Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1283.

Der erste Nachbar mit der dritten Fremdsprache

Als solche können deutsche Schüler nun Polnisch lernen, wie es im Buch steht, und zwar in diesem: „Willkommen, Polen!“

Seit einem Jahr lernen die Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse der Gabriele-von-Bülow-Oberschule in Berlin Polnisch. Die Effekte sind erstaunlich gut. Selbstausgedachte improvisierte Dialoge, durch die der Sprachwitz durchkommt, helfen die Sprache schneller zu erlernen und machen sogar Spaß. Seit dem laufenden Schuljahr gibt es ein zusätzliches Hilfswerk: „Witaj Polsko!" – „Willkommen(,) Polen!" –, das erste offizielle Schullehrwerk für Polnisch als dritte Fremdsprache in Deutschland. Nach sechsjähriger Vorbereitung konnte das Projekt endlich realisiert werden. Kulturstaatsminister Bernd Neumann stellte das Buch in Berlin vor.

„Das Buch ist sauverständlich", sagt Jan und wechselt dann in die Hochsprache: „Die Arbeitsaufträge sind gut nachvollziehbar. Man braucht keine deutsche Übersetzung. Das ist mehr auf den Schüler bezogen." Dieser Meinung ist auch seine Lehrerin Renata Szpigiel, zugleich Mitautorin des Buches. Das Buch sei an beide Lehrpläne gebunden, für die Sekundarstufe 1 und für die gymnasiale Oberstufe. „Unser Problem war nicht, welche Themen nehmen wir auf, sondern welche müssen wir lassen. In dem Lehrbuch war einfach nicht Platz für alles, was man gerne wollte", sagt Szpigiel.

Im Juni 1991 wurde der deutsch-polnische Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit unterzeichnet. Der Vertrag gilt bis heute als eine wichtige Grundlage für die bilateralen Beziehungen beider Nationen. Er sollte den Dialog intensivieren. Das geschehe am besten, wenn man die Sprache des jeweils anderen erlerne, meint Kulturstaatsminister Bernd Neumann. In Polen könnten die jungen Leute zu 40 Prozent Deutsch. Das Ziel sei nun gewesen, mit aktuellen, gut aufgemachten Lehr- und Lernbüchern jungen Deutschen die Möglichkeit zu geben, in Deutschland auch Polnisch zu lernen. „Das bisherige Material war unzureichend, zum Teil – wie ich gehört habe – noch aus dem DDR-Bestand. Und jetzt sind tolle Lehrexemplare entstanden. Und ich gehe davon aus, daß das bei den jungen Leuten auch die Absicht, Polnisch zu lernen, beflügeln wird", so Neumann.

Schon im Jahr 2004 hat das Deutsche Polen-Institut gemeinsam mit dem ehemaligen Deutsch-Polnischen Koordinator der Berliner Schulen das Lehrwerk „Witaj Polsko!" initiiert. Die Bundesregierung und die Länder haben das Projekt mit großem Engagement unterstützt. Das hatte vor allem politische Gründe. Man habe inzwischen in Deutschland gemerkt, daß in Polen sehr viel Deutsch gelernt werde, meint der Projektleiter Matthias Kneip: „Wenn der Arbeitsmarkt aufgeht, zum Teil ist er ja schon offen, stehen Firmen, die auch im deutsch-polnischen Bereich arbeiten, vor der Frage nach den Sprachkenntnissen." Man müsse hier die Motivation für junge Leute schaffen, sich mit dem Polnischen zu befassen. Bei den Schülern der Berliner Gabriele-von-Bülow-Oberschule ist das schon gelungen: „Wir sind im Jahrgang fünf oder sechs Leute, die Polnisch lernen", sagt Marcella aus der 9. Klasse. „Es hat also einfach was Besonderes. Ich lerne noch Latein und Englisch und dachte, mit Polnisch wird das eine besondere Kombination." Ihr Kollege Jan fügt hinzu: „Sprachen sind auf jeden Fall interessant. Sie sind aber auch für das spätere Berufsleben von Bedeutung. Wenn man mehrere Sprachen kennt, so hat man bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt."

Bereits in den letzten Jahren sind in Deutschland mehrere moderne Polnisch-Lehrwerke erschienen. Die vorhandenen Lehrbücher gehen von einem anonymen ausländischen Lernenden aus. Spezielle Bedürfnisse deutscher Muttersprachler wurden bisher nicht explizit einbezogen. Bei „Witaj Polsko!" ist dies anders. Das Buch berücksichtigt Wissensstand und Lebenswelt deutscher Schüler. Mitautorin Ewa Baglajewska-Miglus meint dazu: „Die Themen sind aktuell. Wir versuchen nach Möglichkeit auch den kulturellen Hintergrund zu vermitteln. Aber im Grunde genommen geht es darum, wie die jungen Leute heutzutage leben und was sie machen. Das alles soll über die Sprache hinaus die Möglichkeit geben, Interesse am Land selbst zu gewinnen."

In den insgesamt zwanzig Lektionen wechseln allgemeine Themen mit direkt jugendbezogenen wie Studium und Berufswahl, Probleme des Erwachsenwerdens heute, in denen auch Aspekte wie Aussehen, Übergewicht, Drogen, Jugend und Medien angesprochen werden. Und es gibt vergangenheits- und gegenwartsbezogene deutsch-polnische Themen, die auch schwierige Momente der Nachbarschaft nicht ausklammern. Die Originaltexte in den Lektionen stammen oft aus Schülerzeitschriften, aus Internetseiten, Jugendforen und Blogs. Dem zweibändigen Lehrbuch liegen zwei CDs und eine Grammatik bei. Arbeitshefte und das Lehrerhandbuch sind in Vorbereitung.

In Deutschland liegt die Bildungshoheit bei den Bundesländern. Alle sechzehn haben entschieden, „Witaj Polsko!" im Unterricht einzuführen. Denn Polnisch wird immer wichtiger. In den grenznahen Regionen legt man großen Wert darauf, daß der Anteil derjenigen, die Polnisch sprechen, erhöht wird. „Wir beginnen sogar im Kindergarten mit Polnisch als Fremdsprache auf deutscher Seite", sagt der Präsident der Kultusministerkonferenz, Henry Tesch. „Das ist auf einem guten Weg, aber wir müssen auch praktische Fragen klären. Wie erkennt man die Abschlüsse von polnischen Erzieherinnen und Erziehern in Deutschland an? Das, was wir für die Matura mit Bildungsministerin Katarzyna Halls und meiner Unterschrift geregelt haben, daß polnische Schülerinnen und Schüler ohne eine Aufnahmeprüfung hier an die Hochschule gehen können. – Das sind alles wichtige Facetten. Ich finde, der Kreis schließt sich jetzt langsam, jetzt geht es darum, nicht nachzulassen."

Mehr zu dem ersten deutschen Schulbuch für Polnisch als Fremdsprache findet man im Internet unter: www.polnisch.in-schulen.de

Arkadiusz Luba (KK)

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