Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1267.

Dem deutschen Wort aus Rußland Gehör verschaffen

Der Literaturkreis rußlanddeutscher Autoren muß sich wegen seiner stürmischen Entwicklung stets neu erfinden

Vor einem Jahr bei der damaligen traditionellen Herbsttagung des Literaturkreises der rußlanddeutschen Autoren wurde eine Neustrukturierung versucht. Die Gründerin und zwölf Jahre lang Vorsitzende des Literaturkreises, Agnes Giesbrecht-Gossen, hatte ihr Amt einem neuen Vorsitzenden, dem Berliner Autor und Kabarettleiter Johann Keib, übergeben und auf allgemeinen Wunsch zunächst noch das Amt der Geschäftsführerin übernommen, um ihre guten Verbindungen zu Ämtern, Vereinen, Presse und Verlagen dem Literaturverein weiter zugute kommen zu lassen und den neuen Vorstand langsam damit vertraut zu machen. Gleichzeitig wurden wegen der inzwischen stark angestiegenen Zahl an Mitgliedern – von anfänglich acht auf über 80 – sechs Regionalgruppen gebildet. Es hatte sich nämlich inzwischen herausgestellt, daß der Literaturkreis wohl doch etwas zu schnell, zu stark und vielleicht sogar zu einseitig gewachsen war.

Der nicht leichten Aufgabe, alles nun auf die Reihe zu bekommen, die Regionalgruppen gleichberechtigt zu fördern, die ältere Erlebnisgeneration der alten Heimat mit der neuen in der Bundesrepublik sozialisierten jungen Generation zusammenzuführen und vor allem auch die Balance, die Ausgewogenheit zwischen den deutsch schreibenden und den russisch schreibenden Autoren herzustellen und die beiden Gruppen in gemeinsamen Aktivitäten zusammenzubringen, stellte sich Johann Keib mutig und schaffte es auch eine Zeit lang. Neben seiner ehrenamtlichen Arbeit als Vorsitzender des Literaturkreises hatte er auch noch sein Kabarett zu leiten, seine Texte zu schreiben und seine Familie zu versorgen, so daß er nach einer Zeit wegen Überarbeitung ernsthaft erkrankte. Er sah sich genötigt, den Vorsitz wieder zur Verfügung zu stellen.

Ein unvoreingenommen offenes Aufeinander-Zugehen ist auch deshalb so wichtig, weil es in letzter Zeit Bestrebungen gibt, die Rußlanddeutschen von rechts zu vereinnahmen, was um so befremdlicher sein muß, als die meisten Rußlanddeutschen, besonders der älteren Generation, kirchlich sehr engagiert sind – evangelisch, katholisch, mennonitisch und auch freikirchlich – und dem rechtslastigen „neuheidnischen“ Gedankengut von Haus aus ablehnend gegenüberstehen. Der Literaturkreis der rußlanddeutschen Autoren hat sich eindeutig gegen jeden Extremismus von rechts wie auch von links ausgesprochen, um so der Gefahr der Vereinnahmung entgegenzuwirken.

Außerdem sind gerade die Rußlanddeutschen trotz ihres schweren Schicksals ein erstaunlicher Fall von Völkerverständigung über Sprachen, Mentalitäts- und Kulturgrenzen hinweg. Die von Stalin nach Zentralasien, nach Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan und Tadschikistan deportierten Rußlanddeutschen haben auch Hilfe von und kulturelle Zusammenarbeit mit ihren neuen Mitbürgern erlebt. Viktor Heinz, ein Mitbegründer und Pfeiler dieses Literaturkreises, hat seine Dramentrilogie über das historische Schicksal der Rußlanddeutschen, „Auf den Wogen der Jahrhunderte“, nur auf die Bühne des rußlanddeutschen Theaters in Alma-Ata in Kasachstan bringen können, weil der kasachische Regisseur und Dramaturg Bulat Atabajew, der in der ehemaligen DDR Germanistik und Theaterwissenschaft studiert hatte, sich energisch und mutig für die Trilogie seines Freundes eingesetzt hatte.

Zu erfreulichen Erfolgen des Literaturkreises kommt leider aber auch der Rückzug einiger deutsch schreibender Autoren wie Waldemar Hermann und Wendelin Mangold, die sich literarisch werkstattmäßig zu wenig gefordert fühlten. Es wurde allgemein anerkannt, daß die Pflege und Förderung der deutschen Sprache ein erstrangiges Ziel des Vereins bleibt und eine natürliche Balance, eine überschaubare Ausgewogenheit zwischen der Förderung der deutschsprachigen Literatur wie auch der russischsprachigen Literatur der Rußlanddeutschen gefunden werden soll, da das Hauptziel auch dieses Vereins die Integration in die bundesdeutsche Gesellschaft ist, in ihre geistigen Auseinandersetzungen und ihre pluralistischen mentalen und seelischen Befindlichkeiten.

Da man sich über diese Rahmenbedingungen für die Zukunft nach einer lebhaften Debatte einigen konnte, wurde der alte Vorstand mit Johann Keib, Kornelius Petkau, Ludmilla Diener, Ida Daut und Jurij Bender entlastet. Da nun Johann Keib zurückgetreten war und auch Agnes Giesbrecht-Gossen ihr Amt als Geschäftsführerin zur Verfügung stellte, weil sie innerhalb eines Jahres ihre guten Beziehungen in den Vorstand überführt und nicht zuletzt einen generösen Spender ausfindig gemacht hat, der durch seine Spende die Kasse des Vereins entlastet hat, standen nun die beiden wichtigsten Ehrenämter zur Wahl.

In einer sehr offenen und trotz Emotionen sachlichen Debatte wurde nach Wegen gesucht, wie man aus dieser Notsituation herauskommen könne. Man müsse sich entscheiden, was man wirklich wolle: mehr Lesungen oder mehr Literaturalmanache, die allen zugute kommen. Für die Almanache aber müsse man unbedingt zwei ehrenamtliche Verantwortliche finden, die die schwierige und mühevolle Arbeit des Textesammelns und des Lektorierens auf sich nehmen. Das sei das A und O der literarischen Präsentation des Literaturkreises, der sich in seinen bisher jährlichen Literaturalmanachen spiegelt.

Nachdem sich aus kollegialer Solidarität Viktor Heinz bereit erklärte, den deutschsprachigen Almanach zu betreuen, und Anatolij Steiger den russischsprachigen übernahm, war die wohl schwierigste Klippe umschifft. Allerdings mit dem Vorbehalt der beiden erfahrenen Autoren, die beide schon mehrere Bände veröffentlicht und Anthologien herausgegeben haben, daß der Erscheinungsrhythmus von einem Jahr auf zwei Jahre ausgedehnt werden kann, wenn die Qualität der Texte nicht entspricht.

Außerdem wurde erkannt, daß der Literaturkreis nicht Bücher einzelner Autoren finanzieren kann, da sonst ein Autor auf Kosten der anderen sein Buch herausbringt, während ein Literaturalmanach ein Spiegel der Gesamtheit ist, den Zusammenhalt fördert und die Kreativität anspornt, da wie bisher sowohl hochqualifizierte Texte wie auch gute Texte von schlichter Einfachheit Eingang finden werden, sofern sie aktuell und sprachlich anschaulich gestaltet sind. Außerdem sollen auch einige bekannte rußlanddeutsche Autoren, die noch nicht Mitglieder des Literaturkreises sind, wie Reinhold Leis, der Aphoristiker, Epigrammatiker, Satiriker und Fabeldichter, und Robert Weber, der Lyriker und Prosaautor, als Gäste im Almanach vertreten sein können, die man so eventuell als künftige Mitglieder gewinnen könnte.

Nachdem die Aufgabenbereiche klar definiert und Einverständnis über die Vorgehensweise für ihre Verwirklichung erzielt worden und auch der Kassenbericht von Ida Daut genehmigt worden war, schritt man zur Wahl des neuen Vorsitzenden und des neuen Geschäftsführers. Die Wahl fiel auf Georg Gaab. Er erklärte sich dazu bereit und stellte sein pragmatisches Konzept vor.

Primäres Anliegen sei es, die Organisation zu straffen, die Finanzen über eine Person – Kassiererin Ida Daut, die ihre Arbeit ordentlich erledigt hat – laufen zu lassen, regelmäßig bei der Frühjahrstagung und der Herbsttagung wie bisher literarische Seminare abzuhalten und dabei besonders die Texte der Mitglieder in den Mittelpunkt der Diskussionen zu stellen und schließlich alle Regionalgruppen, ehrenamtlich Tätigen wie auch alle Mitglieder in der ganzen Bundesrepublik Deutschland zu vernetzen.
Georg Gaab, der als selbständiger Kleinunternehmer Erfahrung mit Management hat, wurde einstimmig als Vorsitzender wie auch als Geschäftsführer gewählt. In den Vorstand kamen noch Ida Daut als Kassiererin, Jurij Bender als Vertreter der jungen Generation, Svetlana Felde und Cornelius Petkau als Ansprechpartner für die russischsprachigen Autoren. Der neue Vorstand sieht sich auch in der Pflicht, den Nachwuchs effektiv zu fördern, und auf seinen Vorschlag hin wurde beschlossen, ein Viertel des Jahreseinkommens den jungen Autoren zur Verfügung zu stellen. In diesem Jahr sind das ca. 1000 Euro – womit eigentlich keiner gerechnet hatte. Auch diese Überraschung trug zum erfreulichen Endergebnis dieser so komplexen und schwierigen und stellenweise sogar leicht dramatischen Tagung bei.

Ingmar Brantsch (KK)

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