Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1379.

Das Unrecht der Selbstgerechtigkeit

Zwei Jahrzehnte Deutsch-Tschechische Erklärung

Ein schillernder Ort ind dunklen Farben – als sollte das schwermütige Böhmen zum Strahlen gebracht werden und wiche vor der Zumutung zurück: Walther Klemm, Alt-Karlsbad
Bild: Kunstforum Ostdeutsche Galerie, siehe Seite 28

Hat das in Deutschland jemand bemerkt? Dass Ende Januar 2017 zwei Jahrzehnte seit Verabschiedung der Deutsch-Tschechischen Erklärung verstrichen waren, in der sich Deutsche und Tschechen zu Sünden der Vergangenheit bekannten, Münchner Abkommen 1938 versus Vertreibungen Deutscher 1945/46, und Besserung für die Zukunft gelobten.

Was beiderseits ungesagt blieb, hatte der tschechische Präsident Václav Havel (1936–2011) bereits am 15. März 1990 im Beisein von Bundespräsident Richard von Weizsäcker gesagt, als man sich in Prag des 51. Jahrestags der Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ erinnerte. Dabei fand Havel Worte von dankenswerter Deutlichkeit: „Sechs Jahre nazistischen Wütens haben ausgereicht, dass wir uns vom Bazillus des Bösen anstecken ließen, dass wir uns das Prinzip der Kollektivschuld zu eigen machten. Oder haben wir nicht genug schlechte Tschechen und Slowaken kennengelernt? Gab es nicht auch unter uns genug Denunzianten der Gestapo und später der Geheimpolizei?“

Das haben die Tschechen Havel nie verziehen, auch das tschechisch-deutsche Verhältnis ist längst wieder erkaltet. Zwar kommen alljährlich 1,7 Millionen deutsche Touristen nach Tschechien, aber die interessieren sich nur für fünf Dinge: Pilsner Bier, Prager Hradschin, den „braven Soldaten Schwejk“ (wobei kaum jemand weiß, dass dessen Welterfolg auf der deutschen Übersetzung von Grete Reiner basiert), Musik von Bedrich Smetana und Schlager von Karel Gott. Medien und Politik in Deutschland kümmern sich höchst wenig um Tschechien, nicht einmal die fortdauernde Diskriminierung von dortigen Deutschen regt jemanden auf. Wenigstens finanziert Berlin zu 70 Prozent die 1992 gegründete „Versammlung deutscher Vereine in Böhmen, Mähren und Schlesien“, einen losen Bund von 23 Vereinen und 10 Begegnungsstätten.

Die „Versammlung“, seit 2010 von dem Sprachwissenschaftler Martin Dzingel (*1975) geleitet, gilt fälschlich als Vertretung der Deutschen, aber anders als Deutsche in der Slowakei, Polen oder Rumänien haben die noch 19 687 Deutschen (2014) in Tschechien, der Rest von einst 3,5 Millionen, keinen Status als „Minderheit“. Dzingel erwähnt Umfragen von 2015 zu tschechischer Selbstgerechtigkeit gegenüber Deutschen: Deren Vertreibung war unvermeidlich (70 Prozent) und gerecht (61 Prozent), eine Entschuldigung bei ihnen ist unnötig (66 Prozent) etc. In solchem Klima scheitern auch gut gemeinte Aktionen, zuletzt „Versöhnung 2016“ im vorigen November, 70 Jahre nach Beendigung der Vertreibungen der Deutschen. Ihre ehemalige Heimat Sudetenland blieb für Jahrzehnte „unattraktiv“: Dünn besiedelt, Arbeitslosigkeit ein Viertel höher als anderswo, Schulbildung niedrig, treue Wähler der Kommunisten, die das antideutsche Feindbild aufpolierten.

Immerhin hatte Prag die gute Idee, die grenznahe Ödnis hinter „Naturschutzgebieten – Nationalparks“ (CHKO NP) zu verstecken. Ganze zwei gab es 1960, derzeit sind es 26 mit einer Gesamtfläche von 1,1 Million Hektar. Auch dienen die Gebiete zur Behebung der Umweltzerstörung, die sowjetische Besatzer – 85 000 im August 1968, 175 000 ab Januar 1973 – in über 50 Garnisonen hinterlassen haben. Einer der Besatzeroffiziere hatte einen Sohn, der hier seine Kindheit verlebte und später weltberühmt wurde: Boxer Vtalij Klitschko. Schockierendes Beispiel für sowjetischen Vandalismus ist das jüngste Schutzgebiet, am 1. Januar 2016 im mittelböhmischen Brdy statt eines „Militärgeländes“ eröffnet. Hier lag ein hochgefährliches Kernwaffendepot sowjetischer Provenienz, das Moskau und Prag ab 1964 gebaut hatten und das nach der Invasion 1968 für Tschechen unzugänglich war. Details zeigt die tschechische „Stiftung Eiserner Vorhang“ im 1600 Quadratmeter  großen unterirdischen Depot, ihrem Museum, das ein sowjetisches Schreckenskabinett ist.

Gehabte Schmerzen hat man gern – in Brdy und anderswo. Im einst deutschen Siedlungsgebiet bildete sich eine entspannte Koexistenz: Tschechen spielen in bayerischen Tennisclubs und nehmen in Sachsen Jobs an, Deutsche singen in böhmischen Folkgruppen und kaufen in Nordböhmen „Chalupy“ (Wochenendhäuser), binationale Schnäppchenjagd ist allseitiges Hobby. Die Lage ist weiter ausbaufähig, denn hier leben 380 000 Arbeitsfähige, von denen immer mehr auf deutsche Arbeitsplätze drängen. Den ersten Profit davon haben die Anbieter von Deutschkursen.

Ähnlich ist es im ostwärts benachbarten Riesengebirge (Krkonose). Das Quellgebiet der Elbe unterhalb der Schneekoppe (1603 m) war bereits vor 120 Jahren ein beliebtes Urlaubsziel, um 1930 für den Außenminister und späteren Präsidenten Edvard Benesch. Deutsche und tschechische Fotografen haben eifrig geknipst, wovon heute das umfangreiche „Memorial Riesengebirge“ (Pamet Krkonose) kündet. Bis 1945 war die Region fast rein deutsch besiedelt, seit Dezember 1918 scharf von tschechischen Behörden beäugt, die in Rokytnice ihre erste Armeegarnison einrichteten.

Der Niedergang der Region begann 1945 mit der Vertreibung der Deutschen, der ab 1951 bergtechnischer Raubbau folgte: Man suchte in sowjetischem Auftrag vergeblich „strategische Erze“ – Kupfer, Zinn, Wolfram –, deren Bestände bereits im 19. Jahrhundert erschöpft waren. Nun wurde das Riesengebirge für Besucher und Skitouristen gesperrt und mit kilometerlangen Gängen durchwühlt, wobei hier, im Unterschied zu den Urangruben von Joachimstal (Jachymov), keine politischen Häftlinge zum Einsatz kamen. Am 10. Mai 1959 wurde alles von einem Tag auf den anderen beendet.

1963 entstand das Naturschutzgebiet Riesengebirge (KRNAP, 36 400 Hektar), und in den 1980-er Jahren betonierte man die Gruben und Schächte zu. Neuerdings überlegt man, einige davon wieder zu öffnen, denn ihr „geologischer und technischer Erhaltungsgrad ist einmalig“. Sowjetische Besatzer hielten sich hier bis März 1991, als Präsident Havel sie hinauswarf – er brauchte Wohnraum für Tschechen aus der Ukraine, die vor der Katastrophe in Tschernobyl geflüchtet waren.

Heute ist das Riesengebirge wieder touristisches Juwel, es hat an Flora und Fauna, an „nordischer Tundra“ und Hochmooren so viel Seltenes zu bieten, dass man den Zugang wieder streng begrenzt. Das freut den jungen Ales Smrcka, studierter Ethnologe von der Prager Karls-Universität, der gerade an seiner Dissertation werkelt. Ihm haben es die speziellen Transporttechniken der Bergregion angetan, Träger (nosic) und Hornschlitten (rohac), denen im Sommer Räder anmontiert wurden. Tragen und Schlitten wurden nur mit Holzpflöcken gefertigt, die Herstellung war ein Geheimnis, das man in den deutschen Familien seit dem 16. Jahrhundert über Generationen weitergab. Auch Flößen spielte eine gewisse Rolle, bis im Jahre 1897 eine Überschwemmung diesem Gewerbe ein Ende machte.

Der junge Smrcka erforscht das seit sechs Jahren und hat bereits eine Vorstudie mit 155 Seiten historischer Fotografien herausgebracht. Auch das ist deutsche Spurensuche, zum Glück nicht die einzige. Jetzt wollen Architekten wie Karel Kerl und Bauunternehmer wie Anton Hoffmann an den Stellen früherer Gefangenenlager und Haftanstalten Wohnviertel errichten. Als Muster hat man sich schon die deutsche „Heimatstätte Sudetenland“ erkoren.

Andere Vorhaben, etwa das „Museum tschechischer Deutscher“ in Aussig/Usti nad Labem, wurden nur verfolgt, solange Brüssel Millionen herausrückte. Die tiefsitzende tschechische Antipathie gegen Deutsche wird so bald nicht verschwinden. Deutsche Gelassenheit ist wieder gefragt wie erstmalig im Jahre 1398, als Prager Deutsche die Chronik des Dalimil, „Barde des böhmischen Nationalhasses gegen Deutsche“, übersetzten und als „Di teutsch kronik von Behemlant“ verbreiteten.

Wolf Oschlies (KK)

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