Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1251.

Der finstere Wald in der Waagrechten

Europas Schlagbäume: Nachruf auf ein Stück realer Unwirklichkeit

Es war zum Ritual geworden und ist eine Erinnerung, die bleiben wird: Immer wenn das Wien nördlich der Donau – dessen Architekturen man damals wie heute lieber nicht zu genau in Augenschein nimmt – nur noch im Rückspiegel sichtbar war, kam die Beklemmung auf: Wie wird es in Drasenhofen, an der Grenze zur CSSR also, diesmal abgehen? Wieder endlose und vor allem ungewisse Wartezeiten, das Durchsuchen des Autos, die klappernden Spiegel zur Kontrolle des Unterbodens, das Durchsuchen des Dokumentenfaches, die argwöhnischen Blicke auf die Zeitungen, die aufdem Rücksitz liegen, das endlose Beäugen des Passes und das fast längere der Veterinärdokumente des Hundes (daß sie von einem belgischen Veterinär ausgestellt waren, machte die Sache nicht einfacher)? Wenn Gaweinsthal erreicht war, der letzte größere Ort vor Drasenhofen, begann die Selbstberuhigung: Richtig „schikaniert“ haben ja die tschechischen Grenzbeamteneigentlich nie, aber weiß man, was sie diesmal tun?

Nicht viel, aber doch ein wenig anders war es auf dem noch häufiger benutzten Weg von Wien nach Preßburg/Bratislawa über die Grenzstelle Berg–Petrzalka: Hinter Hainburg wurde die Straße einsam, fast ging der Weg durch leeres Land. Dann kam das düstere Portal des Gutshofes, vor dem „Wolfsthal“ stand und „Staatsgrenze 3 km“. Zwar war es gesicherte Erfahrung, daß die slowakischen Grenzbeamten umgänglicher waren als die tschechischen, aber man war doch jedesmal so angespannt, daß man das weite Land, die Kleinen Karpaten und die viertürmige Burg auf dem Scheitel der Höhen zunächst nur wie Schemen wahrnahm: Zuerst die österreichische Kontrollstation, dahinter schwere Schlagbäume, Stacheldrahtzäune zu beiden Seiten, Uniformierte auf einer Straße, über der heiße Luft waberte oder schneidender Nordostwind von den Bergen strich. Dann der österreichische Beamte, der den Paß zurück- und dem braun uniformierten Beamten gegenüber ein Handzeichen gab, der den ersten schweren Schlagbaum öffnete. Es gab deren mehrere. Unvergessen auch die Erleichterung, wenn auf den Fahrten nach Oberschlesien vor dem am meisten benutzten Grenzübergang Chalupki–Oderberg, manchmal von Harrachov–Jakuszyze im Riesengebirge, später auch von Sudice–Zauditz zwischen Troppau und Ratibor erste polnische Beamte in den Blick kamen. Oft schien es, als seien die Polen in einer Ansammlung von fremdenangstgeschüttelten „sozialistischen“ Staatsautisten die einzigen halbwegs „Normalen“ – und so war es ja auch, am meisten gegenüber der verblichenen DDR.In einigen Monaten jährt sich auch die Slalomfahrt zwischen den russischen Kolonnen, die gerade den Sozialismus in den Bruderstaat CSSR zurücktransportieren sollten, von Prag über Pilsen zum Grenzübergang Weidhaus, zum 40. Male. Auch als absoluter militärischer Laie hatte man da viele Stunden Zeit zu Betrachtungen über den furchterregenden organisatorischen und logistisch-technischen Zustand der „Roten Armee“. (Äußerst unangenehm war der Empfang durch deutsche Schaulustige und Reporter am Grenzübergang Weidhaus unter dem Grinsen der deutschen Grenzbeamten – so, als käme ein Held aus einem Reich östlicher Dämonen.) Das war Ende August 1968.Der Nachtzg „Chopin“ von Wien nach Warschau verließ den Wiener Südbahnhof um 21.05 Uhr, um 3.15 Uhr war er in Kattowitz. Dort konnte man in die Richtungen Oppeln, Breslau und Krakau umsteigen. Der Zug hätte auch zwei Stunden früher in Kattowitz sein können, aber die Tschechen hielten ihn in Breclav–Lundenburg länger als eine Stunde fest, die Polen in Zebrzydowice auch. Heute kann man es sich kaum noch vorstellen: Die Reise begann am zweiten Weihnachtstag 1985 um 9.00 Uhr in München, in Rosenheim stiegen die österreichischen Grenzbeamten zu und hatten die Kontrolle bei der Einfahrt in Salzburg gerade abgeschlossen. Dann mußte umgestiegen werden, am späten Nachmittag war Wien erreicht, nach vier Stunden ging es mit dem Nachtzug nach Warschau weiter. Kurz nach der Ausfahrt aus dem Wiener Südbahnhof begannen die österreichischen Kontrollen, die Beamten stiegen vor der tschechoslowakischen Grenze aus. In Breclav stand während des Aufenthaltes in jeder Türe ein Grenzbeamter mit umgehängter Waffe, seine Kollegen kontrollierten.An der polnischen Grenze ging es nicht ganz so martialisch zu, aber ich hatte Ärger mit dem polnischen Zoll – er kontrollierte gesondert –, weil der Hund, der es nicht mochte, wegen seiner außerordentlichen Silberpudel-Schönheit von Fremden beachtet zu werden, eine Beamtin ausdauernd angegiftet hatte. Doch eine unverlierbar schöne Erinnerung ist geblieben: Es war die Nacht vom 26. zum 27. Dezember, aber über dem südlichen Oberschlesien stand fast ein nächtlicher Vorfrühlingshimmel, mit ziehenden hellen Wolken, aus denen immer wieder der Mond trat und die trostlose Grenzstation in ein Stück leuchtender Unwirklichkeit verwandelte.Das alles war schon in den letzten fünfzehn Jahren vergangene Wirklichkeit. Bei den längst nicht mehr zählbaren Fahrten in die inzwischen geliebte Landschaft an der oberen Moldau, die bei mir das Reich der Rusalka zwischen dem Moldausee und Krumau heißt, war der Grenzübergang jedesmal Guglwald. Hinter ihm ist die junge Moldau wie die Verkörperung aller Träume vom dunklen Waldfluß, der über Steinblöcke fließt, zwischen denen Gold schimmert, und über dem das vom 19. Jahrhundert geliebte „Waldweben“ hängt, an Tagen großer Sommer, und in dessen Strom die böhmische Undine, Dvoraks Wassermädchen Rusalka, in den Nächten auf den Felsblöcken sitzt, die das Wasser überragen, und ihr Lied an den Mond singt. Die meisten österreichischen wie die tschechischen Grenzbeamten kannten mich und wußten, daß ich nur über die Grenze fuhr, um an der Moldau und ihrem Stausee zu sein. Die „Kontrollen“ bestanden aus gegenseitigen Handbewegungen, und ich habe sie vermißt, als sie am 21. Dezember 2007 nicht mehr da waren.Muß man das Verschwinden der martialischen Kontrollveranstaltungen in dem Gewirr europäischer Grenzen bedauern? Gewiss nicht. Ihr Verschwinden verschafft jedem eine Begegnung mit Robert Schuman und Jean Monnet, den Schöpfern der Grundlagen der Europäischen Union. Was heute an den Grenzen Wirklichkeit ist, hat es seit der Karolingischen Zeit in Europa nicht mehr gegeben. Gleichwohl: So rational fühlt der Mensch nicht. Für mich sind die jetzt unbeweglich in die Höhe ragenden Schlagbäume, die bald ganz beseitigt sein werden, auch Marken an den Wegen in das Land, in dem Seneca die Dinge dieser Welt am sichersten verwahrt gesehen hat, in die Vergangen-heit – und damit an den Wegen des eigenen Lebens. Jetzt, nachdem sie keine Aufgabe mehr haben, begleiten sie die Erinnerung an Jugend und Lebensmitte, als man sich Osteuropa mit viel Beharrlichkeit noch erkämpfen mußte. Nun ist es mit den Grenzbäumen wie einmal mit den Getreidehocken auf den Feldern an den alten Straßen in Oberschlesien. Sie standen als vorzeitliche Wächter an den Wegen vergehender Sommer und leuchtender schlesischer Herbste , die von Störchen auf ihren Schwingen über abgeerntete Stoppeln getragen wurden, die es längst nicht mehr gibt.

Dietmar Stutzer (KK)

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