Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1340.

Das nachlastende Jahrhundert

2014 ist ein europäisches Gedenkjahr, das den Blick nach Osten lenken sollte

Das-nachlastende2014, das Jahr zahlreicher Jubiläen und Gedenktage, ist angebrochen. Das Ereignis mit der bis heute zutiefst nachlastenden Wirkung begann im Sommer vor hundert Jahren, und die Beteiligten waren wie „Schlafwandler“ in die Katastrophe getorkelt – so hat es der australische Historiker Christopher Clark 2013 schon im Titel seines umfassenden und bahnbrechenden Werkes über den Weg Europas in den Ersten Weltkrieg ausgedrückt.

Die für das sich anbahnende Inferno verantwortliche Generation steckte mit ihrem Denken noch tief im 19. Jahrhundert, hatte die Schlachten von Waterloo 1815 bis Sedan 1870 noch im Kopf, die Feldherren auf den Hügeln und die Truppen, gelenkt über berittene Kuriere, fern im Blick durch ihre Feldstecher, außerstande, ein jahrelanges Morden wie in Verdun (1916) auch nur zu erahnen. War doch der Auslöser dieser Kettenreaktion von Kriegserklärungen mit ihren Folgen noch ganz im Traditionellen verhaftet, ein simpler Pistolenschuss, der bei ähnlich gelagerten Attentaten zuvor nie eine vergleichbare Reaktion gezeitigt hatte.

Und dann das: Ehe die Kabinettspolitik früherer Jahrhunderte und mit ihr die oft noch vorhandene Ehrerbietung und Wertschätzung gegenüber dem Unterlegenen verabschiedet wurde und die einseitige Schuldzuweisung und Verurteilung des nicht an den Verhandlungen beteiligten Verlierers die Arroganz der Siegermächte befeuerte, war zuvor auf den Schlachtfeldern der Mensch abgeschafft und zum Objekt und Opfer waffentechnischen Wahnsinns degradiert worden. Der bis heute schreckeinflößende Begriff dafür war „Materialschlacht“, der den Krieg zwischen Bomben, Kanonen und Panzern beschwor und die Hekatomben von Blut und Tod leibhaftiger Menschen darunter vergrub.

Was zuerst zu beklagen ist, die Millionen von Opfern – 17 Millionen im Ersten, das Vierfache im Zweiten Weltkrieg – oder die weltverändernden Folgen, die das Antlitz der Erde bis heute verunstalten, mag der Historiker oder jeder für sich entscheiden.

Das nachlastende und nachwirkende 20. Jahrhundert stellt die verantwortliche Politik gerade 2014 vor unerledigte oder noch gar nicht hinreichend in den Blick genommene Aufgaben, die aus Anlass der vielfältigen Gedenken dringend auf die Tagesordnung zu setzen sind.

Tatsache ist, dass bis heute die Pariser Vorortverträge von 1920 das Zusammenleben der Völker in Mittel- und Südosteuropa, die inzwischen EU-Mitglieder sind, nachhaltig belasten, ohne dass die Europäische Union diese historische Erblast auch nur hinreichend zur Kenntnis nimmt.

Tatsache ist weiter, dass die Nachwirkungen der totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts, die in der Folge des Weltkrieges als Nachfolger der mittelalterlichen europäischen Großreiche entstanden, einschließlich nachteiliger Legendenbildungen über Kommunismus und Nationalsozialismus nach ihrem „Ableben“, das aktuelle politische Leben in Europa weiter beeinflussen und zu einem dauerhaften Dissens zwischen Ostmittel- und Westeuropa in der EU beitragen.

Das-nachlastende2Tatsache ist schließlich, dass die ostdeutsche Kultur als nationales deutsches Kulturerbe, deren Zerstörung mit dem Ersten Weltkrieg begann und in den Herkunftsregionen der deutschen Heimatvertriebenen und Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg gigantische Ausmaße annahm, mehr und mehr aus dem öffentlichen Bewusstsein schwindet, ohne dass diese Tatsache hinreichend in die politische Verantwortung einbezogen wird.

Zu den bleibenden Folgen zählt auch die Tragik der europäischen Mitbürger jüdischen Glaubens, die im Ersten Weltkrieg an vielen Fronten für ihre Völker Leben und Gesundheit eingesetzt und verloren hatten, danach aber von deutscher Seite her in ein todbringendes Getto gepresst wurden, was im größten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte an diesem Volk endete. Aber auch hier ist es Tatsache, dass eine jahrzehntelange beispielhafte Bearbeitung aller Fragen des Holocausts in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg die ständige Herausforderung durch Antisemitismus und Fremdenhass nur unwesentlich geschmälert und die Wucherungen dieser Saat noch nicht definitiv beseitigt hat.

Zugegeben, dieser knappe Rückblick stimmt nicht froh, aber bei einer Rückschau kann es auch nie bleiben. Das nachlastende und nachwirkende 20. Jahrhundert stellt die verantwortliche Politik gerade 2014 vor unerledigte oder noch gar nicht hinreichend in den Blick genommene Aufgaben, die aus Anlass der vielfältigen Gedenken neben der wohlfeilen Betroffenheit, von der in diesem Jahr sicher vielerorts zu hören sein wird, dringend auf die Tagesordnung zu setzen sind.

Dazu gehört eine europaweite Debatte über die bis heute erkennbaren Folgen von Versailles. Der misslungene Friede und seine Bedeutung vor allem für Südosteuropa könnten gerade von der griechischen Präsidentschaft im ersten und von der italienischen im zweiten Halbjahr 2014 zum Gegenstand ihrer Agenda gemacht werden, ergänzt von Debatten im Europäischen Parlament. Otto von Habsburg würde sich, wenn er noch lebte, eindringlich zu Wort melden. Es ist nicht gemeinschaftsfördernd, wenn ausgerechnet Ungarn, das bis heute unter dem Vertrag von Trianon am meisten zu leiden hat, für die bilaterale Politik zugunsten seiner Landsleute in allen sieben Nachbarstaaten von der Europäischen Union nicht nur nicht unterstützt, sondern zudem gerügt wird.

Dazu gehört weiter eine offene Diskussion über die Bewertung der beiden menschenverachtenden Diktaturen des 20. Jahrhunderts und ihrer Verbrechen. Seit der EU-Erweiterung von 2004 ist der diesbezügliche Dissens in den Bewertungen zwischen West und Ost offenkundig, weil der Westen die Leiden der Menschen unter dem Kommunismus nicht kennt. Seit der berühmten Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker 1985 und der Frage von Hubertus Knabe 2005: „Tag der Befreiung?“, ist zudem klar, dass der 8. Mai 1945 nur aus der Perspektive der Westorientierung als „Befreiung“ empfunden werden konnte. Eine Berliner Konferenz mit über hundert Historikern Ende September 2013 erbrachte keine Verständigung über diese Fragen. Umso wichtiger ist es, weiter darüber zu reden, zumal Klasse- und Rasse-„Gedanken“ als Wurzeln tiefer Menschenverachtung weiter ihr Unwesen treiben. Hier geht es um die bleibende Verantwortung für kommende Generationen.

Unter der Perspektive der Westorientierung leidet schließlich auch die ostdeutsche Kultur, die zusammen mit der jüdischen zum Opfer eines menschenverachtenden Größenwahns wurde und heute als „nationales Erbe“ über die Förderung nach § 96 BVFG von einigen finanziellen Brosamen leben und für ihre Bewahrung um jeden Cent betteln muss, weil sie auf keiner Prioritätenliste steht und kaum mehr auf Verständnis stößt. Im Wesentlichen sind es Ehrenamtliche, die immer wieder unermüdlich die nationale Bedeutung des ostdeutschen Kulturerbes in Erinnerung rufen und vor der grassierenden Geschichtsvergessenheit warnen. An den Universitäten und in den Schulen hat man inzwischen die Lehrpläne weitgehend von historischen und kulturellen „Relikten“ des europäischen deutschen Ostens „gesäubert“ und fördert damit auch das Unverständnis unseren ostmitteleuropäischen EU-Partnern gegenüber, wie die gegenwärtige Migrationshysterie beweist. Zum Ausgleich werden „Anglizismen“ und eine Amerikanisierung der Lebensverhältnisse – Westorientierung eben – geboten. Gerade 2014 ist ein Gedenkjahr, das den Blick nach Osten richten sollte, damit diese Region nicht ausschließlich als „Bloodlands“ in die Erinnerung rückt, wie sie Timothy Snyder 2011 beschrieben hat, oder als Heimat eines alten ehrwürdigen Volkes, das als „Zigeuner“ den deutschen Wohlstandsbürger bedrohen soll.

Klaus Weigelt (KK)

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