Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1318.

Dem Wahren, Klaren, Komplexen

Überlegungen zu Vorüberlegungen zu einem Haus der
Europäischen Geschichte in Brüssel

Nun soll es also losgehen. Im Dezember 2011 hat der Haushaltsausschuß des Europäischen Parlaments die erste Tranche für ein Haus der Europäischen Geschichte freigegeben, das insgesamt 56 Millionen Euro kosten soll. Sitz des Museums wird das sogenannte Eastman-Gebäude, ein Art-déco- Bau im Brüsseler Leopold-Park. 4000 Quadratmeter sind für eine Dauerausstellung, 800 Quadratmeter für Wechselausstellungen vorgesehen. Das in 24 Sprachen arbeitende Museum soll im Sommer 2014 eröffnet werden.

Das Haus der Geschichte ist eine Idee von Hans-Gert Pöttering. In seiner Programmrede als neu gewählter Präsident des Europäischen Parlaments am 13. Februar 2007 hat er sie vorgestellt. Während seiner Präsidentschaft ließ er das Konzept für das Museum von einem neunköpfigen internationalen Sachverständigenausschuß unter der Leitung von Hans Walter Hütter erarbeiten, der dem Haus der Geschichte in Bonn vorsteht. Der wissenschaftliche Beirat wird von Wlodzimierz Borodziej geleitet, der an der Universität Warschau Moderne Geschichte lehrt. Weiter sind Belgien, Finnland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Portugal und Ungarn vertreten.

Das Konzept wurde im Oktober 2008 abgeschlossen und entwickelt in 116 Textziffern auf 27 Seiten „Konzeptionelle und museale Grundlagen“ sowie „Inhaltliche Grundlinien der Dauerausstellung“, die in vier Kapiteln skizziert werden: „Ursprünge und Entwicklungen Europas bis zum Ende des 19. Jahrhunderts“ (Ziff. 27–50); „Das Europa der Weltkriege“ (Ziff. 51–68); „Europa seit dem Zweiten Weltkrieg“ (Ziff. 69–112), und „Fragen an die europäische Zukunft“ (Ziff. 113– 114). Ein kurzer „Ausblick“ (Ziff. 115–116) beschließt das Konzept.

Die Idee eines solchen Hauses der Europäischen Geschichte ist über 50 Jahre nach Abschluß der Römischen Verträge und einer insgesamt erfolgreichen europäischen Einigungsgeschichte angemessen und zu begrüßen. Sie entspricht dem Auftrag der Europäischen Union, „zur Verbesserung der Kenntnis und der Verbreitung der Kultur und Geschichte der europäischen Völker beizutragen“ (Ziff. 6; Art. 151 EG-Vertrag). Bei der Durchsicht des Konzepts stellen sich bei Anerkennung der konzeptionellen Linie und der Reichhaltigkeit an Details jedoch Fragen hinsichtlich der Gewichtung und Vollständig-keit des Gesamtansatzes. Ohne an dieser Stelle in eine detaillierte Analyse einzutreten, sind drei Überlegungen dennoch erforderlich.

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Zum einen erscheinen historische Akzentsetzungen zuweilen reichlich willkürlich. So, wenn zum Gedanken eines allgemeinen und dauerhaften Friedens zwar Victor Hugo genannt wird (Ziff. 50), Immanuel Kant aber, der Autor der Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1793), nicht einmal im Zusammenhang mit dem Jahrhundert der Aufklärung Erwähnung findet (Ziff. 43). Ebenso kritisch ist es zu bewerten, wenn neben der ausführlichen Behandlung der französischen Revolution und der napoleonischen Kriege die für das 19. Jahrhundert nicht nur für Preußen bedeutsamen Reformen des Freiherrn vom Stein und Wilhelm von Humboldts keine Würdigung erfahren. Ähnliches gilt für den unvermittelten Übergang vom Westfälischen Frieden (1648) zum Wiener Kongreß (1815), ohne den „für die moderne Diplomatie“ (Ziff. 45) durchaus bedeutsamen immerwährenden Reichstag in Regensburg seit 1663, quasi ein Vorgänger des Europäischen Parlaments für fast anderthalb Jahrhunderte, in Betracht zu ziehen.

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Ein weiterer Fragenkreis betrifft die Bewertung der Folgen des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Besonders problematisch ist hier das bis heute für die Europäische Union virulente Problem der ethnischen Durchmischung in den Staaten Mittel- und Osteuropas nach dem Ersten Weltkrieg. Es ist sicher richtig, in diesem Zusammenhang Polen oder auch Griechenland und die Türkei zu nennen, aber es ist ein Fehler, Ungarn nicht zu erwähnen, das im Vollzuge des Vertrags von Trianon (1920) mehr als drei Millionen Ungarn an alle seine Nachbarstaaten, insbesondere die Slowakei und Rumänien, verlor, ein bis heute immer wieder zu bilateralen Konflikten führendes historisches „Erbe“, das auf der Union lastet (Ziff. 54). Es ist verdienstvoll, daß sich das Konzept der Frage der „Entfesselung des Zweiten Weltkriegs“ (Ziff. 61 ff.) nüchtern zuwendet, obwohl damit der Konflikt mit der Russischen Föderation programmiert ist, nachdem Putin sich 2005 wieder unmißverständlich der stalinistischen Interpretation des Geheimen Zusatzprotokolls des Hitler-Stalin- Paktes zugewandt hat und zusammen mit Medwedjew anderslautende Auffassungen strafrechtlich verfolgen läßt. Dennoch wäre im Sinne der von Pöttering betonten Wahrheitsverpflichtung („Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 26. Januar 2012) der zusätzliche Hinweis wichtig, daß auch die Rote Armee nach dem 17. September 1939 einen Vernichtungsfeldzug in Polen geführt hat (Ziff. 62).

Die Behandlung des Völkermordes an den europäischen Juden bedarf unbedingt eines Hinweises auf die Wannsee-Konferenz vom Januar 1942 (Ziff. 68).

Auch die sogenannte Westverschiebung Polens bedarf zusätzlicher Klärung. Sie war eine Folge des Geheimen Zusatzprotokolls (Ziff. 61), auf dessen Gültigkeit und Einhaltung Stalin bereits in Teheran (1943) beharrte und zusätzlich das Königsberger Gebiet forderte. In Jalta (1945) wurden Teheran und die dortige Streichholz-Veranschaulichung von Polens Westverschiebung durch Churchill lediglich bestätigt (Ziff. 69). Diese Klarstellung ist im Sinne der Bildung eines europäischen Geschichtsbewußtseins wichtig, weil sie Polen entlastet, das selbst Opfer der Expansionspolitik Stalins wurde.

In gleicher Weise wäre es der Wahrheitsverpflichtung dienlich auszuführen, daß sich die Alliierten von Anfang an, d. h. schon in Potsdam, nicht an ihre eigenen Kriterien für die „Bevölkerungsverschiebungen“ gehalten haben. Im Punkt XIII., „Ordnungsgemäße Überführung deutscher Bevölkerungsteile“, des Potsdamer Abkommens vom 2. August 1945 stimmten die drei Regierungen „darin überein, daß jede derartige Überführung, die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll. Da der Zustrom einer großen Zahl Deutscher nach Deutschland die Lasten vergrößern würde, die bereits auf den Besatzungsbehörden ruhen, halten sie es für wünschenswert, daß der alliierte Kontrollrat in Deutschland zunächst das Problem unter besonderer Berücksichtigung der Frage einer gerechten Verteilung dieser Deutschen auf die einzelnen Besatzungszonen prüfen soll. […] Die tschechoslowakische Regierung, die Polnische Provisorische Regierung und der Alliierte Kontrollrat in Ungarn werden gleichzeitig von obigem in Kenntnis gesetzt und ersucht werden, inzwischen weitere Ausweisungen der deutschen Bevölkerung einzustellen, bis die betroffenen Regierungen die Berichte ihrer Vertreter an den Kontrollausschuß geprüft haben.“

Von „humaner Weise“ konnte schon zum Zeitpunkt der Konferenz keine Rede sein, und das war nach Berichten von Zeitzeugen auch allen Beteiligten, gerade auch Churchill, bewußt. Es ist klar, daß dieses Thema bis heute reichlich Konfliktstoff bietet. Aber im Sinne einer europäischen Wahrheitsverpflichtung muß es möglich sein, auch die Verantwortung der Alliierten, die nie ein Wort zu den Vertreibungsmodalitäten verloren haben, zu thematisieren. Gerade ein Haus der europäischen Geschichte sollte über diese Vorgänge nicht den Mantel des Vergessens breiten (Ziff. 73).

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Ein dritter Fragenkomplex umfaßt die Erweiterungen 2004 und 2007. Diese und die damit verbundenen Themen kommen entschieden zu kurz. Ganze zwei Ziffern (111 und 112) sind ihnen gewidmet. Angesichts der historischen und kulturellen Unterschiede zwischen diesen neuen Mitgliedern und „Westeuropa“, angesichts der Tatsache, daß hier Länder zur Europäischen Union gekommen sind, in denen der Nationalsozialismus mitteleuropäische und ostdeutsche Kultur und das europäische Judentum vernichtet und der Kommunismus anschließend jahrzehntelang die Menschenrechte mit Füßen getreten hat, liegt hier ein Feld, das erkennbar eingehenderer Betrachtung bedarf, als das Konzept des Museums durchblicken läßt. Kenntnisse diesbezüglich sind im „Westen“ kaum oder nicht vorhanden.

„Erinnerungskulturen“ haben sich in Osteuropa anders entwickelt als im Westen, weil, so Horst Möller, „die politische, die gesellschaftliche, die moralische Erinnerung in den ostmitteleuropäischen Ländern natürlich nicht allein von der deutschen Besetzung zwischen 1939 und 1945, sondern von dem Satellitenstatus und der Besetzung durch sowjetische Truppen seit 1939 bzw. seit 1940 über Jahrzehnte hinweg geprägt war“.

Auch bei den „Fragen an die europäische Zukunft“ fehlt dieser Aspekt völlig. Wie soll man angesichts einer über lange Jahrzehnte getrennten Geschichte zu einer gemeinsamen Zukunft kommen? Das ist doch die entscheidende Frage. Dafür sind vertragsrechtliche, erweiterungspolitische, demokratietheoretische, militärische, demographische, finanzielle und strukturelle Fragen sicher wichtig. Aber entscheidend wird doch sein, ob sich daraus auch eine „wirkliche Begeisterung unter den Bevölkerungen in den Mitgliedstaaten hervorrufen“ läßt (Ziff. 114) und wie eine friedliche Einheit bei aller historischen und kulturellen Vielfalt und Differenz gestaltet werden kann.

Genau dazu muß ein solches Museum ein offenes und jederzeit ergänzungsfähiges Forum bieten, in dem jeder seine Geschichte erzählen kann. Von seinen mittelosteuropäischen Neumitgliedern kann die West- Europäische Union da noch immens viel lernen, um wirklich zu „europäischen Gemeinsamkeiten“ („Frankfurter Allgemeines Zeitung“, 26. Januar 2012) zu kommen. Es gibt keine „objektive Geschichte“, und man braucht auch nicht „Stolz oder Scham“, sondern durchaus beides. Aber das Ziel ist entscheidend: die gemeinsame europäische Kultur und Geschichte in ihren reichen Auffächerungen und das friedliche Gespräch über die offenen Fragen und Konflikte, die das friedlose 20. Jahrhundert den Europäern hinterlassen hat.

Klaus Weigelt (KK)
 
Sachverständigenausschuß Haus der Europäischen Geschichte: Konzeptionelle Grundlagen für ein Haus der Europäischen Geschichte. Brüssel 2008.

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