Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1290.

Der Glaube ist eine Zuflucht, aber kein Versteck

Diözesantag der Ackermann-Gemeinde Würzburg

Im Zeichen des Widerstandes gegen das NS-Regime stand der Diözesantag der Ackermann-Gemeinde Würzburg. „Nicht alle wollten heim ins Reich … Sudetendeutscher Widerstand gegen die NS-Diktatur 1938–1945“ lautete der Titel der Tagung, bei der aber auch örtliche Zeitzeugen des Widerstandes gegen die Nazis zu Wort kamen.

Zum Tagungsthema referierte Dr. Otfrid Pustejovsky aus Waakirchen, der auch im  Buch „Christlicher Widerstand gegen die NS-Herrschaft in den Böhmischen Ländern“ darüber schreibt. „Mehr als 2500 Sudetendeutsche saßen in Dachau ein“, hat er ermittelt, wobei der erste Transport bereits gut zwei Wochen nach dem Einmarsch ins Sudetenland am 1. Oktober 1938 im oberbayerischen KZ eintraf. Gestapo-Sonderermittler starteten schon drei Tage nach dem Einmarsch ihre Arbeit, eine Woche später gingen Berichte über 42 Verhaftete an die Zentrale in Berlin.

Der Waakirchner schilderte die Schicksale von einzelnen Widerstandskämpfern aus dem Sudetenland. Sehr drastisch war laut Pustejovsky das Oktroyieren des nationalsozialistischen Rechts- und Verwaltungssystems auf bestehende Verhältnisse, die Auflösung der Vereine und das Einziehen von Vereinsvermögen sowie die Auflösung der Jugendverbände. Da 90 Prozent der Sudetendeutschen der katholischen Kirche angehörten, hatte dies weitreichende Folgen. Weil in den böhmischen Ländern das Reichskonkordat nicht galt, war die Kirchenverfolgung hier weit intensiver als im Reich. Als Beispiele nannte der Historiker die Schicksale mehrerer Priester und Laien. „In Österreich werden sie heute gefeiert, doch bei den Sudetendeutschen herrscht großes Schweigen“, stellte er fest. „Die 1000jährige Kirchentradition wurde zerstört, materielle Grundlagen für Priester entfielen, Filialkirchen konnten nicht mehr bedient werden, Bischöfe konnten ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen.“ Veranstaltungen der NS-Organisationen parallel zu Messen erwiesen sich als  Schikanen. Diese Entwicklungen führten auf verschiedenen Ebenen zum Widerstand.

Pustejovsky wies auch darauf hin, daß in Tschechien in jüngster Zeit die Erforschung des antifaschistischen Widerstandes gefördert wird. „Konservative oder christliche Vertreter des  Widerstandes wurden aber nicht behandelt“, stellte er fest. „Bis heute gibt es kein vergleichbares Programm von deutscher oder sudetendeutscher Seite, kein wirkliches Interesse seitens der Landsmannschaft … Ein Verdrängen ist eine Flucht aus der eigenen Geschichte. Denn ohne Wahrheit entstehen Mythen und Legenden für die Zukunft, die neue Konflikte hervorrufen.“

Die Zeitzeugen Heidi Carl-Neisinger (für ihren Mann Oskar Neisinger), Domkapitular Prälat Karl Rost und Stadtoberamtsrat a.D. Heinrich Weise berichteten über ihren Widerstand gegen das Nazi-Regime in der Region Würzburg. Sie schilderten die nur geheimen Gruppenstunden der katholischen Jugendarbeit, ihre Entwicklung zu NS-Gegnern, die Aktivitäten kirchlicher Verbände – soweit diese nicht verboten waren – und vor allem die Maßnahmen gegen die von den Nazis geplante Schließung des Klosters Münsterschwarzach.

Sie waren sich einig, daß diese Fakten als Aufgabe in die heutige Bildungsarbeit einzubringen sind. „Die Leute damals hatten eine ganz starke Christusfrömmigkeit. Das wäre heute wieder nötig“, stellte Carl-Neisinger  fest. Für Prälat Rost genügt es, sich auf Christus einzulassen und Bruderliebe zu üben. Die Kirche könnte daraus lernen, sich nicht in die Ecke drängen oder ganz verdrängen zu lassen. „Wir sollten uns nicht hinter unserem Glauben verstecken und ihn in der Gesellschaft verteidigen“, forderte Heinrich Weise – und dies ist für ihn auch eine Aufgabe der Laien. „Wir müssen uns einmischen. Wir können etwas bewegen in der Gesellschaft, in den Familien und im Verein“, suchte der 82jährige die Teilnehmer zu motivieren.

Markus Bauer (KK)

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