Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1240.

Den Ungeist am Geistern hindern

„Wieviel Beneš darf’s denn sein?“ fragte die Junge Aktion der Ackermann-Gemeinde deutsche und tschechische Experten

Aus gutem Grund war die Veranstaltung keine Podiumsdiskussion, sondern ein  Expertengespräch. Denn die zur Verfügung stehende Zeit hätte nicht gereicht, um die Diskussionsbeiträge des Publikums abzuarbeiten. Bei diesem heißen Thema hätte es mit Sicherheit unzählige Diskussionspunkte gegeben: „Wieviel Beneš darf’s denn sein? – Gedanken zum Gelingen der bayerisch-tschechischen Nachbarschaft“. Gedanken machten sich unter der Moderation von Martin Kastler von der Hanns-Seidel-Stiftung sowohl (Sudeten)Deutsche wie Tschechen.

Eine „frivole Fragestellung“ bescheinigte auch Adolf Ullmann, Bundesvorsitzender der Ackermann-Gemeinde, der Jungen Aktion als Veranstalter. Er  wies aber auch darauf hin, daß diese Thematik zeitlos sei, da bereits u. a. Hans Schütz und Wenzel Jaksch – wenngleich in anderer Formulierung – gar manche Fragen gestellt haben, sowohl zur Person des Edvard Beneš und seiner Politik zwischen 1918 und 1938 als auch zu den Ergebnissen seiner Politik und deren fortdauernder Wirkung, auch in den mentalen Beziehungen zwischen den Völkern.

Christa Matschl, Abgeordnete im Bayerischen Landtag und zugleich vertriebenenpolitische Sprecherin der CSU-Fraktion und Mitglied im Europa-Ausschuß, schilderte ihre eigenen Erinnerungen an die Internierung der Familie, in der ihr Vater gestorben ist, und die Vertreibung. „Die Beneš-Dekrete – also Enteignung, Unrecht, Entrechtung und Verlust von allem – sind bei uns voll zur Geltung gekommen. Bei den Sudetendeutschen schmerzt das noch immer“, sagte sie. Zugleich verwies sie auf den Europagedanken, bei dem die Grundlagen solchen Handelns nicht vorkommen dürften. Dem entgegen steht die fortdauernde Gültigkeit der Beneš-Dekrete in Tschechien. Das seien Barrieren für die künftige Zusammenarbeit, für gemeinsame Grundrechte in Europa. „Die Beneš-Dekrete gehören nicht in eine europäische Werteordnung!“ Matschl appellierte an die „moralische Kraft des tschechischen Volkes“, diese Faktoren zu ändern. Als vertriebenenpolitische Sprecherin will sie sich für weitere Kontakte auf der kommunalen, menschlichen und politischen Ebene einsetzen, insbesondere aber das Ansehen von Bayern und der Sudetendeutschen in Tschechien verbessern mit dem Ziel einer zukunftsgerichteten Vertriebenenpolitik. Vom Freistaat Bayern erwartet sie in diesem Kontext einen weiteren Schritt, etwa in Form eines bayerischen Zentrums in Prag analog zum bereits bestehenden tschechischen Zentrum in München.

Für eine kritische Betrachtung von Benešs Politik trat František Cerny, früherer tschechischer Botschafter in Deutschland, ein. Er wandte sich aber gegen dessen Diabolisierung und den Vergleich mit Massenmördern wie Hitler oder Stalin. Gleichwohl versteht er das Trauma der vertriebenen Sudetendeutschen, das mit den Benes-Dekreten zusammenhängt. Cerny charakterisierte den 1918 entstandenen Vielvölkerstaat und die spätere Beeinflussung der Sudetendeutschen durch den NS-Staat. Als Heimat sei damals das „Heim ins Reich“ stärker geworden als die Wurzeln in Böhmen. Auch wies Cerny auf die damalige Rolle der Tschechoslowakei als Asylland für deutsche Flüchtlinge hin. Für richtig hält er, die Vertreibung weiterhin zu benennen, aber auch deren Vorgeschichte nicht zu vergessen. Anzuknüpfen gelte es an die vielen Jahrhunderten zuvor, in denen im wirtschaftlichen und kulturellen Bereich viele Produkte von Weltruf durch die Kooperation von Bayern und Böhmen geschaffen wurden.

Fasziniert vom Land, der Kultur, Sprache und den Menschen Tschechiens ist Sebastian Kraft, der dort studiert und gearbeitet hat und auf diesem Weg zur Jungen Aktion der Ackermann-Gemeinde gestoßen ist, wo er nun das Bundessprecheramt ausübt. Der Symbolkraft des von der Sudetendeutschen Landsmannschaft negativ hochstilisierten Beneš stellte er das Bild vieler Tschechen vom bayerischen Ministerpräsidenten gegenüber: „Edmund Stoiber wurde zu einem Symbol für mangelnde Dialogbereitschaft.“ Das Festhalten an solchen Symbolen ist für Kraft ein Grund für die stockende Verständigung zwischen den beiden Staaten. Anders die Aktivitäten der jungen Generation auf beiden Seiten – eine bayerisch-tschechische Nachbarschaft auf der Basis der EU. Hier könnten bei Begegnungen auf der Basis von Freundschaft und Dialogbereitschaft auch die dunklen Flecke der gemeinsamen Geschichte verarbeitet werden, wobei der Dialog an keine Bedingungen geknüpft ist.

Manfred Weber, der Landesvorsitzende der Jungen Union und Mitglied des Europa-Parlaments, meinte, daß Beneš im europapolitischen Alltag keine Rolle spielt, aber die aus der Vergangenheit herrührenden Themen in der zwischenstaatlichen Politik immer noch weiterschwelen. „In den praktischen Fragen gibt es zum partnerschaftlichen Handeln keine Alternativen“, war  sich der Europaabgeordnete sicher. Deutschland wies er mit dem Entfachen des Zweiten Weltkrieges eine schwere Schuld zu. Insgesamt ist für Weber das Eingeständnis eigener Schuld entscheidend – und mit der Gültigkeit der Beneš-Dekrete bis jetzt trage Tschechien eine „fortwährende Schuld“. Als Vision schwebt ihm ein Europa der Regionen vor, in dem sich die Menschen zu Hause fühlen können. „Wir im Grenzraum müssen uns mehr bemühen, Tschechisch zu lernen“, appellierte der niederbayerische Europaabgeordnete an das Plenum. Zugleich empfahl er der deutschen und bayerischen Politik, weiterhin klar zu sagen, was Recht und Unrecht ist.

Ondrej Matejka von der tschechischen Bürgervereinigung Antikomplex stellte die Arbeit dieser Einrichtung vor allem in bezug auf sudetendeutsche Themen vor und vertrat die Ansicht, daß die Tschechen inzwischen viel über die sudetendeutsche Geschichte erfahren und studieren. Zur bayerisch-tschechischen Nachbarschaft meinte er, es sei „heute unnötig, daß soviel Geschichte zwischen den Staaten steckt“. Trotz vieler Aktivitäten im Konkreten sei wegen der Vorkommnisse im 20. Jahrhundert in der Politik noch vieles blockiert. „Es ist unbegreiflich, daß die Politik nicht dabei behilflich ist, die Last auf die Seite zu schieben, sondern diese weiter bestärkt“, meinte er. Für die tschechische Seite prophezeite er ein Festhalten an den Beneš-Dekreten. Wichtig ist ihm das Retten des sudetendeutschen Erbes in Tschechien ohne ständige Diskussionen über die Beneš-Dekrete. „Dann können wir eine tolle Nachbarschaft schaffen!“

Markus Bauer (KK)

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