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Ausgaben: Ausgabe 1317.

Der Große oder nur der Zweite?

Friedrich und sein Preußen im Widerstreit der Meinungen zwischen Identifikation, Negation und Projektion

Der Staat Preußen wurde am 25. Februar 1947 durch das Gesetz Nr. 46 des Alliierten Kontrollrates der Siegermächte aufgelöst. Die offizielle Begründung lautete, daß der Staat Preußen „seit jeher der Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland“ war. Es blieb den deutschen Kommunisten in der Sowjetisch Besetzten Zone vorbehalten, diese Sichtweise der Alliierten ideologisch zu untermauern: Ín Preußen waren die feudalen Großgrundbesitzer und die Junkerkaste schon immer Vertreter des Militarismus und Chauvinismus. Diese  These war dann die Begründung für die radikalen Umwälzungen zumal in den ländlichen Eigentumsverhältnissen in Mitteldeutschland.

Zwar wurde Preußen als Staat ausgelöscht, aber seine Geschichte und Überlieferung und vor allem die Erinnerung an seine großen Herrscherpersönlichkeiten wie den Großen Kurfürsten, den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. und natürlich seinen Sohn Friedrich den Großen blieben bei vielen Menschen nach 1945 bzw. 1947 erhalten. Und auch mit den vielgenannten  preußischen Tugenden wie Ordnung, Fleiß, Pünktlichkeit, Sparsamkeit, Disziplin und Selbstbeschränkung konnten und können sich viele identifizieren. Ist es vermessen, festzustellen, daß gerade diese Eigenschaften eine Grundlage waren für den schnellen Wiederaufbau unseres Landes nach den Kriegszerstörungen – im Osten unter schwierigeren Bedingungen als im Westen?

Auch für die beiden deutschen Staaten nach 1949 war das Thema Preußen kein Tabu. Das offizielle Geschichtsbild der radikalen deutschen Kommunisten wurde bereits seit den fünfziger Jahren abgelöst durch die russisch-preußisch/deutsche Freundschaft in Erinnerung an die Befreiungskriege gegen Napoleon 1813, das DDR-Fernsehen produzierte Serien über Scharnhorst und Clausewitz, schließlich erschien 1979 das bahnbrechende Buch „Friedrich II. von Preußen“ von Ingrid Mittenzwei.

Höhepunkt wurde dann die Wiederaufstellung des berühmten Reiterdenkmals Friedrichs des Großen von Christian Daniel Rauch in Berlin Unter den Linden. Die Blickrichtung des Königs geht nach Osten, und es gab allen Ernstes besorgte Stimmen in Polen, die ein Wiederaufleben des „Dranges nach Osten“ befürchteten. Ohnehin war der sozialistische Bruderstaat DDR nicht beliebt beim östlichen Nachbarn, die „Brüder“ wurden auch die „roten Preußen“ genannt. Hinter der Wendung zu einer differenzierteren Sicht auf Preußen einschließlich der Person Friedrichs des Großen steckte ohne Zweifel die Absicht, eine Identifikation der Bevölkerung mit ihrem Staat DDR zu erreichen.

Für die Bundesrepublik Deutschland vor 1989 ist die Preußenausstellung 1981 in Berlin zu nennen, die vermittels Präsentationen in allen West-Berliner Bezirken mit den Besuchern einen  umfangreichen Dialog über viele Facetten Preußens führen wollte.

Im vereinigten Deutschland folgte dann 2001 in Berlin und in Brandenburg die große Preußenausstellung aus Anlaß des 300. Jahrestages der Krönung des Kurfürsten Friedrich zum König in Preußen in Königsberg/ Ostpreußen. Auf einmal entdeckten nicht wenige Deutsche, daß Ostpreußen einst zu Deutschland gehört hat. Es war bekanntlich der Beginn der Hohenzollernschen Monarchie, die 1918 am Ende des Ersten Weltkrieges abdanken mußte. Es braucht nicht besonders
betont zu werden, daß Friedrich der Große in allen großen und kleinen Ausstellungen eine zentrale Rolle spielte.

Die Idee Preußen und die Erinnerung an seine großen Könige ist durchaus bei vielen Menschen gerade in Berlin und Brandenburg lebendig. Ich denke an Traditionsvereine der preußischen Armee, etwa die Langen Kerls in Potsdam, an Geschichtsvereine, die sich z. B. mit der Teilnahme von Vertretern des preußischen Adels am 20. Juli 1944 beschäftigen, oder die Preußische Gesellschaft Berlin-Brandenburg mit ihren schon traditionellen Neujahrsempfängen im Hilton am Gendarmenmarkt. Diese Gesellschaft fordert nach wie vor die Bildung eines Bundeslandes Preußen.

Zieht man ein Resümee über die Pojektion Preußens und seiner berühmten Herrscher, kann festgestellt werden, daß das Bild nicht mehr durch Militarismus, Drill, Kadavergehorsam geprägt ist, sondern durch die berühmten Tugenden, die funktionierende Verwaltung, die Leistungen wie die Trockenlegung des Oderbruches und des Warthe- und Netzebruches. Es fällt aber auch auf, daß viele Menschen in Deutschland nicht wissen, daß die meisten Gebiete des preußischen Staates heute nicht mehr im Hoheitsgebiet Deutschlands liegen, sondern in Polen und in Rußland.

Auch die Person Friedrichs des Großen liegt im Widerstreit der Berurteilungen: Aggressor und Rechtsbrecher oder erster Diener seines Staates, Aufklärer und Philosoph auf dem Königsthron. Deutlich kann das etwa an der unterschiedlichen Bezeichnung abgelesen werden: Friedrich II. oder Friedrich der Große.

Nun stehen wir 2012 vor einem weiteren Preußenjahr zumindest in Berlin und Brandenburg. Anlaß ist der 300. Geburtstag Friedrichs des Großen am 24. Januar. In der ganzen Region gibt es eine Fülle von Veranstaltungen über den König und seinen Staat – so besonders die zentrale Ausstellung „Friederisiko. Friedrich der Große“ ab dem 28. April im Neuen Palais im Park Sanssouci. Veranstalter ist die  Stiftung Schlösser und Gärten Berlin Brandenburg. Aber auch die Kranzniederlegung der Preußischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg am Grabe des Königs im Park Sanssouci an seinem Geburtstag muß genannt werden.

„Geschichtspolitisch“ bedeutsam war der Festakt der Länder Brandenburg und Berlin am 24. Januar im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt. Es war eine prominente Runde mit dem Bundespräsidenten, den Regierungschefs Platzeck und Wowereit, dem Festredner Professor Christopher Clark. Er ist Australier, hat in Cambridge studiert und gilt gegenwärtig als bester Kenner der preußischen Geschichte. Man fragt sich, wo deutsche Historiker dieses Kapitel preußisch-deutscher Geschichte so kompetent bearbeiten? Zur Prominenz muß auch Georg
Friedrich Prinz von Preußen, der Chef des Hauses Hohenzollern, gezählt werden, gewissermaßen eine Verneigung der republikanischen Staatsmänner vor der Familie des großen Königs.

Der Rahmen war feierlich, die Herren durchweg im dunklen Zwirn, Jeans wurden nicht gesichtet, die Staatskapelle Berlin intonierte Werke von Graun und seiner Majestät höchstselbst, und an der Stirnseite des Konzertsaales blickte überlebensgroß der König milde auf das Publikum. Wurde dieser Festakt nun zu dem geschichtspolitischen Ereignis, das das Bild von Friedrich II. neu zeichnete, wobei es – wie in der Vergangenheit – zur Ikone geriet, oder sollte es als „Steinbruch“ für eine offizielle oder amtliche Geschichtsauffassung herhalten wie im Kaiserreich, im Nationalsozialismus, aber auch in der DDR, oder aber sollte Friedrich als der unbarmherzige Aggressor und Eroberer dargestellt werden? Nichts von alledem, es gab keinen Deutungsstreit, weder bei den Politikern noch bei  Christopher Clark. Vielmehr herrschte ein breiter Konsens über die Notwendigkeit, die Taten und Leistungen Friedrichs differenziert in allen Facetten darzustellen: die Überlegungen des aufgeklärten Philosophen über die Pflichten eines Königs, seine Initiative zur Schaffung einer Rechtsordnung, die berühmten Tugenden, der Aggressor, Militarist und Eroberer, Literat und Musikfreund, seine Vorstellungen von Toleranz, seine Leistungen um den Ausbau des Landes wie die Trockenlegung des
Oderbruches.

In jedem Fall war der König eine Ausnahmeerscheinung, die einer ganzen Epoche ihren Stempel aufdrückte. In vielen Punkten kann er Vorbild sein, in anderen Bereichen – z. B. sei der Raubkrieg um Schlesien erinnert – ist er zu verurteilen. Jede Generation zeichnet sich ein Bild der friderizianischen Epoche mit den Leistungen des Königs, und der einzelne Betrachter muß ausloten, ob er für ihn Vorbild ist oder nicht, ob er ihn Friedrich den Großen oder Friedrich II. nennen will.
Das wird auch in Zukunft so bleiben.

Unbestritten wird 2012 zumindest in Berlin und Brandenburg ein Preußen- bzw. Friedrichsjahr. Davon zeugen die zahlreichen Veranstaltungen und Ausstellungen in allen Landesteilen, aber auch die Fülle von neu erschienenen Büchern und DVDs   zum Thema. Es wird scheinbar vorausgesetzt, daß der Monarch eine ungebrochene Strahlkraft in der Bevölkerung besitzt. Man sollte sich nicht täuschen, die Unkenntnis über den König und seine Zeit, aber auch über Preußen, ist erheblich und nicht ohne weiteres zu beheben. Hier sind Schulen und Hochschulen gefordert, aber auch die Anstrengungen der Zivilgesellschaft für ein unverkrampftes Verhältnis zur eigenen Geschichte.

Wie bereits angemerkt, wurde auch in den Beiträgen dieses Festaktes kein Wort darüber verloren, daß der größte Teil der einst preußischen Territorien heute nicht  mehr zu Deutschland gehört, auch der östliche Teil der Mark Brandenburg. Friedrich ist also auch Teil der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte. Ein polnischer  Beitrag zu dieser Veranstaltung wäre sicher spannend gewesen. Als Fazit wird festgehalten, daß diese Veranstaltung sowie die große Zahl an Vorträgen, Austellungen, Filmen, Diskussionen zum Thema Friedrich dazu beitragen, das  Wissen um diese Epoche der deutschen/ preußischen Geschichte bei mehr
Menschen als bisher zu verbreiten und möglicherweise das Bewußtsein zu schärfen, daß die deutsche Geschichte nicht erst 1933 oder 1945 begonnen hat.

Karlheinz Lau (KK)

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