Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1321.

Das Forum möglichst reich „peuplieren“

Zehn Jahre Märkisches Gesprächsforum in Fürstenwalde

Die 30. Veranstaltung der Reihe Märkisches Gesprächsforum im Haus Brandenburg in Fürstenwalde Ende März stand im Zeichen des 300. Geburtstages Friedrichs des Großen. Reinhard Schmook, Direktor des Oderlandmuseums in Bad Freienwalde, sprach anhand reichhaltigen Bildmaterials über „Das Oderbruch – eine friederizianische Kulturlandschaft“.

Die Entscheidung des preußischen Königs, eine durch die nicht kontrollierte Oder fast unpassierbare Sumpflandschaft zwischen Küstrin und Hohenwutzen trockenzulegen und zu kultivieren, zählt zu den großen zivilisatorischen Leistungen Friedrichs (1747–1753). Dazu gehörte auch eine gezielte Ansiedlung von Bauern – „Peuplierung“ – aus vielen deutschen Landen, zumal die einheimische Bevölkerung nur aus wenigen slawischen Fischerfamilien bestand. Es wurden insgesamt 40 Dörfer für Kolonisten gegründet. Diese vermischten sich bald mit den alten Bewohnern.

Bis in unsere Gegenwart sind diese Ereignisse in positiver Erinnerung bei nicht wenigen Oderbruchlern. Stellvertretend wird das Dorf Letschin unweit Küstrin mit seinem bekannten Friedrich-Denkmal genannt, das seine Bewohner in DDR-Zeiten vor dem Einschmelzen versteckt hatten und nach der Wende wieder aufstellten. Schmook spannte seine Darstellung vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart, wo bekanntlich die Oder nach wie vor Probleme durch Überschwemmungen bereitet; es sei nur an die großen Fluten 1947 und 1998 erinnert. Oderbruch bedeutet aber auch die Seelower Höhen, die letzte große Schlacht des Zweiten Weltkrieges 1945 mit Zehntausenden gefallenen deutschen und russischen Soldaten; Reste werden auf den Feldern und Wiesen immer noch gefunden. Und Oderbruch bedeutet ebenfalls die Ansiedlung von Hunderten Familien deutscher Vertriebener aus der gegenüberliegenden Neumark, oft in Sichtweite ihrer verlassenen Grundstücke; in der DDR waren es „Umsiedler“. Es war eine eindrucksvolle und informative Präsentation einer Landschaft vor den Toren Berlins und auch Fürstenwaldes, erstaunlicherweise vielen Leuten kaum geläufig. Dies gilt auch für die Trockenlegungen des Warthebruches und des Netzebruches in friederizianischer Zeit, diese damaligen Leistungen werden von den heutigen polnischen Bewohnern anerkannt.

Die etwas genauere Schilderung des 30. Gesprächsforums soll deutlich machen, welche Konzeption diese 2002 initiierte Gesprächsreihe verfolgt. Sie wird vom Freundeskreis des Hauses Brandenburg getragen und ist Teil des Angebotes der Stiftung Brandenburg.

Das Forum behandelt Themen aus der Geschichte der Mark Brandenburg, aus der Kultur, Wirtschaft und Politik des heutigen Landes Brandenburg, aus den  Beziehungen und Kontakten zum polnischen Nachbarn östlich von Oder und Neiße und schließlich die Einstellungen, Bewußtseinslagen und Mentalitäten der Menschen beiderseits der Grenze, die ja heute keine mehr ist. Natürlich muß die Geschichte der Mark vor 1945 und während der Teilung berücksichtigt werden, schon um den Vorstellungen vieler Deutscher – nicht nur aus der ehemaligen DDR – entgegenzutreten, Städte wie Küstrin, Landsberg/Warthe oder Züllichau hätten schon immer zu Polen gehört. Aber es muß auch bei den Themen gefragt werden, was für die Gegenwart und die Zukunft, die nun mal im 21. Jahrhundert liegt, für die Menschen wichtig, wissenswert und interessant ist. Das kann nicht nur das Leben der Großeltern vor 1945 in der Neumark und die Vertreibung am Ende des Krieges sein, sondern es müssen auch die Entwicklungen seit Beginn der polnischen Zeit dargestellt werden sowie mit dem Ende der kommunistischen Herrschaft die sich entwickelnden Formen deutsch-polnischer Zusammenarbeit. Hier spielen die deutschen Heimatvertriebenen und die nun auch schon in der dritten Generation hier lebende polnische Bevölkerung eine zentrale Rolle. Es werden also die Angehörigen aller Generationen angesprochen, Rentner und Pensionäre der Erlebnisgenerationen, der altersmäßige Mittelbau der Berufstätigen, die ihre bewußte Sozialisation in der DDR erfuhren, und schließlich Auszubildende, Studenten und Schüler, vielfach nach 1989 geboren, die den Sozialismus nicht mehr erlebt haben. Allerdings sollte der Einfluss der Elternhäuser nicht unterschätzt werden, wie immer wieder Lehrer in den neuen Ländern beobachten.

Die Gesprächspartner waren und sind durchaus bekannte und prominente Namen, Gäste des Forums waren u.a. Manfred Stolpe, Jörg Schönbohm, Hinrich Enderlein, Gesine Schwan, Krzysztof Wojciechowski, Zbigniew Czarnuch, Hanna Nogossek, Klaus Brähmig, Martina Münch. Am 30. August sprechen der Präsident der Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR, Klaus Weigelt, und der Bundestagsabgeordnete Hans-Georg von der Marwitz, der seit 1990 den alten Familienbesitz am Rande des Oderbruchs in Friedersdorf wieder bewirtschaftet, über die europäische Dimension der ostdeutschen Kultur. Erstaunen und Bedauern hat die Absage der BdV-Präsidentin Erika Steinbach hervorgerufen. Gerade die Region östlich Berlins bis zur Oder ist vertriebenenpolitisch so etwas wie eine Diaspora; ein persönliches Auftreten von Erika Steinbach hätte manches Vorurteil gegenüber ihrer Person und der Politik des Bundes der Vertriebenen abgebaut.

Nach zehn Jahren Märkisches Gesprächsforum sollte nach der Resonanz in Fürstenwalde und der umliegenden Region gefragt werden. Die Antworten fallen unterschiedlich aus. Ohne Zweifel hat sich eine Art Stammpublikum zwischen 40 und 60 Interessenten etabliert, was natürlich von den Themen abhängt. Der Einflußbereich liegt zwischen Berlin und Frankfurt/Oder mit dem Zentrum Fürstenwalde. Generell macht sich aber bemerkbar, daß ein sogenanntes Bildungsbürgertum in Gemeinden dieser Größenordnung sich erst zu entwickeln beginnt. Eindeutig nicht zufrieden dürfen wir uns mit den Reaktionen aus den Gymnasien und Oberschulen geben. Trotz regelmäßiger Einladungen kommen bisher nur vereinzelt Lehrer und auch Schüler.

Lothar Hoffrichter, Kommunalpolitiker in Fürstenwalde und Mitstreiter im Freundeskreis, weist auf ein gesellschaftspolitisches und atmosphärisches Problem gerade in dieser Region hin. Das Haus Brandenburg mit seinen Angeboten und Initiativen wird von vielen Menschen immer noch mit dem Negativbild des Vertriebenenverbandes assoziiert. Das ist erstaunlich, weil gerade hier 1945/46 viele Vertriebene ihre neue Bleibe fanden, die Nachfahren noch heute hier leben. Aber prägender noch hat offenbar die Sozialisation durch die DDR gewirkt.

Für die Arbeit von Stiftung und Freundeskreis bedeutet das, es müssen weiter dicke Bretter gebohrt werden, und für dieses Ziel ist es ermutigend, daß die Stadt Fürstenwalde die Arbeit des Hauses Brandenburg als unverzichtbaren Teil der kulturellen Szene im Landkreis und darüber hinaus bezeichnet. Ungelöst bleibt allerdings die Situation, daß das Haus Brandenburg als ostbrandenburgisches Landesmuseum nach wie vor nicht öffentlich gefördert wird wie die Landesmuseen der Ostpreußen, der Pommern oder der Schlesier. Hier ist nach wie vor die Politik gefordert, und die beginnt im Land Brandenburg.

Karlheinz Lau (KK)

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