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Ausgaben: Ausgabe 1257.

Das abgebrannte Pommerland ersteht – schwarz auf weiß

Der zweite Band des Pommerschen Jahrbuchs ist, anders als der erste, im Peter Lang ­Verlag erschienen und weist auch ein verändertes Herausgeberteam auf. Zu den Greifswalder Literaturwissenschaftlern Karl-Heinz Borchardt und Michael Gratz kommt Jan Watrak, Germanistikprofessor an der Universität Szczecin/Stettin. Damit ist das Pommersche Jahrbuch zu einem deutsch-polnischen Gemeinschaftswerk geworden, und das ist hoch erfreulich und entspricht der jetzigen Zugehörigkeit Pommerns zu Deutschland und zu Polen, getrennt durch die Oder als Grenzfluß, vereint in der Europäischen Union.

Im ersten Teil des Bandes, „Neue Texte“, wird die deutsch-polnische Gemeinsamkeit nur wenig sichtbar. Zwei Beiträge des inzwischen recht bekannten Uwe Saeger stehen neben anderen deutschen Prosatexten und Gedichten, so von Angelika Janz, Anna Hoffmann, Clemens Schittko, Silke Peters, Heiko Lehmann, Konstantin Ames und Bertram Reinecke. Nur der eigenwillige Abriß pommerscher Geschichte in der Form eines epischen Gedichtes, „Gryf Pomorski dreht am Rad der Geschichte“ von Bert Papenfuß, erhält eine polnische Übersetzung (von Tomasz Sosinski). Der aus dem Komplex „Rumbalotte“ stammende Text macht neugierig auf die übrigen Teile und die gesamte Rockoper über pommersche Geschichte.

Die Abteilung „Dokumentation und Archiv“ bildet eine wahre Fundgrube für wichtige Einblicke in Greifswalder Lokalgeschichte und für ergänzende Mitteilungen zu Persönlichkeiten pommerscher Literatur. Michael Gratz stellt den vergessenen Carl Friedrich Heidemann und dessen „Gedichte gegen die Revolution“ vor. Die frechen politischen­ Reimereien Heidemanns erscheinen typisch für die emotional bewegte erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Anrührend sind die Gedichte von Marie und Wolfgang Koeppen, die Michael Gratz aus dem schriftlichen Nachlaß des Schriftstellers vorlegt. Der biographische Hintergrund zu „Jugend“ läßt sich aus ihnen ebenso erahnen wie die tiefe Verbundenheit von Mutter und Sohn und die Bedeutung der Gedichte Marie Koeppens für die Entfaltung der poetischen Begabung Wolfgang Koeppens. Jan Decker läßt aus Briefen Koeppens und seiner Freunde die Aufregung der engagierten jungen Leute um die Aufführung der „Dreigroschenoper“ in Greifswald (1928) erkennen und fügt aufschlußreiche Rezensionen in einem Dokumentenanhang hinzu. Einblick in das Familienleben Hans Falladas gewährt der älteste Sohn von Fallada und Anna Ditzen, Uli Ditzen, indem er das kurze Leben seines 1918 gefallenen Onkels nachzeichnet und Briefe von ihm veröffentlicht. Ein bedrückendes Geschehen um Greifswald und seine Universität läßt Karl-Heinz Borchardt lebendig werden in dem Beitrag: „Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 und die Aktion Für den deutschen Geist der Greifswalder Studenten“. Borchardt beschreibt die Ereignisse und ihre geistigen Voraussetzungen und dokumentiert die begleitenden Reaktionen in Rezensionen und Stellungnahmen aus jener Zeit.

In der Abteilung „Forschung“ kommt das Element der deutsch-polnischen Zusammenarbeit voll und in bester Ausformung zum Tragen. Am Anfang steht eine Betrachtung des Stettiner Historikers Jan M. Piskorski, „Weinen wir der Festung Küstrin nicht nach“. Beginnend mit kurzen Reminiszenzen an die Zerstörung Küstrins im Jahr 1945, die Flucht, Evakuierung oder Aussiedlung bzw. Vertreibung der deutschen Bevölkerung und die Ansiedlung von Polen in den „Wiedergewonnenen Gebieten“ – Piskorski: „wie man sie nach dem Krieg nannte, um den neuen Siedlern den Aufenthalt zu versüßen, und diese nannte man – o Ironie! – Repatrianten, die in den Schoß des Vaterlandes Zurückkehrenden“ –, lenkt der Verfasser den Blick auf die Zeit Friedrichs des Großen und dessen Festungshaft in Küstrin. Er zeichnet, etwa mit Bezug auf Johann Gottfried Herder, das Bild eines rigorosen und kriegsfreudigen Herrschers, das, so der Autor, erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dank der Melioration der Odersümpfe und der Kolonisation vom „Friedrich-Mythos“ abgelöst wird, und er verweist auf Fontanes Darstellung der in den Sümpfen lebenden Slawen sowie auf die unterschiedlich verlaufenden Assimilationen von Slawen und Deutschen und schließt mit einem Abriß der ältesten Geschichte von Küstrin/Kostrzyn. Nicht nur diese höchst anregenden Thesen verdienen eine vertiefende Diskussion, sondern auch das Votum des Autors, man möge die Festung Küstrin nicht wiederaufbauen, wofür vieles spricht.

Die Reihe der literarhistorischen Untersuchungen beginnt mit der Analyse der Kosegarten­-Lieder in der Vertonung von Franz Schubert. Den Schwerpunkt der Abteilung bilden „Vier Annäherungen“ an Alfred Döblin, entsprechend der Auffassung, daß auch aus Pommern stammende Schriftsteller, deren Werke wenig direkten Bezug zu ihrer Heimat erkennen lassen, in den Kontext der Literatur ihrer Heimatregion gehören. Die jetzige Herausgeberin der Döblin-Ausgabe im Walter-Verlag, Christina Althen, gibt einen präzisen Überblick über die wichtigsten Werke und zeigt mit Hinweisen auf die von ihm verwendeten Sujets und Stilarten die enorme Wandlungsfähigkeit dieses Schriftstellers, der als avantgardistischer Expressionist begann, den exotischen, dann den historischen Roman neu formte, mit „Berge Meere und Giganten“ die erste technisch-naturwissenschaftliche Utopie schuf und schließlich dem psychologisch-gesellschaftskritischen Großstadt-Roman allgemeine Geltung verlieh. Klaus Hammer analysiert das epische Erzählen Döblins und gibt so manchen wichtigen Interpretationshinweis, so z.B. die Deutung von „Berlin Alexanderplatz“ in bezug auf die Sehnsucht nach „Ruhe und Ordnung“, die so manchen den Parolen der Nationalsozialisten folgen ließ. Die polnische Literaturwissenschaftlerin Donata Sosnicka zeichnet den Lebenslauf Döblins nach, wobei dessen eigene Aussagen geschickt eingeflochten werden bis hin zu den erschütternden Worten, mit denen er an seinem Lebensende auf seine frühen naturmystischen Erzählungen zurückverweist. Das Gespräch der Autorin mit Claude Döblin vermittelt beeindruckende Erkenntnisse vom Leben und schweren Schicksal der Familie Döblin.

Die Stettiner Germanistik-Professorin Ewa Hendryk interpretiert sehr aufschlußreich Werke zweier pommerscher Schriftsteller, die wie Döblin über den pommerschen Raum hinausgewachsen und zu bedeutenden deutschen Autoren der Nachkriegszeit geworden sind. Jedoch nimmt Wolfgang Koeppen in „Jugend“ das Leben im vorpommerschen Greifswald, Gerhard Richter in „Spuren im Sand“ die pommersche Küstenlandschaft zum Ausgangsort historisierender und gesellschaftskritischer Betrachtungen. Gern wird man dem abschließenden Urteil der Autorin zustimmen, daß beide Schriftsteller im Gegensatz zu anderen (regionalen) Schriftstellern aus Pommern „das Land ihrer Herkunft nicht zu ihrem Hauptimaginationsraum“ gemacht haben.

Jan Watrak und Anna Sawicka stellen polnische Lyrik über Kolberg/Kolobrzeg vor und vermitteln durch Zitate, die von Piotr R. Sulikowski ins Deutsche übertragen wurden, den Unterschied zwischen den historisch-propagandistischen Gedichten aus der Zeit nach 1945 den jetzt vorherrschenden, die die Stadt als Thema der lyrischen Inspiration erfassen. Von besonderer Leuchtkraft sind die Gedichte, in denen polnische Lyriker die Ostsee und die innige Bindung der Menschen an das Meer besingen. Es ist ein uraltes Motiv, das in pommerscher Dichtung immer wieder erscheint, und es ist schön zu wissen, daß diese Tradition nun auch in polnischer Sprache fortgesetzt wird.

Roswitha Wisniewski (KK)

Pommersches Jahrbuch für Literatur. Band 2. Herausgegeben von Karl-Heinz Borchardt, Michael Gratz und Jan Watrak. Peter Lang Verlag, Frankfurt/Main u. a. 2007, 303 S.

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