Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1283.

Das Gleichnis vom Gewehr

Von Rußland lernen heißt rechnen lernen – mit dem Schlimmsten

Verrückte Welt! Aus – leider! – täglich gegebenem Anlaß, vom Kosovo bis nach Afghanistan, wird in Kommentaren oftmals ein griffiges Wort des russischen Dichters und Dramatikers Anton Pawlowitsch Tschechow zitiert, wenn jemand die teuflische Dynamik von Drohgesten zu Kriegsakten in Erinnerung rufen möchte: Wie Tschechow sagte (beginnen in aller Regel diese Kommentare), muß ein Gewehr, das im ersten Akt an der Wand hängt, im dritten losgehen.

Das leuchtet ein, zumal in Deutschland mit seinen soliden Waffengesetzen. Obwohl man da seit einigen Jahren und nach mehrfachen „Amokläufen" halbwüchsiger, aber auch erwachsener „Waffennarren" nicht mehr ganz sicher sein kann. Aber anderswo gilt noch, à la Tschechow, daß vorhandene Waffen zu ihrem Einsatz zwingen, und dann hat die internationale Gemeinschaft den Salat, mit KFOR, ISAF und anderen Truppen die mörderischen Gerätschaften wieder unschädlich zu machen.

Nur: Tschechow hat das einprägsame Diktum nie geäußert. Als Urheber gilt sein Freund Wladimir Iwanowitsch Nemirowitsch-Dantschenko (1858–1943). Der hatte mit Konstantin Sergejewitsch Stanislawski (1863–1938) in Moskau das legendäre „Künstler-Theater" gegründet, das am 17. Dezember 1898 mit Tschechows „Möwe" eine triumphale Eröffnung erlebte. Von falschem Pathos und theatralischer Konvention wollten die Theatermacher weg, und Tschechows realistische Dramen kamen ihnen gerade recht. Deren innere Logik hatte Nemirowitsch-Dantschenko drastisch so ausgedrückt: Wenn im ersten Akt eines Dramas eine Büchse an der Wand hängt, dann hat sie im letzten loszugehen.

So kam das Wort auf die Welt und wird permanent zitiert – mit falscher Urheberangabe. Macht nichts! Die Russen lieben es auch und haben es noch auf viele Theatergrößen variierend angewendet. Zum Beispiel auf den großen Wsewolod Emiljewitsch Meyerhold (1874–1940), dessen „Biomechanistisches Theater" voller Groteske, Pantomime, Akrobatik etc. sie so ironisierten: Wenn im ersten Akt eines Dramas eine Büchse an der Wand hängt, dann rattert im letzten ein Maschinengewehr.

1940 wurde Meyerhold von Stalins Schergen im Gefängnis, wo er schon zwei Jahre saß, erschossen. Dreißig Jahre später waren in der Sowjetunion wieder Tschechows handlungsarme, aber psychologisch tiefgründige Dramen Vorbild für junge Autoren, allen voran Aleksandr Valentinowitsch Wampilow, 1937 geboren und 1972 auf dem Baikalsee verschollen, aber bis heute unvergessen. Vor allem wegen seines Dramas „Die Entenjagd": Eine Gruppe Menschen vertreibt sich die anderthalb Monate bis zu einer geplanten Entenjagd mit Getränken und Gesprächen, wobei es bald zum Streit kommt. Einer geht auf den anderen mit einer Waffe los und warnt ihn, die Knarre sei geladen. Aber dann wird doch nicht abgedrückt, und alles endet, wie es begann, in Melancholie und Traurigkeit. Fröhlich waren da nur die Kommentare der Theaterzuschauer: Wenn bei Wampilow im ersten Akt eine Büchse an der Wand hängt, dann hat sie im letzten Ladehemmung.

Scherz beiseite! Spielt es eine Rolle, wer dieses griffige Gleichnis von der Waffe als erster äußerte? Richtig und warnend bleibt es in jedem Fall, und eigentlich steht es ja schon in den biblischen Sprüchen Salomonis: Wie einer heimlich mit Geschoß und Pfeilen schießet und tötet, also tut ein falscher Mensch mit seinem Nächsten und spricht danach: Ich habe gescherzet.

Wolf Oschlies (KK)

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