Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1269.

Denkmal auf Papier

Die Staatsbibliothek zu Berlin muß Dietrich Bonhoeffers Nachlaß restaurieren, ehe er öffentlich zugänglich gemacht werden kann

Die Staatsbibliothek zu Berlin bittet um Spenden für die Restaurierung und Digitalisierung der schriftlichen Hinterlassenschaften des evangelischen Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer, der Leitfigur des Protestantismus im 20. Jahrhundert in Deutschland und in der gesamten angelsächsischen Welt. Der Nachlaß ist, um mit dem Journalisten Heinrich Wefing zu sprechen, „ein Monument, ein Denkmal auf Papier“. Er findet unvermindert hohes Interesse bei der theologischen Forschung, aber auch bei interessierten Laien, zumal aus den Vereinigten Staaten. Dietrich Bonhoeffer, 1906 in Breslau geboren, ist zugleich gewiß der weltweit bekannteste und am meisten verehrte deutsche Widerstandskämpfer.

Im Jahr 1996 erwarb die Staatsbibliothek zu Berlin für ihre Handschriftenabteilung den Nachlaß aus dem Besitz des Theologen und Pastors Eberhard Bethge (1909–2000), dem von Bonhoeffer testamentarisch zum Erben bestimmten Freund, und dessen Ehefrau Renate, einer Tochter von Bonhoeffers ältester Schwester Ursula. Der Nachlaß sollte nach dem Willen der Eheleute Bethge in Berlin verbleiben, jener Stadt, die für das Leben der gesamten Familie Bonhoeffer wie auch für Dietrich Bonhoeffer so entscheidende Bedeutung hatte. Die Staatsbibliothek hütet seither einen der bedeutendsten Nachlässe zur Geschichte der Theologie und des deutschen Widerstands.

Der Nachlaß umfaßt – von der Jugend über seinen Werdegang als Theologe und Pfarrer, sein Engagement im deutschen Widerstand sowie zu seinem Leben in der Zeit der Haft – das kurze Leben Bonhoeffers in seiner Gänze und hatte vor 1945 von der Familie nur unter schwierigen Bedingungen aufbewahrt werden können, denn die Korrespondenzen und Manuskripte des inhaftierten Sohnes bedeuteten für die Familie Bonhoeffer während des Krieges eine existentielle Bedrohung. Und auch die Briefe Bonhoeffers an Eberhard Bethge – kaum weniger belastende Schriftstücke – wurden im Garten der Eltern von Renate Bethge vergraben.

Als 1945 Frieden herrschte – einen Monat noch vor Kriegsende war Dietrich Bonhoeffer hingerichtet worden –, begann Eberhard Bethge in Bonhoeffers Zimmer im elterlichen Haus auf der Marienburger Allee in Berlin-Westend mit der Ordnung des Schreibtischs. Die Eltern übergaben ihm die Manuskripte, Entwürfe und Zettel: die Fragmente der „Ethik“, aber auch die Korrespondenz und die Predigten aus Barcelona und New York. Sie überließen ihm dann auch den größten Teil der an sie gerichteten Briefe von Dietrich, zum Beispiel jene bewegenden Schreiben aus der Haft des Jahres 1943 im Untersuchungsgefängnis der Wehrmacht in Berlin-Tegel.

In den Jahren und Jahrzehnten nach 1945 wurde der Nachlaß durch das Ehepaar Bethge in unermüdlicher Sammeltätigkeit aufgearbeitet und erweitert, so daß er neben den Originaltexten auch Kopien und Abschriften enthält. Somit umfaßt er einerseits Bethges eigene Korrespondenz mit Bonhoeffer aus den Jahren 1936 bis 1944 sowie jene nach Bonhoeffers Hinrichtung vorgefundenen Handschriften, etwa die Hälfte der privaten Bibliothek Bonhoeffers, aber auch Reproduktionen, die Bethge von den Geschwistern, anderen Verwandten und Freunden erhielt, da die Originaldokumente verständlicherweise im Besitz dieser Freunde und Verwandten verblieben sind.

Teile, vor allem Originalhandschriften, sind aus konservatorischer Sicht als in ihrer physischen Substanz gefährdet einzustufen. Dies ist einerseits dem oft schlechten und nicht alterungsbeständigen, holzhaltigen Papier geschuldet, andererseits auch einer durch Bethge veranlaßten Einbettung von ca. 664 Dokumenten zwischen selbstklebende transparente Folien. Eberhard Bethge handelte mit besten Absichten: er bemühte sich, die während des Krieges vergrabenen und entsprechend in Mitleidenschaft gezogenen Briefe dauerhaft zu sichern. In einem Heißlaminierungsverfahren wurde auf beide Seiten der Originale eine zellstoffverstärkte Polyethylenfolie aufgebracht. Da durch die vollflächige Verklebung die Verbindung zwischen Folie und Original viel stärker ist als die eigentliche Materialsubstanz in sich, ist eine Delaminierung der Dokumente sehr kritisch zu bewerten.

Neben der Einbettung von Originalen wurden in der Vergangenheit auch einige Dokumente notdürftig mit Selbstklebestreifen (Tesafilm) geflickt. An diesen Stellen ist das Papier vergilbt und versprödet; teilweise ist es auch zum „Ausbluten“ von Beschreibstoffen gekommen, hervorgerufen durch die im Klebstoff befindlichen Lösungsmittel.

Aufgrund der Melange von Originaldokumenten und Kopien sind nicht sämtliche Blätter des Nachlasses restaurierungsbedürftig, manche von ihnen dafür um so mehr. Das Restaurierungsvorhaben begann insofern mit einer Bestandaufnahme. Gleichzeitig nahm die Staatsbibliothek in Zusammenarbeit mit Restaurierungsexperten eine chemische Analyse der verwendeten Laminierung vor, deren Ergebnis Aufschlüsse über die genauen Schädigungen und erste Hinweise zur restauratorischen Bearbeitung geben sollte. Die Aussagen der Fachleute stimmen dahingehend überein, von einer restauratorischen Beseitigung der Altrestaurierungen auf mittlere Sicht abzurücken. Es drohe keine Gefahr, daß die Papiere durch die jetzige Laminierung weiter geschädigt würden, hingegen sei eine Delaminierung der Objekte mit einem nicht zu vernachlässigenden Risiko behaftet. Die Staatsbibliothek hat sich aufgrund dieser Prognose im Herbst 2008 entschlossen, diese vorerst auszusetzen und stattdessen die „klassischen“ Maßnahmen der Bestandserhaltung in den Vordergrund zu stellen. Knapp 200 Blätter sind somit restauratorisch zu behandeln. Hierzu zählen u.a. das Trockenreinigen, das Schließen und Stabilisieren von Rissen, das Glätten von Knicken und Stauchungen, das Abnehmen von Selbstklebestreifen und das Reduzieren des verbliebenen Klebstoffs, die Ergänzung von Fehlstellen sowie die Stabilisierung fragiler holzhaltiger Papiere.

Im Anschluß an die Restaurierung erfolgt die vollständige Digitalisierung der Dokumente. Soweit urheberrechtlich zulässig, soll der Nachlaß in seiner digitalen Form im Open-Access-Verfahren online zugänglich gemacht werden. Die elektronische Erschließung der Dokumente erfolgt, auf der Grundlage des von Dietrich Meyer und Eberhard Bethge 1987 erstellten Nachlaßverzeichnisses, in der nationalen Nachweisdatenbank für Autographen „Kalliope“ (kalliope.staatsbibliothek-berlin.de).

Diese Arbeiten sollen im Lauf des Jahres 2009 durchgeführt werden. Das Finanzvolumen wird sich auf mehr als 40000 Euro belaufen. Die Finanzmittel der Staatsbibliothek reichen nicht aus, um die restauratorisch anspruchsvollen und umfangreichen Herausforderungen in einer der Bedeutung Dietrich Bonhoeffers adäquaten Zeit zu bewältigen. Die Staatsbibliothek zu Berlin und ihr Freundes- und Förderverein sind deshalb auf Unterstützung durch Geldspenden angewiesen: Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e.V. / Deutsche Bank 24, Kontonummer 439392203 / BLZ 10070024, Verwendungszweck „Bonhoeffer-Nachlaß“.

Martin Hollender (KK)

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