrrädern rüber nach Swinemünde gefahren und haben …“ – Das Gesprächsgegenüber, ein Ostdeutscher, der bis dato freudig interessiert zuhörte, zieht Stirnfalten und wirft pfeilschnell und inquisitorisch ein: „Sie meinen, Sie waren in Schwienouschtschje?“ (Als Ostdeutscher spricht er Swinoujscie natürlich perfekt aus.) Die Stimmung sinkt und kippt. Und jetzt? Um Nachsicht und Gnade bitten? Oder trotzig darauf beharren, dass die Stadt auch (und bereits seit 1756) einen deutschen Namen trägt, weil sie an der Mündung des Ostsee-Meeresarmes Swine liegt? Nun sag, wie hast du’s mit Zielona Góra …? Die nun schon sieben Jahrzehnte alte Gretchenfrage sorgt noch heute für Missmut und Zwietracht, auf beiden Seiten der sprachlichen Gräben.

Nun ist freilich nicht jede Ansiedlung in Polen auch partout polnisch zu benennen. Je monströser sich die deutschen Verbrechen auf polnischem Boden gestalteten, desto nachdrücklicher werden in Deutschland die deutschen Bezeichnungen verwendet. Selbstredend kniete Willy Brandt im Warschauer Ghetto, und jährlich dient der 30. Januar dem Gedenken an die Befreiung von Auschwitz. Deutsche Verbrechen werden aus gutem Grund so vehement mit den deutschen Termini benannt, denn wer in Deutschland das Warschauer Ghetto zum Getto warszawskie umbenennen wollte und wer statt von Auschwitz von Oswiecim spräche, würde die deutschen Verbrechen unzulässig „polonisieren“ und zumindest semantisch aus Opfern Täter machen. Auch Krakau darf ganz unbekümmert Krakau sein, die Wurst ebenso wie die Perle des Tourismus. Niemand, fast niemand erwartet ein „korrektes“ Kraków, denn Krakau war, ebenso wie Warschau, kein überwiegend deutsches Siedlungsgebiet, mithin kein Vertreibungsterritorium und ist somit „unbelastet“ von Vertriebenenverbänden.

So wie bis heute ein Bund der Danziger e. V. existiert (1923 gaben dort im Rahmen einer Volkszählung 95 Prozent der Bürger Deutsch und drei Prozent Polnisch bzw. Kaschubisch als Muttersprache an) und mithin Abwehrreaktionen bei der „Gdansk“-Fraktion hervorrufen dürfte, so hat – mangels Vertreibung – etwa eine „Gemeinschaft heimatvertriebener Lodzer“ nie existieren müssen; das macht Lodz als breiten Konsens möglich. Ohne Vertreibung und Vertriebenenverbände erwartet niemand ein Łódz, es reicht vollends das deutsche Lodz.

Doch handelt es sich wohl weniger um eine spezielle Form der Polonophilie als vielmehr um einen Dienst an sich selbst, um eine präventive Selbstreinigung, um sich abzuwaschen von dem vermuteten Malus, es könne im Gespräch oder auch im geschriebenen Wort das Gegenüber bzw. der Leser auf den Gedanken verfallen, man verbinde mit dem Gebrauch von „Allenstein“ eine Art Heimholungspolitik. Denn, so mögen die Verfechter von „Olsztyn“ argwöhnen, wer von „Allenstein“ spreche und schreibe, halte Allenstein für eine noch immer deutsche Stadt und fordere, zumindest subtil latent, ihre Regermanisierung.

Man mag diese vorbeugenden Unbescholtenheitsbekundungen eine überflüssige politische Anbiederung schimpfen, man kann ihnen auch besonderes Feingefühl attestieren, Empathie nämlich für womöglich in Polen zu verletzende Gefühle. Doch muss diese Sorge ernstlich bestehen? Ein wenig grotesk mutet die deutsche Verbissenheit an, jedem „Beuthen“ pflichtschuldig ein „Bytom“ beizugeben, schon deshalb, weil ausgerechnet jene, um deren mögliche Düpiertheit man sich in vorauseilendem Gehorsam sorgt – die Polen nämlich – längst sehr viel unverkrampfter verfahren. Bald nach 1990, als auch die letzten Deutschen anerkennen mussten, dass aus Wrocław kein Breslau mehr werden würde, erkannten die Polen umgekehrt, dass die Geschichte Wrocławs nicht erst 1945 begonnen hat, sondern auf der Kultur des jahrhundertlang deutschen Breslaus basiert.

Man mag die vorbeugenden Unbescholtenheitsbekundungen eine überflüssige politische Anbiederung schimpfen, man kann ihnen auch besonderes Feingefühl attestieren.

Mit einem Lächeln, ja einem befreiten Lachen antwortete Rafał Dutkiewicz, der Stadtpräsident von Breslau, im Oktober 2015 auf die vorsichtige Frage der „Welt am Sonntag“, ob man als deutscher Gast denn nun „Breslau“ oder „Wrocław“ sagen solle. „Na beides“, riet er freimütig. „Unsere Stadt hat polnische, deutsche und jüdische Wurzeln, und die Zeiten sind vorbei, in denen das eine gegen das andere ausgespielt wurde.“ Geht es beim zwanghaften deutschen Polonisieren der Ortsnamen also in Wirklichkeit womöglich weitaus weniger darum, möglichen polnischen Argwohn bereits im Vorfeld zunichte zu machen, als vielmehr darum, sich als Deutscher möglichst korrekt zu artikulieren, ganz ungeachtet des Gleichmuts, mit dem die polnische Seite derlei Fragen mittlerweile überwiegend gegenübersteht?

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Erhabenheit nicht nur in majestätischen, sondern im 15. Jahrhundert, darf man annehmen, auch in sprachlichen Belangen: Richeza, Königin von Polen, in der Hohen Domkirche, Köln Bild: Dumont

Was mögen die Ursachen der unterschiedlichen Benennungen sein? (Wobei wir uns, in Ermangelung empirischer Untersuchungen, freilich im Bereich des Spekulativen bewegen.) Aus alter Gewohnheit, weniger also mit ideologischem Aplomb denn als Langzeitergebnis der politischen DDR-Sozialisation, sprechen zahlreiche Ostdeutsche unverdrossen von Poznan und nicht von Posen. Die sozialistische Völkerfreundschaft und der Antifaschismus als Staatsdoktrin führten zu staatlicher Sprachpolitik und diktierten über Jahrzehnte das weltanschaulich opportune Vokabular. Diese Verhaftung im eigenen, vor Jahrzehnten anerzogenen Sprachgebrauch, gewürzt mitunter mit einer Prise trotziger Ostalgie und basierend auch auf unbekümmerter Gedankenlosigkeit – „Aber Poznan heißt doch Poznan, das heißt doch nicht Posen!“ –, ist vermutlich irreversibel in den Wortschatz nicht weniger Ostdeutscher eingebrannt (manch anderer Ostdeutscher freilich nicht, die aufgrund der Tabuisierung der Vertriebenenthematik in der DDR nach 1990 erstmals Zugang dazu fanden und eigene Sensibilität entwickelten).

Vorherrschend in Westdeutschland waren lange Zeit jene, die – zumeist ganz ohne weltanschaulichen Zungenschlag – mit größter Selbstverständlichkeit die deutschen Ortsnamen verwendeten. Sie mochten ins Feld führen, dass die deutschen Bezeichnungen doch nie aus dem allgemeinen bundesrepublikanischen Sprachgebrauch entschwunden seien, wurde doch in den Personaldokumenten der alten Bonner Republik selbstredend Breslau als Geburtsort vermerkt, entstanden in Vertriebenensiedlungen Königsberger Straßen sonder Zahl und aß man doch ohne jeden ideologischen Argwohn Liegnitzer Bomben. Ob damals, in den Jahren des Kalten Krieges, solch ostentatives Herausstreichen der deutschen Ortsnamen jenseits des Eisernen Vorhangs vielleicht als provokant aufgefasst wurde, interessierte kaum.

Einstmals gewichtig, dürfte die Zahl der Protestler rapide gesunken sein: jener Westdeutschen nämlich, die in der Tat mit „Oppeln“ ein politisches Statement abgeben wollten, jene, für die Oppeln nicht de facto, aber de jure weiterhin eine deutsche, derzeit als „Opole“ unter polnischer Verwaltung stehende deutsche Stadt war. Sich mit dem eigenen Sprachgebrauch auch politisch deutlich zu positionieren, bedeutete die offensive Verwendung der deutschen Termini: verletzt, grollend und anklagend. Es sind dies die „bösen Alten“, die „Revisionisten“, die „Revanchisten“, die „Irredentisten“, gegen die die „Guten“ noch heute mit dem Anspruch der politischen Korrektheit zu Felde ziehen. Doch ist es nicht längst ein Scheingefecht in einem Kampf, in dem der Gegner kaum mehr existiert und der Protest zur hohlen Propaganda und zur Bestätigung des eigenen Ego verkommt?

Moderater sind jene „Breslau“-Bekenner, denen es schlicht missfällt, die deutsche Vergangenheit Breslaus getilgt zu sehen. Ihnen liegt ein offenes nachbarschaftliches Verhältnis am Herzen, das der deutschen Historie ebenso viel Wertschätzung entgegenbringt wie der polnischen Gegenwart. Ihre Zahl dürfte sukzessive steigen – wie auch die der „Sowohl-als-auch-Fraktion“, die – vielleicht ein wenig zu eilfertig – stets fein austariert von „Breslau, dem heutigen Wrocław“ oder auch von „Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg“ spricht.

Es mag manche Gründe mehr noch geben, sich für „Neisse“ und gegen „Nysa“ zu entscheiden, bei Menschen, die es auch für manieristisch halten, statt von Neapel und Lissabon von Napoli und Lisboa zu sprechen (ihnen würde besorgt mahnend entgegnet werden, dass auch niemals deutsche Territorialforderungen an Neapel und Lissabon erhoben worden seien, sehr wohl aber an Neisse bzw. Nysa …). Andere wiederum mögen den deutschen Bezeichnungen aus ganz pragmatisch-sprachpraktischen Erwägungen den Vorzug geben: die leichtere Handhabbarkeit von „Stettin“ in Schreibweise und Aussprache kommt den zumeist des Polnischen unkundigen Deutschen sehr entgegen. Vier Konsonanten hintereinander – Szczecin – sind wie auch die polnischen diakritischen Zeichen ebenso kompliziert zu schreiben wie das dahinzunuschelnde „Wwotschuwauw“ diffizil auszusprechen ist.

Wo sich im Großen Polen und Deutsche vertrauensvoll die Hand reichen und alte Verdächtigungen abgestreift haben, sollte auch innerdeutsch mehr Toleranz walten, sollte mehr Gleichmut und geistige Größe obwalten. Es mag jeder nach seiner Façon glücklich werden, ganz gleich, ob er sich für Marienburg oder für Malbork entscheidet. Doch Toleranz sollte nach beiden Seiten hin gelten, sollte es auch ermöglichen, freimütig von „Reichenberg“ zu sprechen statt vom tschechischen „Liberec“, ohne dass man sogleich als „ewiggestrig“ gebrandmarkt würde. Wer’s für nötig hält, dereinst auch von Kaliningrader Klopsen zu sprechen, möge dies tun, doch sei auch die Traditionsbezeichnung nicht minder statthaft!

Martin Hollender (KK)

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