Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1283.

Das Rätsel des „Tschechoslowakischen“

Die kulturelle Einheit Europas wurde im Osten aufrechterhalten

Ein blasser Brüsseler Herbstmorgen – es war der des 10. November 1989. Am Abend vorher hatte in Berlin Günther Schabowski aus Versehen oder aus Schusseligkeit die Mauer geöffnet und damit letztendlich die DDR und den real vegetierenden Sozialismus in Europa abgeschafft. In der vornehm „Pressecorps" genannten Journalistenmeute, die den Pressesaal der EG-Kommission bevölkerte, gab es niemanden, der die Nachrichten aus Berlin nicht so gedeutet hätte.

Deshalb waren alle überzeugt, daß Kommissionspräsident Jacques Delors selbst im Pressesaal erscheinen und eine Erklärung abgeben würde. Das tat er dann auch. Er hat in den zehn Jahren seiner Amtszeit viele Erklärungen abgeben müssen, aber die vom 10. November 1989 war eine seiner besten und hat viel zu den konstruktiven Entwicklungen beigetragen.

Am Vormittag hatte mich der damalige Pressesekretär der tschechoslowakischen Botschaft beim Königreich Belgien – nicht bei der EG, so etwas hatten die osteuropäischen Staaten 1989 noch lange nicht – deshalb telefonisch gebeten, ihn mit in den Pressesaal zu nehmen. Ein eigenes Akkreditionsrecht für das diplomatische Personal der „sozialistischen Länder" gab es auch noch nicht, aber als Gast eines Akkreditierten hatten sie Zutritt. (So kompliziert war auch in Brüssel vor 20 Jahren die Welt!)

Wir trafen uns an der Metrostation des damaligen (scheußlichen) Kommissionsgebäudes am „Rond point Schuman". Ein belgischer Kollege schloß sich an. Auf dem Weg zum Pressesaal fragte er mich verhalten, was in dieser Tschechoslowakei eigentlich für eine Sprache gesprochen werde, Tschechoslowakisch etwa? Ich erläuterte, die Tschechen sprächen Tschechisch, die Slowaken Slowakisch, aber der eine wisse, was der andere gesagt habe. Er konnte gerade noch sagen: „Es gibt also ein Slowakisch", dann erschien der Kommissionspräsident im völlig überfüllten Pressesaal.

In der Kantine kam der Belgier noch einmal auf seine neuen Informationen zurück: „Dann ist es in der Tschechoslowakei ja so wie bei uns in Belgien, nur umgekehrt. Bei uns spricht auch jeder seine Sprache, aber der eine will nicht verstehen, was der andere gesagt hat." So war das einmal: Ostmitteleuropa war für die „alten EWG-Europäer" unendlich weit weg, eigentlich wurde es nicht mehr als Teil Europas wahrgenommen, wenn es überhaupt je so wahrgenommen worden war.

In Belgien etwa gab es niemanden, der etwas mit der Information anfangen konnte, daß eine der bedeutendsten Frauengestalten der neueren europäischen Kulturgeschichte, Maria Walewska, die polnische Geliebte Napoleons, bei Lüttich gestorben ist. Jean Monnet, der eigentliche Schöpfer der EG, hat jede geographische Definition seiner Visionen immer vermieden, die anderen, auch Robert Schuman, obwohl als Offizier der deutschen Armee des Ersten Weltkrieges an der Ostfront eingesetzt, der Belgier Spaak, erst recht Sicco Mansholt, der immer zwielichtiger werdende Verursacher der gemeinsamen Agrarpolitik, und besonders Konrad Adenauer konnten und vor allem wollten sich nur ein „burgundisches Europa" vorstellen, in dem Brüssel als Mittelpunkt des Systems der Politik- und der Sicherheitskoordinaten angesehen wurde.

Einzig der französische Präsident Charles de Gaulle hatte mit seiner Vision vom „Europa der Vaterländer vom Atlantik bis zum Ural" noch die „vereinigten Kulturstaaten von Europa" (Henry Kissinger) im Blick, die einmal so selbstverständlich waren, daß man sie nicht einmal so genannt hat. (Bei aller Loyalität zu seinem Freunde „de Johl" wurde dagegen Adenauer nicht müde, sein Schreckensbild von der „Soffjetunion mit ihre Monjolen als jrößte Jefahr für et Abendland" zu beschwören, wobei nie klar wurde, ob nicht auch schon die Bulgaren, die Polen oder die Slowaken zu „de Monjolen" zählten).

Prägnanter als der scharfsinnige und -züngige polnische Publizist Kazimierz Brandys in seinem „Warschauer Tagebuch" von 1981 kann man diese Wirklichkeit nicht beschreiben: „Wir sind an Stalin verkauft worden, damit Westeuropa sich unter amerikanischem Schutz mit sich selbst beschäftigen konnte." Die kulturelle Einheit des Kontinents ist von den Völkern Ostmitteleuropas aufrechterhalten worden, die seit dem 1. Mai 2004 zur EU gehören, Europa hat die dafür nötigen moralischen, politischen und rechtlichen Ressourcen aus seinem überlieferten kulturellen Zusammenhalt gewonnen. Jetzt hat die alte EU immer noch eine lange Wegstrecke des Lernens und der Selbstüberprüfung vor sich, um ihre Defizite im Bewußtsein dieser von Osteuropa aufrechterhaltenen kulturellen Einheit auszugleichen.

Das alte Polen bildet dafür ebenso wie die österreichisch-ungarische Monarchie (die nicht zugrunde gegangen ist, sondern zugrunde geredet und geschrieben wurde) brauchbare Beispiele. Bei beiden waren es gemeinsame kulturelle und gesellschaftliche Wertanschauungen und vor allem gemeinsam anerkannte Lebensformen, aus denen der Zusammenhalt gewonnen wurde. Der EU fehlt dieses gemeinsame kulturelle Überzeugungsdach, aber ihr Monnet-Prinzip, „Souveränität gemeinsam auszuüben", ist ein vielversprechender Anfang.

„In der Seele gibt es keine Zeit", hat der Breslauer Norbert Elias geschrieben. Das gilt auch für die Stimme des ungarischen Rundfunksprechers vom Morgen des 4. November 1956: „Auf den Türmen des 1000jährigen Ungarn verlöschen die Wachtfeuer." Und nicht weniger für das Rasseln der Ketten jener russischen Panzer, die am 21. August 1968 vom Flughafen Rudzine in die Prager Innenstadt fuhren. Sie bleiben im Gedächtnis – mit vielleicht einer Ausnahme mitten in Prag.

Dietmar Kunze (KK)

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