Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1245.

Das erinnerte Kind

Zweiter Weltkrieg, Vertreibung und Flucht bilden den Stoff, aus dem die aus ihrer böhmischen Heimat als Kind vertriebene Margot Ehrich ihre Erzählungen, die Chronik ihres Lebens webt. „Es ist so lange her, sagen die Leute, daß du nicht vergessen kannst!“ Nein, sie kann und will nicht vergessen. Sie greift immer wieder zu ihrer „Ausstellung im Kopf“, um von dort Eltern, Jugendfreunde, Schulkolleginnen, von denen sie der Krieg getrennt hat, verlorene Orte und Wohnungseinrichtung, den alten Schulweg u.a.m. hervorzuholen.

Sie kann sich nicht für eine zweite und dritte Heimat erwärmen wie manche Menschen für eine Ersatzhaut nach einer Operation. Sie beschwört „die Vergangenheit, die in alten, auch verlorenen Schränken und Dingen als Geist weiterlebt, die wir niemandem zumuten möchten“, wie das während der Flucht verlorengegangene Taufbesteck („auch ein Vertriebener“), immer wieder, um sie den Menschen von heute als Memento vorzuhalten.

Hierin zeichnet sich eine Kontinuität zu ihrer Lyrik ab. Sie erzählt in erschütternden, sprachlich verdichteten kleinen Geschichten von Dingen, „wovon die Leute nichts hören möchten“, sie schreibt sie allerdings nicht nur „für Flüchtlinge. Die kleinste Zielgruppe“, wie ein Verleger irrtümlich meinte, sondern betreibt bewußte Kampagne gegen den immer wieder aufflammenden Krieg, in den „kleine Kinder gehetzt werden“, und die Massenvertreibungen unserer Zeit. Die nach menschlicher Wärme Hungernde genießt die Anwesenheit einer polnischen Putzfrau und ihre nach Zuhause schmeckende Sprache. Sie teilt die Ohnmacht der in die „reparierte Heimat“ abgeschobenen Bosnierin, deren kleiner Sohn, der nur deutsch spricht, um „seine deutsche Heimat weint“.

Das erinnerte Kind, dem durch die Vertreibung Verlust zugefügt wurde, der sich „nicht aufzählen ließ“, erlebt Trost und Zärtlichkeit mit kleinen Tieren (Eichhörnchen, Hase) und als Jugendliche an einem schwer erarbeiteten Ersatz-Klavier – ihrem „ersten Hund“ –, womit die Erzählerin lakonisch zu der ihr Leben begleitenden Anhänglichkeit zu Hunden hinüberleitet. Die auch im späteren Leben bekundete Freundlichkeit zur Kreatur findet ihren treffenden Ausdruck in einigen Geschichten zur Bannung ihres Einsamkeitsgefühls, nützt ihr jedoch zum Mitrudern „nach Osten … dorthin, wo (sie) immer hin schwimmt, nach Hause“.

Ein Besuch am alten Heimatort Leitmeritz, der „weg ist“ und nunmehr Litomerice heißt, gerät zum Schmerz, der verlangt, hinausgeschrien zu werden. Der Erzählerin gelingt es, weitere gesellschaftlich relevante Themen (die gegenseitigen Vertreibungen „wie im 30jährigen Krieg“ in der  alten Heimat, der Spitzelstaat DDR, die Haft in Bautzen, die Angst, die menschliche Beziehungen vergiftet und zur Flucht in den Westen führt, damit man sich selbst treu bleiben kann) durch eine adäquate Bildsprache und eine ideenreiche Erzählkonstruktion so zu gestalten, daß atmosphärische Dichte und thematischer Zusammenhang entstehen.

In den im bedrohlichen Schatten stehenden Erzählungen blüht die Lebensbejahung auf, sooft „der Tod verschwand“. Sie leisten einprägsam den Beweis, daß es eine endgültige Vertreibung aus der Heimat nicht gibt, denn „sie ist immer da, wenn ich sie brauche“.

Margot Ehrich: Mädchenlied. Erzählungen. Rimbaud Verlag (Rimbaud Taschenbuch Nr. 58), Aachen 2007, 112 S., 15 Euro

Julia Schiff (KK)

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