Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1260.

Der Frühling, dem der kälteste Sommer folgte

Der Okkupant, die Studentin, der Dissident und wie sie die Besetzung der Tschechoslowakei durch die Truppen des Warschauer Pakts erlebten

Am 21. August um drei Uhr nachts brach eine sowjetische Panzerdivision unter der Leitung des Generals Bondarenko von der ungarischen Grenze nach Preßburg/Bratislava auf. Man sagte den Soldaten, daß sie den Sozialismus gegen tschechoslowakische Konterrevolutionäre und die bundesdeutsche Okkupationsarmee verteidigen würden. Mit dabei war auch Muhammad Salich. Im Rahmen von großangelegten Manövern des Warschauer Paktes war er schon zweieinhalb Monate in Ungarn. Er war 18 Jahre alt und zum ersten Mal weg aus seinem usbekischen Heimatdorf. Am Vortag hatte man ihre alten Kalaschnikows durch das neueste Modell ausgetauscht, und jeder Soldat hatte 120 Patronen, zwei Granaten und eine neue Uniform samt Helm erhalten. Die Essensration wurde erhöht, und es gab sogar Sahne und Schokolade – ein Fest für sowjetische Soldaten. Nun saß Salich auf dem Panzer, beflügelt von einem abenteuerlichen Gefühl, und hielt sich für bedeutend und kühn.

Während seine Einheit über die Donaubrücke auf die slowakische Metropole zufuhr, wartete er furchtlos darauf, daß die Konterrevolutionäre den Konvoi in die Luft sprengen würden, und malte sich aus, wie er sich mit einem Sprung in die Donau rettete. Aber die Nacht war still. Als sie in die dunklen Straßen eindrangen, sehnte er sich danach, die gemeinen kontry zu bekämpfen. Doch aus den Fenstern lehnten sich bloß verschlafene Menschen, die sie in einer slawischen Sprache fragten, wer sie denn um Gottes willen seien. Rote Armee, antworteten sie stolz, aber die aus dem Schlaf Gerissenen wollten es nicht glauben. Bratislava wurde für Muhammad Salich eine Stadt mit fassungslosen Gesichtern.

Alles erschien ihm wie im Märchen: Er war überwältigt, in einer europäischen Stadt mit einer richtigen mittelalterlichen Burg zu sein – darunter lag eine Wiese mit hohem Gras in einer warmen Sommernacht.
Er war schon damals ein Dichter. Den ersten Schmerz und die erste Scham, denen dann weitere folgten, empfand er, als die Soldaten das Gras zertrampelt und sich hier eingerichtet hatten. Noch wußte er nicht, daß er ein Besatzer und kein Befreier war, doch nach der Entweihung der Ruhe auf der Wiese fing er an, es zu ahnen. Am Tag darauf sah er zum ersten Mal junge Frauen in Miniröcken, deren lange Beine er nie mehr vergessen sollte. Diese wunderschönen Wesen überbrachten ihm Flugblätter und versuchten ohne Bosheit, doch unermüdlich, ihn davon zu überzeugen, daß er ein Unrecht beging.

Jahrzehnte später erzählt mir Muhammad Salich, der inzwischen ein Dichter und der bekannteste usbekische Oppositionspolitiker geworden ist, wie ihn dieser ruhige, würdevolle und zähe Widerstand beeindruckt habe. Ich treffe ihn in Basel, und er bittet mit sanfter Stimme die Bevölkerung der Tschechoslowakei und mich um Verzeihung. Ich hätte ihm damals unter der Burg begegnen können.

Ich war ebenfalls 18 Jahre alt und hatte gerade in Bratislava Abitur gemacht. Kurz vor der Okkupation war ich unterwegs in ein Studentenlager nach Bordeaux. Im Zug redeten zwei französische Arbeiter auf mich ein: „Attention, les Russes.“ Sie wurden nicht müde, mir ihre Warnung nachzurufen, auch als ich schon ausgestiegen war. Ich lachte unbekümmert, genoß die neue Freiheit des Reisens und war zuversichtlich, daß der Kuß, den der russische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew seinem Kollegen Alexander Dubcek auf den Mund gepreßt hatte, verbindlich sei. Breschnew hatte den tschechoslowakischen Reformkurs in der slowakischen Stadt Cierna nad Tisou Ende Juli 1968 gutgeheißen und mit einem Bruderkuß besiegelt. Wieso wußten einfache Menschen in Frankreich über feuchte Küsse aus dem Kreml besser Bescheid? Bis zur endgültigen Befreiung dauerte es noch erzwungene 21 Jahre Rückfall in die Diktatur, euphemistisch normalizácia genannt. Denn nach dem kurzen und wundersamen Prager Frühling kam der Sommer.

In Bratislava begriff Muhammad Salich, daß er kein Russe und daß Usbekistan mit seinen Baumwollplantagen eine typische sowjetische Kolonie war. Paradoxe Gefühle hatte der Besatzer – er pflückte süße Pflaumen und wäre hier gerne länger geblieben, aber es schauderte ihn zu sehen, wie sein Vorgesetzter während einer Protestdemonstration in Bratislava ein kleines Mädchen erschoß, das auf den Schultern seines Vaters saß. Zum Auslöser für den endgültigen Bruch mit der Sowjetunion wurde für den Usbeken der Sturm auf das slowakische Rundfunkstudio. Sein Spähtrupp drang mit entsicherten Gewehren in die verlassenen Korridore ein, wo sich eine einsame Angestellte mit erhobenen Armen sofort ergab. Da lachte er über sich selbst, sah ein, wie lächerlich er war. Und als sich ein Soldat oben aufs Klavier setzte und mit den Füssen auf der Klaviatur herumtrampelte, war es für Muhammad Salich, als habe sich durch diese Untat die große russische Kultur, die er so bewundert hatte, selbst entwertet. Bald darauf verließ er die Tschechoslowakei als usbekischer Nationalist.

Bis heute wandert Muhammad Salich ruhelos durch die Welt als gejagter Feind Nr.1 des in Usbekistan herrschenden Präsidenten Islam Karimow. Sollte es der Opposition gelingen, Karimows grausames Regime zu stürzen, will mein ehemaliger Okkupant den Frühling nach Taschkent bringen.

Ich eilte aus Frankreich nach Hause, um mich den Panzern zu stellen, doch ich kam nur bis Wien. Dort wartete meine Mutter, sie wollte westwärts fahren, egal wohin, und der Rest der Familie sollte dann nachkommen. Es war die schlimmste Reise meines Lebens, ich wurde von meiner Geschichte und der Muttersprache getrennt. Ich sollte an einem unbekannten Ort bei Null anfangen. An einem verregneten Septembertag kamen wir in Buchs an. Über dem Lagertor stand in bunten Lettern geschrieben: Seid willkommen, Helden! Wir fühlten uns nicht als Helden und fuhren aufs Geratewohl weiter. Wir hatten keine Landkarte dabei, und von der Schweiz wußten wir nur, daß sie neutral war – dieses Wort war anziehend, es gehörte zum Wunschkonzept des tschechoslowakischen dritten Weges. Gegen Abend erreichten wir Basel, und die Mutter sagte müde: „Wir emigrieren keinen Meter weiter.“ Seitdem lebe ich hier.

In meinem ersten, in deutscher Sprache verfaßten Buch beschrieb ich den Schock über den hinterlistigen Gewaltakt von 1968 so: „Ich begann zu begreifen. Es war wie das Hauen auf eine leere Konservenbüchse, ein hoher, stumpfer Ton. Mein Körper war hohl und in ein Frostkorsett gezwängt. Das französische Radio meldete ununterbrochen „L’occupation de la Tchéchoslovaquie“. Irgendwann überfielen mich unbarmherzige Weinkrämpfe. Die Hülle war abgefallen. Übrig geblieben war ein winziges, gehäutetes Wesen. Und da spürte ich ein leises Kribbeln beim Bewußtsein eines historischen Augenblicks. Meine Heimat zog mich an wie ein bodenloser Abgrund, ich hätte mich gerne blind hineingestürzt. Ich ahnte, daß nicht die Panzer, die vor meinen ungläubigen Augen auftauchten, zum Verzweifeln waren. Das Gefährliche und Lähmende war die Gewißheit, daß es auf dieser von den Panzern gewalzten Erde wieder ein plattes Leben in gegenseitigem Mißtrauen und Angst geben würde.“

Diese Gefühle sind längst vom Wissen besänftigt, daß der Große Bruder nach der Samtenen Revolution von 1989 mit Schmach abziehen mußte und Tschechien und die Slowakei ins vereinte Europa zurückgekehrt sind. Rußland hat sich nach langem Zögern für die Okkupation entschuldigt und damit auch jenen zwei Russinnen und fünf Russen recht gegeben, die am 25. August 1968 auf dem Roten Platz in Moskau gegen die Schandtat ihrer Regierung protestiert hatten. Als ich in Basel von dem Aufstand der sieben Aufrechten erfuhr, hatte ich eine Art Erweckungserlebnis. Ich beschloß, Russisch zu studieren. Meine Familie fand es befremdend, freiwillig die Sprache unserer Okkupanten lernen zu wollen. Dank den Russischkenntnissen setzte ich mich später während Jahren bei der Schweizer Sektion von Amnesty International für die Freilassung von sowjetischen Gewissensgefangenen ein. Als Anfang der 80er Jahre einige von ihnen ausgebürgert wurden und in den Westen kamen, machte ich Interviews mit ihnen und dolmetschte für sie bei Konferenzen. Einer von ihnen war Viktor Fainberg. Eines Nachts erzählt er mir in meiner Basler Wohnung von den wichtigsten fünf Minuten seines Lebens.

Eine kleine Moskauer Dissidentengruppe, erschüttert durch die Okkupation, beschloß, im Herzen der Repression – vor dem Kreml – zu protestieren. Sieben Sowjetbürger opferten sich selbst, sie hatten keine Illusionen, sie kannten den hohen Preis der Zivilcourage. Außer Viktor Fainberg waren dabei: die Dichterin Natalja Gorbanewskaja samt ihrem zwei Monate alten Kind im Kinderwagen, die Sprachwissenschaftlerin Larissa Bogoras, der Dichter Vadim Delone, der Bauarbeiter Vladimir Dremljuga, die beiden Mathematiker Konstantin Babitzkij und Pavel Litwinow. Auf dem Roten Platz angekommen, zogen sie unter ihrer Kleidung Plakate heraus und entrollten sie über ihren Köpfen: Freiheit für die Tschechoslowakei, Nieder mit den Okkupanten, Für eure und unsere Freiheit, Ruhm der freien und unabhängigen Tschechoslowakei! Innerhalb von Minuten kamen KGB-Beamte in Zivil angerannt, rissen die Plakate entzwei und schlugen auf die Demonstrierenden ein. Ein Beamter trat dem sitzenden Viktor Fainberg ins Gesicht. Die Folgen davon zeigt mir Viktor, indem er sein künstliches Gebiß herausnimmt. Gleich darauf wurde er zusammen mit den anderen in einen schwarzen Wagen gestoßen. Nur seine Zähne blieben vor dem Kreml zurück.

Jene Millionen Sowjetbürger, die ihre Zähne vor dem Regime zu schützen wußten, unterschrieben an Universitäten und in Schulen, in Betrieben und Kolchosen vorgefertigte Erklärungen, daß sie den Einmarsch als Rettung des Sozialismus gutheißen. Außer der spektakulären Aktion auf dem Roten Platz kam es in einigen sowjetischen Provinzstädten zu kleinen spontanen Protestkundgebungen, die brutal unterdrückt wurden.

Viktor Fainberg wurde am härtesten bestraft – er kam für fünf Jahre in eine geschlossene psychiatrische Anstalt, wo er mit gefährlichen Psychopharmaka zwangsbehandelt wurde und seine Zelle zusammen mit schwer psychisch Kranken teilen mußte. Der politische Psychiatriemißbrauch war ein perverser Unterdrückungsmechanismus gegen Nonkonforme. Gezeichnet davon, sieht sich Viktor Fainberg dennoch nicht als Opfer: „Jene fünf Minuten Freiheit waren es wert. Ich habe mir bewiesen, daß ich inmitten des allgegenwärtigen Duckens als freier Mensch handelte.“ Nach der Freilassung emigrierte er nach Paris. Seit dem Ausbruch des russischen Kolonialkrieges in Tschetschenien engagiert er sich zusammen mit der tschetschenischen Diaspora dagegen. Der russische Jude pendelt zwischen Frankreich, England und Israel.

Die anderen sechs Dissidenten verschwanden für Jahre im Gefängnis, in den sibirischen Straflagern oder ebenfalls in der Psychiatrie. Drei von ihnen emigrierten dann nach Frankreich und in die USA. Der Protest der Sieben war der Höhepunkt der sich in den 60er Jahren formierenden Dissidentenbewegung, und diese half mit, das Ende der Sowjetunion vorzubereiten. Als ich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs endlich ostwärts reisen durfte, erfüllte ich mir meinen großen Traum und machte in Moskau eine Reportage über die  Menschenrechtler, die schon legal arbeiten konnten. Tatjana Welikanowa, mit einem der Sieben verheiratet, eine Mathematikerin mit langjähriger Hafterfahrung, erinnerte sich: „Im August 1968 fragten meine Freunde: Hast du es gehört? Sie sind in die Tschechoslowakei einmarschiert. Und ich antwortete: Nicht sie, sondern wir sind einmarschiert. Für mich gab es immer das Wir. Wir sind für alles verantwortlich.“

Irena Brezna (KK)

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