Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1304.

Der gebrochene Widerstand der Standbilder

Die Königsberger Statuen von Kant und Friedrich I. wurden zum Stoff von Legenden und wahrscheinlich zum Rohstoff für Sowjetdenkmäler

Die Publizistin Marion Gräfin Dönhoff versicherte immer wieder, daß die von Christian Daniel Rauch geschaffene und 1857 bei Hermann Gladenbeck in Berlin-Friedrichshagen gegossene Bronzestatue Immanuel Kants in Königsberg auf dem Paradeplatz vor der Neuen Universität nach dem britischen Luftangriff am 30. August 1944 von ihr „auf Wunsch des Königsberger Kulturbetreuers im Herbst 1944 ohne den Sockel in Friedrichstein in Empfang genommen und im Park an sicherer Stelle aufgestellt“ wurde.

Oberst Awenir Owsjanow, langjähriger Fahnder nach im Zweiten Weltkrieg verschollenen Kunst- und Kulturschätzen wie dem Bernsteinzimmer, besitzt einen Brief, den die Gräfin um 1988 dem deutschsprachigen Dichter und Schriftsteller Rudolf Jacquemien (gestorben 1992) in Kaliningrad geschrieben hat. Auf einer Skizze hat sie den Standort der Kant-Statue im Park zwischen den beiden Gräben längs der linken Parkallee eingezeichnet mit dem Vermerk: „in diesen beiden Gräben muß man suchen“.

Bei den Ende der 80er Jahre unternommenen Ausgrabungen wurde jedoch die Statue des Philosophen nicht gefunden. Folgerichtig, wenn auch sprachlich nicht ganz richtig, heißt es in der Dokumentation „Königsberg – Kaliningrad. Das 20. Jahrhundert im Bild der Photographie“ (2000) eines russischen Autorenteams: „Das Kant-Denkmal wurde von Gräfin Dönhoff noch vor dem Sturm Königsbergs auf ihrem Gutshof … vergraben. Das Denkmal bleibt bis heute verschollen trotz der mehrmaligen Suche es zu finden.“

Im Archiv des Museums Stadt Königsberg in Duisburg befindet sich allerdings ein handschriftlicher „Bericht über die baulichen Zerstörungen in Königsberg bis zur Kapitulation am 9. 4. 1945 und die baulichen Maßnahmen in den ersten 3 Jahren der Russenzeit“ vom Anfang der 50er Jahre, den der ehemalige Leiter des Schloß- und Universitäts-Bauamtes, Oberbaurat Hans Gerlach (1885–1980), 1970 für das damalige „Haus Königsberg“ nochmals abgeschrieben hat. Darin stehen die bedeutsamen Worte: „Die Denkmäler Friedrichs I. und Kants waren nach vorübergehender Aufstellung im Park von Schloß Friedrichstein auf Anordnung von Koch im Fort Quednau in Sicherheit gebracht worden. Was dort weiter aus ihnen geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis.“ Ein Porträt ihres Vaters aus dem Jahre 1942 stellte mir seine Tochter Barbara Sätteli zur Verfügung.

Von nur vorübergehender Aufstellung der Kant-Statue in Friedrichstein ist nicht die Rede bei der 1909 im Schloß geborenen und aufgewachsenen Herausgeberin der Wochenzeitung „Die Zeit“, auf deren Initiative 1992 eine von dem Berliner Bildhauer Harald Haacke im Jahr zuvor geschaffene Nachbildung des Rauchschen Werks gestiftet wurde, die vor der nunmehrigen Staatlichen Kant-Universität in Kaliningrad steht.

Bestätigt und ergänzt wird Gerlachs Bericht von der Auslagerung der Kant-Statue ins Fort Quednau (Fort III) am Nordrand der Stadt durch einen Brief von Josef Wilczek, dem Präparator und Magazinverwalter des Landesamtes für Vorgeschichte in Königsberg, an Gerhard Knieß, den Kreisdenkmalpfleger von Neidenburg, aus dem Jahre 1967. Eine Kopie des Briefs wird im Archiv des Museums für Ermland und Masuren in Allenstein (Muzeum Warmii i Mazur, Olsztyn) aufbewahrt, wie Miroslaw Hoffmann, Leiter der archäologischen Abteilung, mitteilte. Hier schreibt Wilczek in Zusammenhang mit der Auslagerung eines Teils der vorgeschichtlichen Studien- und Schausammlung des Prussia-Museums bzw. des Landesamtes für Vorgeschichte im Januar 1945: „Im Fort Quednau … waren bereits verschiedene Bronzedenkmäler, wie Emanuel Kant und anderes eingelagert … und der Militär-Kommandantur unterstellt worden.“

Redivivus: Nachguß in Königsberg,
auf Initiative von Marion Gräfin Dönhoff

Möglicherweise hat die Gräfin, die seit Oktober 1944 nicht mehr in Friedrichstein, sondern in Quittainen, Kreis Preußisch Holland, als Verwalterin der Familienstiftung lebte – hierher hatte sie bereits im August 1944 ihren Fuchswallach Alarich, mit dem sie im Januar 1945 die Flucht in den Westen antrat, bringen lassen –, vom Abtransport der Statue aus dem Schloßpark nichts mehr mitbekommen. Der letzte Besitzer von Friedrichstein, Heinrich Graf Dönhoff, war 1942 mit dem Flugzeug bei Kowno, dem heutigen litauischen Kaunas, abgestürzt, und seine Frau Dorothea geb. Gräfin von Hatzfeldt (gestorben 1945) war mit den Kindern in ihre rheinische Heimat zurückgekehrt. Um das bis 1943 verpachtete Gut und Schloß kümmerte sich der in Skandau, Kreis Gerdauen, wohnende Bruder Dietrich Graf Dönhoff (gestorben 1991), der als Betriebsleiter von der Wehrmacht „uk“, das heißt unabkömmlich, gestellt wurde und am 25. Januar 1945 beim Herannahen der ersten sowjetischen Panzer zu Pferd floh.

Obgleich Marion Gräfin Dönhoff die Unterbringung auch der von Andreas Schlüter 1697/98 in Berlin geschaffenen und von dem Hof- und Artillerie-Gießer Johann Jacobi gegossenen sowie 1802 am Schloßplatz in Königsberg aufgestellten Statue des ersten preußischen Königs in Friedrichstein nirgendwo erwähnt, gibt es keinen Grund, an der durch Gerlach und Wilczek bezeugten Auslagerung der beiden und weiterer Statuen auf Befehl des Gauleiters Erich Koch (gestorben 1986) Ende 1944 zu zweifeln. Vielleicht hat die Gräfin aber – wenn es denn nicht Unwissenheit war – mit dem Schweigen bis zu ihrem Tode 2002 den Mythos von der nach dem Inferno von 1944 im Park ihres geliebten Schlosses Friedrichstein Asyl findenden Statue des Philosophen nicht zerstören wollen. Hat sie doch auch, wie man erst seit wenigen Jahren weiß, die wundersame Rettung eines großen Teils des Schloßinventars, der Kunstschätze und des Familienarchivs 1943/44 in den Westen geheimgehalten und in ihren Büchern und Artikeln alles mit dem Schloß in den Flammen von Ende Januar 1945 aufgehen lassen.

Auch in dem Flyer des Deutschen Kulturforums östliches Europa hieß es zur 2009 in Kooperation mit der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg gezeigten Ausstellung „Schloß Friedrichstein in Ostpreußen und die Grafen von Dönhoff“ im Schloß Caputh bei Potsdam zwar unrichtig, daß die Ruine erst „in den 1980er Jahren abgetragen“ wurde – dies geschah bereits 1957, wie mir Owsjanow mitteilte, der als junger Pionier bei der Sprengung des Schlosses mitgewirkt hatte –, aber zutreffend: „Ein großer Teil der Ausstattung – Möbel, Tapisserien, Kunstwerke – konnte jedoch gerettet werden.“

Die Statuen des Königs und des Philosophen dürften sich unter den 1968 in dem Bericht des Rotarmisten I. Altschakow über Funde im Fort 1945/46 erwähnten „Denkmälern aus gelbem Metall, die uns nicht gefielen“, befunden haben. Zwei Nachgüsse der Schlüter-Statue wurden 1972 in Berlin-Köpenick angefertigt und aufgestellt im Bode-Museum in Ostberlin bzw. 1979 vor dem Neuen Flügel des Schlosses Charlottenburg in Westberlin, das der selbstgekrönte Friedrich I. (1701 in Königsberg) einst als Lustschloß Lietzenburg für seine zweite Gemahlin Sophie Charlotte errichten und nach ihrem frühen Tod 1705 in Charlottenburg umbenennen ließ. Die beiden ganz und gar hervorragenden Kunstwerke teilten sicherlich das Schicksal der Einschmelzung fast aller Bronzedenkmäler der Stadt und der Provinz für Krieger-, Kalinin-, Stalin- und Lenin-Denkmäler.

Heinrich Lange (KK)

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