Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1217.

Das beste Argument ist die Arbeit

Die Ackermann-Gemeinde begeht in diesem Bewußtsein ihr 60jähriges Jubiläum – Bilanz und Ausblick von Generalsekretär Raimund Paleczek

Als wesentliche Aufgaben von heute sieht Raimund Paleczek die bereits bei der Gründung im Januar 1946 fixierte Intention der kontinuierlichen Bildungsarbeit, also eine Art Volkshochschule. Knapp zwei Jahre nach dem EU-Beitritt der ersten mittel- und osteuropäischen Staaten erscheint es dem Generalsekretär besonders wichtig, das Bewußtsein zu schaffen, „daß Europa größer und umfassender ist als das reduzierte Europa, das weiterhin in den Köpfen ist“. Paleczek stellt bei Gesprächen und Veranstaltungen immer wieder fest, daß die Länder, die 2004 zur EU gekommen sind, „noch nicht wirklich im Bewußtsein unserer westeuropäisch orientierten Gesellschaft angekommen sind“. Hier sieht er die Ackermann-Gemeinde weiterhin als Brückenbauer, wie es die Väter und Mütter dieses Verbandes bereits vor sechs Jahrzehnten formuliert haben.

Daß diese Arbeit auch in Staat, Kirche und Gesellschaft anerkannt wird, beweisen Auszeichnungen und Ehrungen, die Repräsentanten und Verbandsvertreter erhalten. Der Ackermann-Gemeinde selbst wurde am 28. September vergangenen Jahres in Prag von Kardinal Miloslav Vlk die Wenzelsmedaille verliehen. Diese Medaille wird seit 1999 an „bedeutende, nicht allgemein bekannte“ Personen verliehen. In der Begründung hieß es, die Ackermann-Gemeinde habe sich in bedeutender Weise für gegenseitige Verständigung und Toleranz eingesetzt. Überreicht wurde die Medaille an den Bundesvorsitzenden der Ackermann-Gemeinde, Adolf Ullmann, der diese Würdigung als „Signal für die Versöhnung zwischen dem tschechischen Volk und den Sudetendeutschen und als Zeichen der Vergebung und Versöhnung“ sowie als eine Handlung mit symbolischem Charakter sah.

Würdigungen wie diese sieht Paleczek auch als Beweis, daß die Ackermann-Gemeinde in den zurückliegenden 60 Jahren „ein Motor der Beheimatung über und durch die katholische Kirche im Nachkriegsdeutschland war und damit auch einen wichtigen Beitrag zur Demokratisierung der deutschen Gesellschaft geleistet hat, dessen Umfang in den Medien meist unterschätzt wird“. Darüber hinaus habe die Gesinnungsgemeinschaft sudetendeutscher Katholiken über die Kirche in Deutschland auch die Versöhnungsarbeit in Richtung Ostmitteleuropa wesentlich voranbringen können.

So hat die Ackermann-Gemeinde für den Generalsekretär auch eine gute Reputation in Staat, Kirche und Gesellschaft sowohl in Deutschland wie in Tschechien, auch wenn es sich nicht um einen Massenverband handelt, der öffentlichkeitswirksam Forderungen stellt. „Das haben wir bewußt vermieden, sonst würde auch kein Vertrauen geschaffen werden“, betont Paleczek, der jedoch darauf verweist, daß die Ackermann-Gemeinde stets konkrete Positionen vertritt, die in Erklärungen auch nachgelesen werden können. Natürlich ist das Hauptwirkungsfeld des Verbandes die katholische Kirche. „Hier sind wir ganz sicher ein anerkannter Fachverband für die Partnerschaft, für den Ausbau der Partnerschaft auf der Grundlage der Versöhnung und des gegenseitigen Akzeptierens im Ringen um die Wahrheit. Das ist ein sehr schwerer und langer Prozeß, der selten pressewirksam ist“, beschreibt Paleczek die Verbandstätigkeit des Brückenbauens, wobei für ihn individuelle Einzelinitiativen zwar richtig und wichtig sind, diesen aber die Kontinuität und vor allem die nachhaltige Wirkung in die Gesellschaft fehle. Daher ist ein Verband wie die Ackermann-Gemeinde für ihn unabdingbar.

Auf der politischen Ebene bietet etwa das seit 1992 alljährlich stattfindende Iglauer Symposium, bei dem Fragen der gemeinsamen Geschichte ebenso diskutiert werden wie Ansatzpunkte der Zukunftsgestaltung, ein Forum, mit und auf dem ein politischer Diskurs zu strittigen Themen im Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen geführt wird. „Wir tun das mittlerweile vor dem Hintergrund, daß wir als Mitglieder der EU zum ersten Mal nach 60 Jahren zum Teil gleichen legislativen Bestimmungen unterliegen, die wir aber – im Unterschied zu damals – demokratisch-subsidiär beeinflussen können und auch müssen. Dazu gehört, daß wir historische Stolpersteine in der gegenseitigen, oft selektiven Wahrnehmung auch aus dem Wege räumen. Da gibt es noch einiges zu tun“, bilanziert Paleczek die Erfahrungen dieses mit der tschechischen Bernhard-Bolzano-Gesellschaft gemeinsam organisierten Kongresses.

Im Rückblick auf die sechs Jahrzehnte Wirken der Ackermann-Gemeinde erinnert der Generalsekretär besonders an zwei symbolische Gesten. „Im August 1955 hat der erste geistliche Bundesbeirat der Ackermann-Gemeinde, Pater Paulus Sladek, in Haidmühle an der bayerisch-tschechischen Grenze eine Entschuldigung für all das ausgesprochen, was von sudetendeutscher Seite an kultureller Mißachtung und Überheblichkeit gegenüber den Tschechen getätigt und gezeigt wurde.“ Und das zweite bewegende Ereignis liegt noch gar nicht so weit zurück. Es war am 12. November 1989 die Heiligsprechung der Agnes von Böhmen in Rom mit der Teilnahme vieler tschechischer Pilger, „ein sicherlich ganz besonders geistlich reicher Moment gemeinsamer Freude“.

Bei der Rückschau in die Vergangenheit darf natürlich der Blick in die Zukunft nicht fehlen. Doch in einer schnellebigen Zeit sind Pläne oder Visionen höchstens für die nächsten zehn Jahre zu formulieren. Andererseits dauern historische Prozesse und Entwicklungen durchaus auch länger als ein Dezennium. Dies sieht auch Paleczek so. „Aufgrund unserer Erfahrungen bauen wir keine zeitlich fixierten Erwartungshorizonte auf. Die Wunden, die sich Deutsche und Tschechen geschlagen haben, haben Langzeitwirkung. Nach der Wende haben wir gedacht, das sei in zehn Jahren erledigt. So ist es aber nicht“, beschreibt er die jüngsten Erfahrungen und hofft, „für die Heilung dieser Wunden eine gemeinsame Sprachregelung zu finden. Sonst wird es auch für die Zukunft schwer sein, gemeinsame Wege zu gehen.

Ich wünsche mir, daß man vorbehaltlos und öffentlich der Opfer jeglicher Gewalt gedenken kann, und zwar der Opfer um ihrer menschlichen Würde wegen, ohne daß dieses Gedenken politisch instrumentalisiert wird. Und ich wünsche mir, daß man in den Lehrbüchern lesen kann: Die Vertreibung 1945/46 war Unrecht und nicht lediglich eine logische Folge der vorangegangenen Gewalt. Und eine weitere Vision ist, daß wir – beispielhaft für andere Regionen, in denen nationalistische Gewalt vielfaches Leid gebracht hat – anhand unserer Arbeit zeigen können: Versöhnung ist möglich!“

Markus Bauer (KK)

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