Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1245.

Das Gegenüber von einst fürs Miteinander nutzen

Ausstellungspremiere in Polen: Gegenüberstellung von polnischem Königtum und Deutschem Orden auf der Marienburg

„Imagines Postestatis“, Insignien der Macht des polnischen Königtums und des Deutschen Ordens, in einer Ausstellung gemeinsam zu präsentieren ist ein schwieriges Unterfangen. Die Leitung der Marienburg hatte sich damit ein hohes Ziel gesteckt. Es sollte die erste Ausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen sein, die den Orden nicht im alten, dem Roman von Henryk Sienkiewicz nachempfundenen Bild des Kreuzritters verkörperte, der mordend und brennend, sozusagen mit dem Schwert quer im Maule, durch die Landschaft reitet. Die Planung, im Zusammenhang mit dem 800jährigen Jubiläum 1990, auf der Marienburg eine Ausstellung über den Orden im Nordosten Europas zu organisieren, war an der Unmöglichkeit der langfristigen Finanzplanung der ersten frei gewählten Regierung Mazowiecki gescheitert.

Nun dieses Projekt, das in der Vorbereitungsphase auf ebensoviel Skepsis wie Zustimmung stieß. Der Hochmeister des Deutschen Ordens in Wien entschied sich für eine großzügige Unterstützung mit Leihgaben aus der Ordensschatzkammer und dem Zentralarchiv des Ordens; zur gleichen Zeit gingen Leihgaben zur Elisabeth-Ausstellung auf die Wartburg und zu einer Ausstellung auf die Schallaburg in Niederösterreich. Das Marienburger Ergebnis gibt ihm recht.

In ständiger Gegenüberstellung von polnischem Königtum und Deutschem Orden wird eine Zeit vom späten Mittelalter – schwerpunktmäßig vom 14. Jahrhundert an – bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, überwiegend in kostbaren Originalen, selten mit Repliken, in fünf Abteilungen präsentiert: Herrschaftszeichen, Herrschaftspräsentation, Zeichen von Majestät in allegorischer und symbolischer Form, Zeichen der Frömmigkeit, Zeichen militärischer Macht.

Man erwartet für die polnische Seite in Polen ein Übergewicht der Objekte. Das ist der Fall, jedoch nicht viel mehr als zur Hälfte, und gilt speziell für die letzte Abteilung – der militärische Aspekt der Ordensvergangenheit ist bewußt zurückgenommen worden. Aus Polen sind herausragende Stücke zu sehen, doch muß sich der Orden von der Qualität der Exponate her auch nicht verstecken. Hochmeisterinsignien, Ordensstatuten, eine in Europa einmalige Schwerterkette, kostbares Tafelgeschirr stehen neben einer Vielzahl von Münzen, Siegeln, Kupferstichporträts, Urkunden. Gerade für den geistlichen Bereich sind ganz besondere Stücke zu sehen, zwei Schreinmadonnen, das Reliquiar des Elbinger Komturs Thilo von Lorich, eine bislang völlig unbekannte Georgsplastik, eine Reliquienbüste der heiligen Barbara, Christus im Ölberg, die Wiener Ablaßtafel von 1513 und manches mehr. Selbst der Fachmann ist überrascht und sieht Neues.

Neben Polen sind neun Länder als Leihgeber vertreten, vor allem Deutschland, mit besonderen Objekten aber auch Budapest, London, New York, Paris und Wien. Der bedeutendste ausländische Leihgeber – von der Zahl wie der Bedeutung der Objekte her – ist jedoch der Deutsche Orden.

Er bietet letztlich auch den Rahmen für die Präsentation. Sie findet statt im Hochmeisterpalast und im sehr gut restaurierten und zu diesem Anlaß wiedereröffneten Großen Remter des Mittelschlosses der Marienburg, dem mittelalterlichen Hochmeistersitz. Der terminliche Anlaß der Ausstellung bindet ebenfalls den Orden ein, wenngleich in historisch leidvoller Beziehung zu Polen: Am 8. Juni 1457, vor genau 550 Jahren, mußte der Hochmeister die Marienburg räumen, da er sie seinen Söldnern verpfändet hatte, die er nicht bezahlen konnte und die deshalb die Burg an den polnischen König weitergaben, der ihnen mit dem Geld Danzigs ihren Sold zukommen ließ.

Schließt dieser für den Orden so negative Vorgang nicht die Beteiligung an einer solchen Ausstellung aus? Der Hochmeister, der eigens zur Eröffnung nach Marienburg gereist war, hat im Grußwort des Kataloges wie bei der Eröffnung die Frage angesprochen: Wenn der Deutsche Orden sich zu diesem für ihn belastenden Jubiläum vom Hochmeistersitz Wien aus mit wichtigen Leihgaben an einer großen Ausstellung „Imagines Postestatis“ beteiligt, dann ist das scheinbar genauso historisch unlogisch wie die Tatsache, daß Polen das Schloß der einstigen Gegner in hervorragender Form restauriert und in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes hat eintragen lassen. Beide Vorgänge machen deutlich, daß es heute nicht mehr um die Pflege einer historischen Gegnerschaft geht, sondern um eine Kooperation zur Aufdeckung kultureller Gemeinsamkeiten in einem bereits im Mittelalter, erst recht aber in der Gegenwart vorhandenen gesamteuropäischen Rahmen, in dem sich die Geschichte des Deutschen Ordens wie auch Polens abspielte und weiterhin abspielen wird.

Dieser Akzent ist in der gesamten Ausstellung deutlich und war auch in der Eröffnung sicht- und hörbar. Sie fand auf ungewöhnliche Weise statt, unter freiem Himmel im großen Hof des Mittelschlosses vor den geladenen Gästen und allen Besuchern, die sich gerade in der Burg befanden. Zu ihr gehörte – in Polen üblich – ein Spektakel zu Beginn: In einem halbstündigen Spiel versicherten die Söldner dem Hochmeister ihre Treue, verlangten ihren Sold, trieben letztlich den Hochmeister aus der Burg und bejubelten den Einzug des polnischen Königs. Anschließend begrüßte Direktor Dr. Mariusz Mierzwinski, führte Ausstellungsleiter Dr. Janusz Trupinda thematisch ein und sprach der Hochmeister ein auf die Ausstellung und den Ausstellungsort abgestimmtes Grußwort, das nicht zuletzt die Perspektiven Marienburgs und der Gemeinsamkeit im zukünftigen Europa betonte. Der Ausstellungsbesuch ist allen Burgbesuchern ohne zusätzlichen Eintritt möglich.

Genauso öffentlich für alle Besucher der Burg ging es weiter, die Bewirtung im „Hochmeistergarten“, einem mit blühenden Rosenstöcken ausgestatteten Teil des Parchams, war großzügig, im Hof des Hochschlosses wurde vom Ensemble „Nomina Rosae“ aus Nowy Sacz (Neu-Sandez) im südlichen Polen ein eindrucksvolles Spiel nach der mittelalterlichen Ordenschronik des Peter von Dusburg geboten. Der Tag endete mit einem Festessen für geladene Gäste im Remter des Hochschlosses, wo vor sechs Jahrhunderten die Ordensbrüder aßen – ein seltsames Gefühl beschleicht einen dabei.

Was bleibt über das gute polnische Presseecho der Eröffnung und die Ausstellung hinaus? Zum einen sicher der positive Eindruck, den der Orden mit dem Hochmeister und der Delegation von drei Ordenspriestern und einem Diakon bei der Eröffnung hervorgerufen haben. Zum zweiten ein anderes, revidiertes Bild des Ordens für den normalen polnischen Besucher – wenn nur 20 Prozent der Burgbesucher die Ausstellung sehen, wird es eine ansehnliche sechstellige Anzahl sein. Zum dritten ein opulenter Katalog. Er stellt einführende Aufsätze von den führenden Historikern auf ihrem Gebiet in polnisch, deutsch und englisch an den Beginn: „Marienburg – Königsberg – Mergentheim: Residenzen der Hochmeister“ (Udo Arnold); „Der Dreizehnjährige Krieg (1454–1466) und die Umstände der Einnahme der Marienburg durch König Kazimierz Jagello“ (Marian Biskup); „Das polnische Krönungszeremoniell“ (Zbigniew Dalewski); „Der Deutsche Orden im Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit (1494–1662)“ (Bernhard Demel); „Der polnischen Könige Ordo pompae funebris und der Nachruf (postum commemoratio)“ (Przemyslaw Mrozowski). Am bemerkenswertesten ist vielleicht das Thema, mit dem der Katalog beginnt und das die Intention der Ausstellungsmacher im Hinblick auf den Orden verdeutlicht: „Der Deutsche Orden als geistliche Gemeinschaft“ (Udo Arnold). Auch die Sprachregelung signalisiert eine andere Sichtweise: Es heißt nicht mehr „Krzyzacy“, also „Kreuzritter“, sondern „Zakon Niemiecki“, also „Deutscher Orden“. Der eigentliche Katalogteil, in polnisch, hat zum Teil umfangreiche Einzelartikel zu den Objekten auf neuester Forschungsbasis und ausgezeichnete Abbildungen. Er ist ein regelrechtes Schmuckstück zu einem durchaus erschwinglichen Preis.

Für ein Fazit der Ausstellung ist es zu früh. Doch bereits jetzt läßt sich sagen, daß es sich um die größte Ausstellung handelt, die in der Marienburg nach dem Krieg gezeigt wurde, um die erste, die in Polen den Deutschen Orden mit ins Zentrum stellt, und schließlich um die für das Bild des Ordens in Polen intentional wichtigste. Mögen viele polnische und ausländische Besucher die Chance des
Besuchs nutzen und damit das hochgesteckte Ziel der Marienburger Kollegen Realität werden lassen. Das Urteil eines deutschen Museumsfachmannes ist jedenfalls eindeutig: Ich war sehr, sehr beeindruckt … Für deutsche Verhältnisse war der Besucherandrang – nicht zuletzt auch wegen des Begleitprogramms – ungewöhnlich groß. Das Thema „Deutscher Orden“ erfreut sich offensichtlich in Polen einer immer größer werdenden Beliebtheit, zumal, wenn es mit dem Thema polnische Königs- und Großmacht im Mittelalter verknüpft wird. Dem Orden in Wien ist es zu danken, daß er mit wesentlichen Teilen aus seiner Schatzkammer zum Erfolg der Ausstellung beigetragen hat.

Schade nur, daß die deutsche Öffentlichkeit in diesem Sommer mehr nach Warschau als nach Marienburg schaut.

Katalog: Imagines Postestatis. Insygnia i znaki wladzy w Królestwie Polskim i Zakonie Niemieckim, hg. v. Janusz Trupinda, Malbork 2007. 516 S., 32,5 x 24,5 cm, mit farbiger Abbildung fast aller Exponate auf Kunstdruck. 100 Zloty

Udo Arnold (KK)

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