Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1252.

Der Golem ging mit nach Mexiko

Hanna Last verläßt Deutschland. Heimlich. Von Dresden aus fährt sie mit dem Bus in Richtung tschechische Grenze. Begleitet wird sie von einem Genossen bis kurz vor die Grenze. Hanna verläßt Deutschland, dessen Staatsbürgerschaft sie durch ihre Heirat mit Karl Last erworben hat. Es hat gleichzeitig den Verlust ihrer tschechischen Staatsbürgerschaft bedeutet. Sie ist auf der Flucht, weil ihr Mann wegen illegaler Betätigung zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden ist und ihr der Boden unter den Füßen zu heiß wird.

Sie will nach Prag. Dort ist sie geboren, dort kennt sie sich aus. Meint sie. Als sie Prag verlassen hat, um in Deutschland zu studieren, war diese Stadt noch Teil der k. u. k. Monarchie. Kein Wunder, daß sie von den Veränderungen verwirrt ist. Ihr Bruder, mittlerweile in der Hochfinanz angekommen, hatte für ihr Engagement bei den Kommunisten noch nie etwas übrig. Entsprechend frostig ist der Empfang. Sie sucht sich schnell eine eigene Bleibe.

Natürlich braucht sie Arbeit. Doch die ist schwer zu bekommen für Exilanten. Aber mit ihren Fremdsprachenkenntnissen gelingt es ihr, bei der Zeitung „Svoboda“ eine, heute würde man wohl sagen, geringfügige Beschäftigung zu bekommen. Sie übersetzt originelle Meldungen aus fremdsprachigen Zeitungen gegen Zeilenhonorar. Als der Chefredakteur merkt, welches Juwel er in seiner Redaktion beschäftigt, gibt er zusätzliche Übersetzungen in Auftrag. Dadurch kommen sie sich sehr, sehr nahe. Das Verhältnis mit ihrem Chef stürzt Hanna in Verwirrung, weil sie einerseits den Parteiauftrag hat, über die Vorgänge in der Redaktion zu berichten, sich andererseits ihrem Mann im deutschen Gefängnis verpflichtet fühlt. Aber die Gegenwart ist stärker.

Alice Rühle-Gerstel hat mit „Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit“ einen Roman geschrieben über das Leben in Prag, bevor die Deutschen einmarschierten. Es ist ein Roman über die Situation der Exilanten in einem Land, das Angst vor dieser Invasion hat. Es ist ein Roman über die zunehmende Verunsicherung angesichts der Vorgänge in der Sowjetunion. Den Exilanten wird die Zuversicht in die Richtigkeit des Vorbildes Sowjetunion genommen. Die Aufsplitterung in diverse Neugründungen kommunistischer Kleinstparteien, verbunden mit Unterwanderung und Denunziation, lassen das Leben zur Hölle werden. Wem kann man noch glauben, vertrauen? Auch die Beziehung Hannas zu ihrem Chef zerbricht daran. Hannas  Tiefpunkt ist erreicht, als eines Tages bei ihr eine Hausdurchsuchung stattfindet, bei der natürlich belastendes Material gefunden wird. Hauptvorwurf: Sie habe sich mit einem Nazi-Spion eingelassen. Also wird sie ausgewiesen. Auf ihrer Abschiedstour werden verschiedene Mißverständnisse ausgeräumt, ihr Bruder erweist sich auf einmal als großzügig. Er bedauert sogar, daß man sich so wenig umeinander gekümmert hat. Hanna geht wieder über die grüne Grenze, diesmal aber nach Österreich. Von dort möchte sie vielleicht nach Paris, vielleicht nach Spanien. So gesehen, endet der Roman fast optimistisch.

Fast. Das Buch ist stark autobiographisch. Deshalb weiß der Leser natürlich, daß weder Paris noch Spanien für engagierte Kommunisten eine Alternative sein konnte. Alice Rühle-Gerstel landete 1936 im sicheren Mexiko und traf dort ihren um 20 Jahre älteren Mann Otto Rühle wieder. Viele Kollegen aus ihrer Prager Zeit, während der sie beim „Prager Tagblatt“ arbeitete, für das auch Egon Erwin Kisch schrieb, traf sie dort ebenfalls. Aber das mentale Klima war gestört. Zu Kisch gab es kaum Kontakt, dafür zu Lenka Reinerová. Diese hatte guten Kontakt zu F. C. Weisskopf, Egonek, wie sie Kisch nennt, und vielen anderen. Aber die politische Mißstimmung war aus Prag mitgebracht worden. So daß man sich aus dem Weg ging. Und das so gründlich, daß Alice Rühle-Gerstel am 24. Juni 1943 den Freitod wählte, einige Stunden nach dem Tod ihres Mannes. Das alles ist dem informativen Nachwort Marta Markovás zu entnehmen.

Gerade darum ist der Roman ein faszinierendes Stück Literatur, eine genaue Beschreibung Prags und seiner Bewohner um 1935. Es scheint ein Tanz auf dem Vulkan gewesen zu sein, diese merkwürdige Mischung aus Sehnsucht nach Leben einerseits und Geborgenheit andererseits. Wer wissen will, wie die Prager intellektuelle Szene zwischen kommunistischer Borniertheit, deutscher Bedrohung und tschechischer Angst zerrieben wurde, sollte dieses Buch lesen.

Alice Rühle-Gerstel: Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit. Ein Prag-Roman. Aviva Verlag, Berlin 2007, 444 Seiten, 24,50 Euro

Ulrich Schmidt (KK)

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