Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1308.

Dem Redakteur ist nichts zu schwer

Nur das Kreuz mit der materiellen Knappheit und dem Überfluß an Material: Mittel- und südosteuropäische Medientage

Daß die deutsche Gesellschaft sich eine Deutsche Gesellschaft e.V. leistet, ist nicht Gemeingut, und doch hat sich dieser Verein zur Förderung politischer, kultureller und sozialer Beziehungen in Europa schon dergestalt um die europäische Bürgergesellschaft verdient gemacht, daß er 2008 Nationalpreisträger wurde. Ob er nun deutsche Wandergesellen als Handwerksbotschafter bei Renovierungsarbeiten im siebenbürgischen Hermannstadt betreut oder deutsch-polnische Gesangs- und Klaviertage ausrichtet, ob er Günter de Bruyn und Martin Walser als Preisträger auf den Schild hebt oder zu einem Expertenforum „Innere Einheit“ lädt, es sind allemal klug erdachte, Klugheit fordernde und fördernde Initiativen. Die Veranstaltungen finden naturgemäß in einem blinden Winkel der medienbefeuerten Eventkultur statt, aber ein Schmollwinkel ist das mitnichten, die Leute, die hier zusammengebracht werden, wissen, weshalb sie zusammenkommen, und haben sich etwas zu sagen – oder gar zu singen oder eben zu hämmern.

Ausgerechnet den Journalisten und Medienfachleuten, die Anfang Mai mit Förderung des Auswärtigen Amtes und der Springer Stiftung zu den Mittel- und südosteuropäischen Medientagen eingeladen waren, versagten allerdings hin und wieder die Worte vor dem komplizierten, aber alle verbindenden Anliegen, die von ihnen vertretenen deutschsprachigen Medien im In- und Ausland auf – ja, worauf denn überhaupt zu bringen? Auf das kleinste gemeinsame Vielfache, den größten gemeinsamen Teiler? Um Gemeinsamkeit ging es allemal, allerdings wurde alsbald klar, daß mit mathematischen Algorithmen nichts auszurichten ist, wenn es um deutschsprachige Presse zwischen Bukarest und Bonn, dem Baltikum und Basel geht.

Bei derlei Vielfalt bleibt als Gemeinsamkeit schließlich nur die deutsche Sprache, und selbst diese und ihre Pflege durch das geschriebene Wort ist von Landschaft zu Landschaft anders gelagert: Hannelore Baier und Ruxandra Stanescu in Bukarest/Hermannstadt bedienen ein alterndes Publikum von überkommener kulturbürgerlicher Bildung und versuchen zugleich, junge Leute mit der Zweitsprache Deutsch an ihre Zeitungen zu binden. Till Scholtz-Knobloch muß mit seinem „Wochenblatt“ in Schlesien auch unkonventionelle Wege gehen und zweisprachig fahren, um Leser zu erreichen, die das Blatt mittragen. Alfred Theisen in Görlitz muß weit ins polnische Schlesien hinein publizistisch agieren, will er gewerbliche Anzeigenkunden für seine Illustrierte „Schlesien heute“ akquirieren – die deutsche Lausitz ist da bekanntermaßen wenig ergiebig. Johann Schuth in Budapest wiederum kann sich auf die Minderheitenförderung der ungarischen Regierung einstweilen schlecht und recht verlassen, nur muß er schärfstens auf die Augenhöhe seiner Zielgruppe achten und deshalb die Berufung seiner „Neuen Zeitung“ als geistige Werkstatt der Ungarndeutschen oft hinter eher „volkstümlicher“ Berichterstattung zurückstellen. Martin Dzingel von der Prager „Landeszeitung“ hat ähnliche Probleme, sein Kollege Marcus Hundt von der „Prager Zeitung“ jedoch nicht, genausowenig wie Jan Mainka von der „Budapester Zeitung“ und der „Budapest Times“: Sie müssen „nur“ auf dem freien Markt zurechtkommen – und können ein deftig, ja mitunter heftig Lied davon singen.

Und das wären erst die Bedingungen, dabei sind wir noch gar nicht beim Thema, denn das sind die Themen. Davon hat die „Wende“ uns allen überall einen kaum zu erfassenden, geschweige denn zu fassenden, zu begreifenden Überfluß beschert. Ihn versuchen etwa Sonja Volkmann-Schluck von der Agentur „n-ost“ und Björn Akstinat von der Internationalen Medienhilfe zu „bewirtschaften“. Aber Journalismus leidet im Angesicht des Überangebots vielleicht noch herber als unter Kargheit; es leidet zumal seine Qualität, die – steht zu hoffen – von allen angestrebte Gediegenheit. Es wird vielmehr drauflosgeschrieben, -gedreht, -collagiert, -publiziert, kooperiert und kolportiert, daß die Wände wackeln, und zwar die der Wirklichkeit, die ja nun nicht mehr sauber durch Mauer und Stacheldraht in Gut und Böse geschieden ist, sondern aus einer Vielzahl mehr oder minder krummer Gänge, Kammern und Spiegelkammern mit Türen, vor allem aber Hintertüren besteht, in denen man sich heillos verlaufen und verrennen kann. Zimmer mit Aussicht sind selten.

Hinzu kommt das Übermedium Internet, das einerseits als technisches Hilfsmittel bei Planung und Recherche niemand mehr missen möchte, das aber mit der Üppigkeit und Beschleunigung des Informationsmaterials die Gefahr einer Verwässerung hin zur Beliebigkeit birgt. Die „Schaffung von Öffentlichkeit“, wie Karl-Peter Schwarz von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ das finale Hauptanliegen des Journalismus definierte, ist diesem aus der Hand genommen, Öffentlichkeit ist heute im besten Fall vielstimmig, vielspurig, vielfarbig, aber nicht unbedingt diskursfähig oder auch nur diskurswillig.

Dieser Wille muß hergestellt werden, und daß dies möglich ist, zeigen schon die kontinuierlich steigenden Auflagenzahlen der Qualitätszeitungen, wie Thomas Urban von der „Süddeutschen Zeitung“ bemerkte. Damit im Zusammenhang steht merkwürdigerweise auch der gleichzeitige Auflagengewinn der Lokalpresse. Diese Steigerungen sind nämlich ebenso wie der Rückgang der Regionalpresse nach Urban Folgen der Online-Entwicklung. Den Medien mit regionaler Relevanz und Ausstrahlung macht das Internet die Klientel streitig, doch das Interesse an intimer Unmittelbarkeit einerseits und an gediegener Analyse und Interpretation jenseits der blanken Fakten andererseits lebt, ja lebt auf.

Damit einher geht eine, so Karl-Peter Schwarz, „Feuilletonisierung“ aller Berichterstattung von der Politik bis zum Sport und um so mehr des publizistischen Gedenkens an die Geschichte – etwa der Deutschen und ihrer Kultur in Osteuropa. Feuilletonistische Aufbereitung verleitet natürlich zu unverbindlicher Textproduktion, vorbei an den Scharten und Schründen der Problematik, bietet jedoch auch die Chance gemessenen und angemessenen Wägens, Erwägens und Differenzierens. Dies sind nun zwar nicht die allerersten und allerschwersten Sorgen der Kollegen aus Budapest oder Prag, auch nicht aus Görlitz oder Bonn, doch just an den Differenzen kann sich journalistische Scharfsicht und Sorgfalt beweisen.

Ob nun Thomas Urban in der deutsch-polnischen Geschichts- und Gedenkdiskussion eine nachgerade kuriose Liaison zwischen dem linken Diskurs hüben und dem rechten drüben und viceversa feststellt oder Hannelore Baier aus Hermannstadt für Siebenbürgen, aber nicht nur, konstatiert, daß in derlei Kulturlandschaften Eigen- und Fremdbild der Minderheit wirklichkeitsfremd verzerrt werden – allemal geht es um Differenzen und Divergenzen, die spannend zu nennen das mindeste ist.

Sie leserfreundlich aufs Tapet zu bringen und auszuleuchten ist nicht das vordringliche Tagesgeschäft der hier vertretenen, eher in Nischen arbeitenden Medien, auch ist solches von den meist chronisch unterbesetzten und überlasteten Redaktionen nicht zu leisten. Und doch muß alles angestrebt werden, damit einiges gelingt, sogar – vielleicht auf dem Weg der Zweisprachigkeit – eine Aufklärung der zumeist wenig informierten oder gar über lange Zeit ideologisch desinformierten Mehrheitsnation.

Die Mühen der Ebene sind nicht minder mühsam als jene unter dem Alb von Zensur und Diktatur. Beklagen sollte man es natürlich nicht, daß deren Druck verpufft ist, und doch ist damit auch ein Stück Interesse weggebrochen, das seinerzeit den Medien entgegengebracht wurde – in der Erwartung und im Vertrauen darauf, daß man daraus mehr erfahren würde, als die politisch gegängelte Öffentlichkeit preiszugeben bereit war, und sei es nur zwischen den Zeilen. Jenem augenzwinkernden Einvernehmen, das nur gegen und nicht für etwas funktioniert, mag man nostalgisch nachsinnen, auseinanderzusetzen hat man sich aber mit Meinungsfreiheit und Mediendiversität, mögen einem deren schillernde, wuchernde Auswüchse noch so wenig behagen. Immer noch hilft dagegen nichts als das nicht nur gut gemeinte, sondern auch gut gesagte Wort. So werden auch die Teilnehmer dieser Medientage sich bei – hoffentlich – weiteren Gelegenheiten stets viel zu sagen haben.

Georg Aescht (KK)

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