Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1326.

Das Unvergessene

Heimat als Thema einer Konferenz in Klausenburg, Rumänien

Die Medienwelt belehrt uns unablässig, daß nichts verlorengeht, weil das Netz alles auffängt, auch uns, so lautet das bedrohliche Versprechen. So kommt es, daß wir baß und bewegt zu staunen vermögen bei der Einsicht, wie viel dahin ist und geht. Das lernt man um so besser, je weiter man nach Osten reist. So hat die Deutsche Gesellschaft e.V. mit dem siebenbürgischen Klausenburg/ Cluj als Ort einer Konferenz zum Thema „Heimat“ die richtige Wahl getroffen. Auch Heimat erkennt man schließlich erst, wenn man sie verliert – es ist wie mit der Freiheit, die der siebenbürgische Schriftsteller Hans Bergel, jetzt Geretsried, mit Heimat gleichsetzt. Er hat in Rumänien Jahre in kommunistischer Haft zugebracht und in Deutschland Jahrzehnte gegen die mörderische Dummund Dumpfheit jenes Systems gesprochen und geschrieben, er weiß, wovon er redet. Die rumänische Dichterin Ana Blandiana aus Bukarest, deren zarte Verse nicht nur bei rumänischen Lesern die empfindsamsten Saiten anschlagen, ließ es ebensowenig bei der Sentimentalität bewenden. Selbst hinter ihrer von Rührung angegriffenen Stimme war ein Zähneknirschen zu vernehmen ob der empörten Erkenntnis, daß es Mächte gab und gibt, die dem Menschen die Welt, das Stückchen davon, dessen er bedarf, auf den Tod verleiden. Ihr Vortrag über rumänische Intellektuelle im Exil gipfelte in  der ironischen Klage, daß einem letztlich nur das DIN-A4-Blatt als Aufenthaltsort  bleibe.

Der Historiker Konrad Gündisch aus Oldenburg, einst Klausenburg, nahm zum Papier auch den Beamer in Anspruch, um einerseits Ordnung in das deutsche Begriffsgewirr um Flüchtlinge, Vertriebene und Aussiedler zu bringen und zum anderen die Geschichte der eigenen Familie zwar nicht exemplarisch, jedoch so vorzuführen, daß jeder sah und hörte: Selbst der Wissenschaftler ist bei aller Faktendichte und -härte, die er anstrebt, keineswegs zur Hartleibigkeit verdammt, vielmehr ist Geschichte auch ihm ein Medium des Nachdenkens und schließlich des Nachempfindens dessen, was mit dem Menschen geschieht, wenn er sich dem Staat entfremdet, weil dieser ihm fremd wird. Ausgerechnet die Kunst sollte der Konferenz über alle Bitterkeit hinaus Sachlichkeit bescheren:

Der Klausenburger Musiker Hans Peter Türk, über jeden Verdacht der Wehmut erhaben, ließ neben der mit Tonbeispielen belebten und dennoch schier technizistisch unterkühlten Darstellung seiner Arbeit den „großen Verlust“ dort im Osten mit seiner Vertonung des Psalms 44 musikalisches Ereignis werden, und der Luthersche Text hallte nächst der Musik lange nach in seiner verhaltenen und doch fordernden, ja herausfordernden Verzweiflung: „Erwecke dich, Herr! Mache dich auf, hilf uns und erlöse uns um deiner Güte willen!“ Am Abend dann hallte die das Stadtbild prägende Michaelskirche von den – u.a. von Hans Peter Türk komponierten – Klängen der Orgel wider, die Peter Türk meisterlich bearbeitete.

Ebenso bereitwillig und aufgrund selbstgewisser Meisterschaft scheinbar beiläufig tat der Grafiker Gert Fabritius die Tür zu seinem Atelier auf und zugleich die Türen zu all den rumänischen Künstler- und Kunstkammern, in denen er einst gelernt hat, was er jetzt in Deutschland „frei schafft“. Ein rumänischer Lehrer war es, der ihn darauf hingewiesen hat, wie Bindungslosigkeit zu Haltlosigkeit werden kann und daß man sich eines Herkommens versichern muß, wenn man irgendwo hin will: „Wenn du vergißt, daß du Deutscher bist, wirst du nie im Leben Kunst machen!“ Der deutsche Künstler aus Rumänien hat nichts vergessen, auch diesen Professor Mitrea nicht.

Die sächsisch-ungarische Berlinerin Ingeborg Szölössi wußte den dramatischen Roman „Zu Hause auf dem Felde des Armageddons“ der rumänischen Schriftstellerin Marta Petreu, in dem das Konfliktpotential in Familie und Dorf – der engeren und bisweilen sehr engen „Heimat“ also – schonungslos offengelegt wird, derart intensiv zu referieren, daß man meinte, sie hätte ihn auch selbst schreiben können, wäre sie nicht derart belastet mit ihrer vielfältigen und vielen Arbeit, nicht zuletzt zur Vorbereitung dieser Konferenz.

Der Klausenburger Geograph Wilfried Eckart Schreiber straffte das Koordinatensystem, in dem der Raum „Heimat“ verortet und immer wieder neu vermessen wurde, indem er mit dem handfesten terminologischen Instrumentarium seiner Wissenschaft die verschiedenen einschlägig nutzbaren Kategorien abklopfte, denn wer Früchte ernten will – und das nicht nur im Oktober –, darf es nicht bei Blütenträumen belassen, wie es Schreiber als im Klausenburger Deutschen Forum verantwortlich Tätiger sehr wohl weiß.

Hier im Saal des Forums begrüßte er nachmittags neben Hans Bergel den Hermannstädter Joachim Wittstock auf dem Podium, und die beiden Kollegen legten dichterisches Zeugnis ab davon, daß Verlust nicht Verhärtung bedeuten muß, daß im Erinnern und Erzählen aufgehobenes Erleben wohltuend besänftigt und gestalterisch gebändigt daherkommen kann, dadurch jedoch nicht die Schärfe der Beobachtung und Eindringlichkeit der Benennung abgeschwächt werden muß. Manch unverhofftes Moment mochte die mit den Texten der beiden Dichter vertrauten Hörer aufhorchen lassen, das eine oder andere lyrische Schimmern bei Bergel, dieses oder jenes ironische Flackern bei Wittstock – siebenbürgische Literatur ist, sagen wir es transsilvanisch, durchaus vorderwäldlerisch.

Die beiden Vorderwäldler Franz Hodjak und Werner Söllner, aus dem siebenbürgischen Hügelland bis an die Hänge des Taunus „davongegangen / doppelt und dreifach“, stellte der nach Nürnberg ausgereiste Germanist Michael Markel in seiner so wissenschaftlich stringenten wie einfühlsamen Weise vor, die sich als vorsichtiges und doch griff- und trittsicheres Tasten in hermeneutischem Dickicht bezeichnen ließe. Mit blühenden Bäumen hatte er es hier nicht zu tun, von Hodjaks zwei Heimatlosigkeiten, die sich gegenseitig verschärfen, bis zu Söllners in  siebenbürgische Bilder gegossenen Chiffren des Todes wußte Markel zitatensatt so zu sprechen, daß die Trauer dieser Endzeitlyrik durch die Akkuratesse seiner Exegese an Strahlkraft noch gewann.

Nachdem Daniela-Elena Vladu aus ihrem Hauptfach Germanistik ins Rumänistische wechselte und das biographisch-literarische Schicksal des „sowjetrumänischen“ Schriftstellers Grigore Vieru auffächerte, schloß sich ihr Klausenburger Kollege András F. Balogh mit einer Gesamtdarstellung von Gesamtdarstellungen der deutschen Literatur aus jenem einst k. u. k. Raum an und bewies, daß auch nüchterne philologische Forschung nicht gefeit ist vor den Treppenwitzen der Welt(literatur)geschichte, wie etwa laut Balogh der „cultural turn“ einer ist, in dessen Folge im modernen intellektuellen (auch literarischen) Bewußtsein den „Rändern“ sogar mehr Gewicht und Aussagekraft zugeschrieben wird, als Kulturzentren zu stemmen oder zu leisten vermöchten.

Der Soziologe Rudolf Poledna, der auf seinem Bildungsweg zahlreiche Banater und Siebenbürger Heimaten erlebt hat, versuchte sie mit Kategorien und Bestimmungen der Altvorderen seines Fachs von Husserl bis Bausinger auf den Begriff zu bringen, vor allem aber schrieb er dieser am dritten und letzten Tag schon etwas melancholisch gestimmten Versammlung in das Erinnerungsund Stammbuch, das eine jede und ein jeder mit in die eine oder andere, im eigentlichen wie im übertragenen Sinn nähere oder fernere Heimat nehmen sollte: Zusammenhalt basiere auf Interesse und nicht auf Empfindungen, Punkt.

Schluß war damit allerdings nicht. Denn der Münchner Philosoph Wolf Dieter Enkelmann hatte auch noch einiges in jenes Stammbuch zu schreiben, und das mit einer so dezidiert sanften und elegant stringenten Diktion, daß man versucht war, seine aus der Antike herführenden Gedankengänge mit berauschter Hingabe entlangzutaumeln, hätte er nicht just dies gelehrt und demonstriert: Heimat wie Europa wie alles andere muß jeder selbst leben und denken. Denn das laut Aristoteles „Sprache habende Wesen“, das nach Nietzsche „versprechen darf“ und damit – horribile dictu – in ständigen Versprechensvulgo Kreditverhältnissen lebt, dieses Wesen tut gut daran, bei allem heimeligen Hängen am Vergangenen sich von der Zukunft her zu denken, denn nur der Wechsel darauf verspricht Rendite. Heimat finden im Kapitalismus

Versprechen ist eins, Einlösen ein anderes, der Wohnsitz eins, die Heimat ein – ganz – anderes, wenige kennen sie, wenige wissen um sie, viele aber glauben daran, und das ist schlechterdings ungewöhnlich, aber schön und kann, so haben die Tagungsteilnehmer und -anteilnehmer gezeigt, nicht nur das Gemüt berühren, sondern auch das Denken befördern.

Georg Aescht (KK)

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