Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1250.

Das Spiel der Könige als Ernst der Künstlerin

Helga von Berg-Harder gewinnt dem Schach eigene Faszination ab

„Schach ist das einzige Spiel, das allen Völkern und allen Zeiten zugehört und von dem niemand weiß, welcher Gott es auf die Erde gebracht, um die Langeweile zu töten, die Sinne zu schärfen, die Seele zu spannen.“ Mit diesem Satz aus der Schachnovelle von Stefan Zweig stimmte Dr. Klaus Lefringhausen die Vernissagebesucher auf die Ausstellung „Faszinationen aus der Welt der Schachfiguren“ ein. Die Fotokünstlerin Helga von Berg-Harder zeigt bis Ende Januar im Theaterfoyer von Haus Lörick in Düsseldorf eine Auswahl ihrer Arbeiten, bei denen sie Schachfiguren durch die fotolyrische Linse betrachtet hat.

Mit Fotolyrik und dem Thema Schach – als ältestes und verbreitetstes Spiel der Welt – befaßt sich die in München geborene und in Mecklenburg, Schlesien, im Erzgebirge sowie in Bayern und Württemberg aufgewachsene Helga von Berg-Harder schon seit einigen Jahren. Es ist für die Dozentin der künstlerischen Fotografie für Erwachsenenbildung „Bewußteres Sehen – kreatives Fotografieren“ immer wieder faszinierend, festzustellen, daß sich auf dem Schachbrett Kultursymbole aus aller Welt versammeln. Da kämpfen beispielsweise afrikanische Stämme gegeneinander, Kirgisen gegen Russen, die jüdische Klagemauer gegen eine Moschee, streitbare Krieger aus der asiatischen Götterwelt, oder es wird das Drama menschlicher Konflikte auf die Tierwelt übertragen. Das über Jahrhunderte und Zivilisationen hinweg beliebte königliche Spiel hat eine Vielzahl heimischer Prägungen erhalten. Einige davon hat die Künstlerin in ihren Bildern festgehalten.

Und weil Schach zum Kulturerbe der Menschheit gehört, haben verschiedene Völker die Figuren nach ihrem eigenen Weltbild gestaltet. Die Künstlerin Helga von Berg-Harder hat in ihren Bildern die Dramatik einzelner Spiele aufgegriffen und für die Betrachter greifbar beziehungsweise erlebbar gemacht. So etwa fängt sie mit der Fotolinse Szenen ein, bei denen die Moschee gegen die Klagemauer oder Afrikaner gegen Dschingis-Khan aufgestellt sind. In anderen Arbeiten stellt von Berg-Harder Figuren einfühlsam in menschliche Situationen, wie zum Beispiel eine buddhistische Figur, die sich in einer Blüte wiegt.

Ein Rundgang durch die Ausstellung ist zugleich eine Zeitreise durch die Geschichte der Menschheit und der Schachfiguren rund um den Globus. In indisch-persischer Vorzeit war es zunächst ein Spiel fürs strategische Kräftemessen. Die Aufklärung entdeckte es neu, weil es die emotionsfreie Vernunft schulte, und dann bekam es auch demokratiepolitische Bedeutung, weil sogar der kleine Bauer den großen König matt setzen kann.

Insgesamt sind 65 Bilder ausgestellt, darunter E-Prints auf Leinen und analoge Farbfotografien, die, mit Licht und Schatten sowie mit Vorder- und Hintergrund spielend, ungewöhnliche Perspektiven und phantasievolle Eindrücke entstehen lassen.

Bereichernd ist die originelle Idee, die faszinierenden, farbintensiven Bildkompositionen gemeinsam mit realen Schachfiguren in einer einzigen Präsentation zu zeigen. In Glasvitrinen ergänzen ausgewählte Exponate aus der umfangreichen Sammlung von Dr. Klaus Lefringhausen die Bilderschau und eröffnen dem Betrachter die Möglichkeit, künstlerische Neuschöpfungen mit- und nachzuerleben. Die Schachfiguren stammen unter anderem aus Ägypten, Kenia, Nigeria, Sambia, Serbien, Rußland, Norwegen und Peru.

Die „Weltreise“ in der Düsseldorfer Ausstellung beginnt mit Schachfiguren aus China und der Mongolei, die in der Fotografie „Gefahr des Lichts“ zu sehen sind. Um Schachfiguren aus Japan geht es in den symbolischen Bildern „Mit Zuversicht auf neuem Weg“, „Neugier“ und „Erkenntnis“. Letzteres zeigt eine japanische Königsfigur aus Elfenbein, die nur zwei Zentimeter groß und dennoch bis ins Detail durchgestaltet ist. Ihre Schönheit macht erst die Kamera – sozusagen ein drittes Auge – sichtbar. Beeindruckend sind auch die beiden Motive polnischer Figuren, „Duo ohne Kandare“. Hier ist das Pferd in feurig bewegtes Licht getaucht und überträgt die Stimmung auf den Betrachter.

Helga von Berg-Harder – die langjährige erste Vorsitzende des Bergischen Künstlerbundes e.V., der Künstlergruppe Haankreativ und der Künstlergilde e.V. NRW – verweist auf ein besonderes Exponat in der Ausstellung. Es handelt sich um die Schachfiguren eines 90jährigen Ratinger Bürgers, der diese vor 60 Jahren in italienischer Gefangenschaft aus Kisten schnitzte und eine Partei mit schwarzer Schuhcreme anstrich. Er stellte die Figuren zusammen mit einer Zigarrenkiste, auf der noch das Hakenkreuz zu erkennen ist, für die Präsentation zur Verfügung. Daß die engagierte Fotografin diese Begebenheit auch in „Bildergeschichten“ umsetzte, ist selbstverständlich.

Der Ratinger Fotokünstlerin Helga von Berg-Harder und dem begeisterten Schachfiguren-Sammler Dr. Klaus Lefringhausen ist es gelungen, mit den Kultursymbolen fotolyrisch so umzugehen, daß Schach einmal ganz anders, aber nicht minder reizvoll vermittelt wird.

Dieter Göllner (KK)

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