Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1235.

Der Aufstand der Perlensprenger

Schon in den sozialen Konflikten des Industrialisierungszeitalters im 19. Jahrhundert keimte in Böhmen nationaler Unfrieden

Wie eine Perle auf natürliche Weise in einer Muschel entsteht, weiß fast jeder. Wie die Glasperlen in Venedig oder Böhmen entstanden, weiß fast niemand.

Zunächst mußte das Glas in den Glashütten erzeugt werden, von denen viele in den waldreichen Gebieten des westlichen und des nördlichen Böhmen errichtet wurden. Über 60 dieser alten Glashütten hat Karl Zenkner für das Isergebirge und das westliche Riesengebirge aufgelistet. Dort wurde das Glas erschmolzen und für verschiedene Zwecke produziert, in der Gablonzer Gegend vor allem für Schmuck.

Für Perlen und Steine wurde Glas in Stangenform von unterschiedlicher Dicke und Farbe benötigt. Die Perlenerzeugung lag lange in der Hand von Heimarbeitern, den Glassprengern, die die Glasstangen in sogenannte „Hackebissel“ teilten, also die Rohstücke für die Perlen abtrennten. Für diese mühevolle Arbeit brauchten die Schmuckerzeuger viele Arbeitskräfte.

Das Rohglas wurde den Perlenerzeugern in Bündeln zu zehn Kilogramm ausgegeben, die durch Handarbeit mit sogenannten Sprengrädern das Glas in rohe Glasperlen, „Bissel“ oder „Schmelz“ genannt, zerkleinerten. Danach wurden diese Glasperlen in Schleifmühlen geschliffen, weiter veredelt, aufgefädelt und auf den Markt gebracht.

Die Glassprenger arbeiteten in ihren Häusern. Zahlreiche Bewohner der Dörfer um Gablonz und um Eisenbrond (dort tschechische Arbeiter) waren damit beschäftigt, bis der Glaswarenerzeuger Ludwig Breit in Wiesenthal bei Gablonz im Jahre 1888 beschloß, die rohen Perlen mit Maschinen zu erzeugen. Er konstruierte aufgrund von Erfahrungen seines Werkführers Wilhelm Kaulfuß in venezianischen Perlenfabriken eine Maschine, die sogar Perlen in besserer Güte herstellen konnte. Eine Maschine konnte pro Tag 300mal soviel Glas erzeugen wie ein tüchtiger Glassprenger.

Das führte bei den Handsprengern zu Arbeitslosigkeit und Not. Im Winter 1890 rotteten sich daher diese zusammen und zogen von Schumburg über Hirschwinkel nach Neudorf und weiter über Morchenstern nach Oben-Wiesenthal zur Breitschen Schleifmühle. Sie drangen in die Werkstätten und Häuser ein, zerschlugen die Sprengmaschinen, vernichteten Perlenvorräte, raubten und schlugen auf Personen ein, die sie beschwichtigen wollten.
Der Bürgermeister von Wiesenthal, Franz Panzner, wurde von einem jungen Tschechen mit einem Knüppel angegriffen. Die inzwischen eingetroffenen Gendarmen wurden ebenfalls tätlich angegriffen. Ein gewisser Josef Kafka aus Zasada versuchte, dem Wachtmeister Wenzel Eisen das Gewehr zu entreißen. Dabei erhielt er einen Bajonettstich, durch den er tödlich verwundet wurde. Die Zerstörungen im Werk und im Haus des Glaserzeugers gingen noch eine Weile weiter, bis es den Gendarmen gelang, die Zerstörer aus dem Hof zu vertreiben. Das später eingetroffene Militär brauchte nicht mehr einzugreifen. Die Täter wurden vom Kreisgericht in Reichenberg verurteilt, der Gendarm Wenzel Eisen ausgezeichnet.

Die maschinelle Sprengung setzte sich durch. Auch die noch von Hand betriebene Schleifarbeit am „Radel“ wurde bald durch ein neues Verfahren der Abrundung in Trommelöfen abgelöst, in denen die scharfen Kanten der „Hackebissel“ verschmolzen. So entstanden die Rocailleperlen, wobei „rocaille“ auf französisch nichts weiter als Gestein, Fels heißt. Zwischen Perlen und „Steinen“ wurde jedoch in der Gablonzer Schmuckwarenindustrie klar unterschieden.

Über die industrie- und sozialgeschichtliche Relevanz der Episode hinaus ist der Vorgang im Lichte der Vertreibung der Jahre 1945/46 bemerkenswert. Aus dem südlichen, tschechisch besiedelten Gebiet geht ein von Zerstörungen und Übergriffen begleiteter Aufstand aus, der sich gegen Fabriken im sudetendeutschen Gebiet richtet und auch deutsche Glasarbeiter mitreißt. An vorherige friedliche Lösungsversuche hatte man wohl nicht gedacht. Im Jahre 1945 wurde der Betrieb L. Breit enteignet, ein tschechischer „Spravce“ (Verwalter) eingesetzt.

Im Jahre 1946 schließlich wurde die Familie wie Hunderttausende Sudetendeutsche deportiert. Die Vertreibung zerstörte die Arbeit vieler Generationen.

Rüdiger Goldmann (KK)

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