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Ausgaben: Ausgabe 1357.

Der Griff nach einem Apfel, um der Vitamine willen

In Polen wird der Verlust jüdischen Lebens seit einigen Jahren wahrgenommen – und damit die Chance auf einen Neugewinn

Der-Griff-nach-einemIm Nachbarland Polen lebt seit einigen Jahren das jüdische Leben auf. Viele junge Polen entdecken ihre jüdischen Wurzeln und wollen ihr Judentum ausleben. Das 2014 eröffnete, neu errichtete Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau bildet einen zentralen Bezugspunkt dafür. Es soll die jüdische Identität in Polen fördern.

Der architektonische Quader, der das Museum POLIN umschließt, ist als ein Gegensatz konstruiert: Außen schlichte gläserne Fassaden, innen – dramatische Wellen aus Beton, die jedoch visuell leicht wie helles Holz wirken. Oder aber aufgewühlt wie Meereswasser. An das Letztere dachte der finnische Architekt Rainer Mahlamäki, erklärtermaßen an das Rote Meer, das sich geteilt hat, um den Israeliten die Flucht aus Ägypten und ein neues Leben in Kanaan zu ermöglichen.
So soll auch die Dauerausstellung im Museum das Leben der polnischen Juden dokumentieren und ihnen dadurch symbolisch ein neues Leben geben. Der Bau wurde gegenüber dem Denkmal der Helden des Warschauer Ghettos (vor dem einst Willy Brandt niederkniete) errichtet und steht auf dem Gelände, auf dem sich früher das jüdische Getto befand, in dem Warschauer Bezirk Muranów.

Auf Hebräisch bedeutet po-lan „schlafe/raste hier“, und po-Lan-Ya – wie Polen (Polania) genannt wurde – „Gott schläft hier“. Laut einer Legende hörten die vor all den Verfolgungen aus Westeuropa fliehenden Juden diese Worte in einem Wald in Polen. Und sie entschlossen sich zu bleiben. „Die Juden gehören einfach zur polnischen Geschichte“, unterstreicht Professor Dariusz Stola, Direktor des Museums. „Wer die vergangene Völkervielfalt dieses Landes vergisst, verstümmelt es. Auch die jüdische Geschichte ohne Polen ist unvollkommen. Die Juden hatten hier über tausend Jahre lang besondere Rechte.“ Ähnliche Worte findet der polnische Staatspräsident Bronisław Komorowski: „Man kann die polnische Geschichte ohne die Geschichte der polnischen Juden nicht verstehen. Man kann aber auch die jüdische Geschichte ohne die polnische nicht verstehen. Die polnische und die jüdische Welt haben sich gegenseitig beeinflusst, über Jahrhunderte waren sie Nachbarn.“

Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten in Polen knapp dreieinhalb Millionen Juden. Sie waren die größte Bevölkerungsgruppe jüdischen Glaubens in Europa.
Von den Dreihunderttausend, die die Schreckensherrschaft der Nazis überlebten, verließen die meisten das Land; größtenteils 1968 „in der Folge einer von der damals regierenden Kommunistischen Partei angestifteten antizionistischen Kampagne, in der der Antisemitismus gewachsen ist. Das war mit einem Machtkampf im Zentralkomitee der Polnischen Arbeiterpartei verbunden“, erklärt Dr. Joachim Russek, Direktor des Krakauer Zentrums für Jüdische Kultur und Mitbegründer des Interdisziplinären Instituts für Geschichte und Kultur der Juden in Polen an der Jagiellonen-Universität. „Da meine Generation viele Karl-May-Bücher gelesen hat, wusste sie noch bis vor Kurzem viel mehr von der Geschichte der Indianer und Cowboys in Amerika, als über die polnischen Juden. Und nach 1968 ist das Thema für die nächste Dekade beinah ganz verschwunden“, sagt der Mittsechziger. Die über tausendjährige enge Nachbarschaft der Polen und Juden wurde so zerstört, meint Professorin Dina Porat, Haupthistorikerin der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

Die zahlreichen Besuche jüdischer Touristen, die jedes Jahr nach Polen kommen, sind ein einmaliges, formelles und vor allem negativ belastetes Ritual. Dem gegenüber stehen Aussagen wie die des ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Shamir, die Polen tränken den Antisemitismus mit der Muttermilch. Populär sind wiederum Anekdoten wie die über den ehemaligen Lubawitscher Rabbi Menachem Schneerson, der seine Chabad-Häuser zur Unterstützung der jüdischen Gemeinden und der chassidischen Lehre in der ganzen Welt haben wollte, außer in Polen, da dieses Land kein Platz für Juden sei. Die amerikanische Ethnographin Erica T. Lehrer stellt in ihrem Buch „Jewish Poland Revisited“ (Indiana University Press 2013) fest: „Das Land wird vom jüdischen Establishment als rituell geschändet behandelt; es wurde zu einem Symbol des Bösen, das jede andere Bedeutung außer der mit dem Holocaust verbundenen überschattet. Auf gleiche Art und Weise verleumden die Juden heute weder Frankreich (wo das Vichy-Regime offiziell mit den Nazis kollaborierte) noch Litauen (wo die lokale Bevölkerung und die Institutionen eifrig an der Judenermordung beteiligt waren) noch sogar Deutschland selbst als den Architekten der Vernichtung.“ Gerne bedient sich das Narrativ des jüdischen Nationalismus der neugeschaffenen Mythen. Und doch sei Polen heute „ein wichtiger Standort für die Regeneration, Neubenennung und -beschreibung nicht nur einer lokalen jüdischen Gemeinde, sondern auch für originelle, hybride Ideen über das Nachkriegsjudentum selbst“, meint Lehrer.

Das kann die dritte Generation nach dem Holocaust tun. Als Mikołaj Trzaska seine jüdischen Wurzeln entdeckte, war er geschockt: „Als kleiner Junge habe ich viele Judenwitze gehört, die im Nachkriegspolen sehr populär waren“, erinnert er sich. „Ich habe mich daher buchstäblich wie ein Lappen voller Flöhe und lächerlich gefühlt, als ich erfahren habe, dass ich Jude bin. Das Bild eines Juden war nämlich das eines gierigen Menschen, der nur das Geld wolle.“ Dank den öffentlichen Debatten der 1990er und frühen 2000er Jahre entdeckte man das Judentum in Polen wieder und fing an, es anders zu betrachten – als Teil einer verlorenen Vergangenheit. Neue Brücken können über die Kluft gebaut werden und die Aufarbeitung der Geschichte unterstützen.

Es waren Polen, die die Fragmente des zurückgebliebenen Judentums zusammenfügten und neu annahmen. Gleichzeitig halfen sie den wenigen einheimischen Juden, sich zu organisieren und zusammenzufinden, und unterstützten den Wiederaufbau des jüdischen Erbes, wogegen die westlichen Juden diese Möglichkeit ausschlugen. Durch Diplomatie sowie künstlerische und kulturelle Zusammenarbeit wagte die polnische Regierung einen programmatischen Versuch, das Image des Landes in den Augen der jüdischen Welt zu verändern. Inzwischen steht in Polen die dritte Generation nach dem Holocaust zu ihrer jüdischen Herkunft. Die jungen Menschen wollen das Judentum in dem Land erhalten, selbst wenn ihre Eltern oder Großeltern oft aus Angst ihre Herkunft verschwiegen und erst viel später offenbart haben.
Mati Kirschenbaum aus Breslau erfuhr mit zwölf Jahren von seiner jüdischen Herkunft. Bis dahin trug seine Familie einen nach dem Krieg vorsichtshalber polonisierten Namen. Kirschenbaum fühlte sich nie besonders mit dem polnischen Katholizismus verbunden und entschied sich, seine jüdischen Wurzeln und die Religion seiner Vorfahren zu pflegen: „Die Identität der polnischen Juden nach deren massenhafter Vernichtung war gefährdet. Ich wollte das Leben meiner Vorfahren weiterführen und die Elemente ihrer Welt kennenlernen. Und so haben mich das Intellektuelle und das Emotionale am Judentum völlig verschlungen. Es hat plötzlich alles gepasst.“

Seit knapp 25 Jahren nun wird die jüdische Kultur in Polen wieder gefeiert, zum Beispiel beim ältesten Festival der jüdischen Kultur in Krakau. Hier treffen sich Juden und Nichtjuden, Künstler und Intellektuelle. Sie entdecken und popularisieren die „verschwundene“ jüdische Kultur. Es sei jedoch keine Wiedergeburt aus dem Nichts, unterstreicht Raphael Roginski, Gitarrist des Trios „Shofar“, das die chassidische Musik mit Gegenwartsjazz mischt. Er ist überzeugt, dass das Judentum in Polen eigentlich nie ganz verschwunden war: „Die jüdische Kultur blieb hier auch während des Holocausts“, unterstreicht er. „Nach dem Krieg war sie sehr interessant, es wurde viel Lyrik geschrieben. Es gab jüdischstämmige Komponisten, die jüdische Themen in moderne Musik übertragen haben. Aus diesem bunten Mix der Einflüsse ist auch mein Trio entstanden.“ Roginski will durch seine Musik das jüdische Leben in Polen bereichern. Dadurch manifestiert er auch seine Zugehörigkeit.

Die – wie sie genannt werden – „unerwarteten Nachkommen“ der verbliebenen polnischen Juden fühlen sich erst in ihrem wiedergefundenen Judentum vollständig. Nochmals Mikołaj Trzaska, der die eigene Herkunft erst als Vater zweier Kinder akzeptiert hat: „Wir nehmen etwas auf, das wir früher nicht hatten. Es ist unbeschreiblich schön – als wenn man nach einem Apfel greift, weil man Vitamine braucht: Erst nachdem man ihn gegessen hat, fühlt man sich komplett.“

Mati Kirschenbaum hat seine Heimatstadt Breslau inzwischen verlassen und studiert in Potsdam am Institut für jüdische Theologie. Er will – irgendwann in Zukunft – ein liberaler Rabbiner werden und in Polen einer jüdischen Gemeinde vorstehen. Bislang gebe es keinen liberalen Rabbiner, der in Polen geboren ist, meint Kirschen-
baum: „Aufgrund der Vernichtung sind die Probleme der polnischen Juden sehr spezifisch. Nicht jeder Rabbiner versteht sie. Ich verstehe sie dagegen, weil sie meinen jüdischen Weg begleitet haben. Ich würde dann meine künftige Gemeinde fördern, aber auch zeigen, wie sie wach und funktionstüchtig bleibt, wenn ich mal zwei Wochen im Urlaub bin.“

6000 Juden leben nach Schätzungen derzeit in Polen. Katka Reszke hat die dritte Generation nach dem Holocaust zum Thema ihrer Doktorarbeit gemacht. Ihre Studie über Erzählungen zur jüdischen Identität ist im Krakauer Verlag Austeria erschienen, der sich auf jüdische Themen spezialisiert hat. Sie beschäftigt sich mit der jüdischen Herkunft, Authentizität und Zukunft. Was bedeutet es, im heutigen Polen junger Jude zu sein? Katka Reszke verbindet die Antwort mit dem Land: „Weil es Polen ist, wo die jüdische Kultur so vollständig herausgerissen wurde, ist hier die Entdeckung selbst der kleinsten jüdischen Wurzel etwas ganz Besonderes, anders als sonstwo in der Welt. Wir diskutieren jeden Tag zwanghaft über das Judentum und was es bedeutet, Jude zu sein. Und diese Diskussion ist unglaublich gehaltvoll“, sagt sie stolz. Wie sich solche Diskussionen im Schatten der aktuellen europäischen Konflikte entwickeln werden, weiß derzeit noch niemand.

Westeuropa werde immer als die progressive Hälfte des Kontinents gesehen, nachdem es sich angemessen mit dem Holocaust auseinandergesetzt hat, im Gegensatz zu dem rückständigen, verknöcherten Osten. Diese Ansicht sei beunruhigend, meint Erica T. Lehrer. Doch „der positive Wirbel und die von unten kommenden Impulse vieler polnischer Initiativen bilden die Avantgarde der Wiedereingliederung und der Renaissance des jüdischen Erbes in Europa. Provozierend könnte man fragen, wie erfolgreich das Rassismusproblem wirklich gelöst worden ist. Aufgrund der westlichen Selbstzufriedenheit könnte sich nämlich gerade in der oberflächlichen Umarmung der (meist abwesenden) Juden die Fremdenfeindlichkeit gegenüber den heute viel präsenteren Anderen verstärken“, so die Ethnographin.

Eine neue, selbstbewusste Generation polnischer Juden wächst. Das ist sicher.

Arkadiusz Łuba (KK)

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