Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1322.

Der große Prussifikator

Mit Übermacht erobert, mit Macht umgestaltet: Tagung zu Schlesien unter Friedrich dem Großen

In dem Reigen der landauf, landab derzeit stattfindenden Ausstellungen, Vortragsveranstaltungen, Sonderschauen etc. anläßlich des 300. Geburtstages des wohl bekanntesten wie auch umstrittenen preußischen Königs Friedrich II. (1712–1786) konnte das Heimatwerk Schlesischer Katholiken nicht fehlen. Der Historisch-politische Arbeitskreis des Heimatwerkes widmete daher dem Eroberer Schlesiens unter dem Titel „König Friedrich II. von Preußen und Schlesien“ im Erbacher Hof – Bildungszentrum der Diözese Mainz – eine eigene Tagung. Die mehr als sechzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden durch fünf fundierte Vorträge zu verschiedenen Aspekten des Umbruchs in Schlesien zu Zeiten Friedrichs II. reich belohnt.

Professor Dr. Josef Joachim Menzel, der Präsident des Heimatwerkes Schlesischer Katholiken, eröffnete die Tagung und begrüßte alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie die Referenten.

Professor Menzel stellte in seinem Tagungsbeitrag „Schlesien als Konfliktfeld zwischen Preußen und Österreich“ die Vorzüge der Provinz insbesondere unter wirtschaftlichen Aspekten heraus und sagte, dass es berechtigt sei, Schlesien als ein Juwel im habsburgischen Vielvölkerstaat zu bezeichnen. Von daher sei es verständlich, daß der junge preußische König Friedrich II. danach trachtete, ein derartiges Juwel seinem brandenburgisch-preußischen Staat, dem noch das Attribut „des Reiches Streusandbüchse“ anhaftete, einzuverleiben. Unmittelbar nach seinem Regierungsantritt überfiel der junge preußische König völlig überraschend und zu untypischer winterlicher Zeit mit einem schlagkräftigen, den Österreichern mengenmäßig 35fach überlegenen Heer Schlesien und erzwang schließlich den Hubertusburger Frieden, der Schlesien mit 35000 Quadratmetern Fläche und einer Million Einwohnern endgültig an Preußen brachte. Die seit dem Jahre 1740 einsetzende „Verpreußung“ Schlesiens bestand u. a. ganz wesentlich darin, dass Schlesien vollständig in die Verwaltungsstrukturen des preußischen Einheitsstaates integriert wurde und für gewachsene, landesindividuelle Besonderheiten kein Platz mehr war. Diese Art war den Schlesiern bis dahin fremd, weil die Habsburger gewonnenen Ländern ihre Verwaltungsstrukturen und damit auch ihre Individualität beließen. Letztlich, so Prof. Menzel, führte die Eroberung Schlesiens durch Preußen zum Aufstieg dieses Staates zu einer europäischen Macht, zur Neubildung eines Deutschen Reiches unter Ausschluß von Habsburg und damit zur preußisch-kleindeutschen Lösung dieser Frage.

Dr. Werner Chrobak, Mitarbeiter des Instituts für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte in Regensburg, untersuchte in seinem Beitrag „Der neue Berliner Landesherr und die katholische Kirche in Schlesien“ die Auswirkungen der Übernahme Schlesiens durch Friedrich II., der selbst nicht als Christ, sondern als theistisch geprägter, aufgeklärter Machtpolitiker zu bezeichnen sei, dessen Handeln durchgängig von Pragmatismus und Nützlichkeitserwägungen zum Vorteil des preußischen Staates bestimmt war. Zwar ließ er den Katholiken wie auch allen anderen Glaubens- und Religionsfreiheit. Dies hinderte ihn aber nicht, Geistliche auszuspionieren und, wenn sie nicht den Ansprüchen des Staates genügten, des Landes zu verweisen oder gar hinrichten zu lassen. Ausländischen Einfluß auf seine Untertanen, zumal den des Papstes auf die Katholiken, suchte er zu unterbinden, was ein angespanntes Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und Friedrich II. zur Folge hatte. Erst seit Ende der sechziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts kam es zu einer Besserung dieser Situation.

Dr. Barbara Mikuda-Hüttel, Scharfbillig, stellte unter dem Titel „Die schlesische Kunst der Friedrizianischen Zeit am Beispiel der Bauten von Carl Gotthard Langhans“ den Übergang vom österreichischen Barock zum preußischen Klassizismus vor und belegte diese Entwicklung anschaulich mit Bildern klassizistischer Bauten. Der Baumeister und Architekt Carl Gotthard Langhans, im Jahre 1732 in Landeshut/Schlesien geboren und 1808 in Grüneiche in Breslau gestorben, fand im Jahre 1764 in dem Fürsten Franz Philipp Adrian von Hatzfeld einen Arbeitgeber und Förderer, so daß es Langhans möglich war, eine Studienreise nach Italien vorzunehmen, um dort Bauten der Antike und der Renaissance zu studieren und in Deutschland dem Klassizismus den Weg zu bereiten. Im Jahre 1775 wurde er Direktor der Breslauer Kriegs- und Domänenkammer und im Jahre 1788, bereits nach dem Tode Friedrichs II., Direktor des Berliner Oberhofbauamtes. Zu seiner Zeit war dieser Schlesier einer der bedeutendsten preußischen Baumeister, der nicht nur in Schlesien seine Spuren hinterlassen hat. So sind das Brandenburger Tor und das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt in Berlin von ihm geschaffen worden.

Mit dem Beitrag „Das sich wandelnde geistig-literarische Gesicht des Landes seit dem Übergang an Preußen“ rückte Dr. Johannes Sziborsky, Jandelsbrunn, einen weiteren Aspekt des Umbruchs in den Fokus der Betrachtungen. Wenn Schlesier, z.B. Andreas Gryphius, Angelus Silesius oder Johann Christian Günther, noch zu habsburgischen Zeiten im wesentlichen Barockdichtung zum geistig-kulturellen Leben in Deutschland beigetragen hatten, sei es Mitte des achtzehnten Jahrhunderts in Schlesien still geworden. Friedrich II. forderte nachdrücklich das „Preußischwerden“ der Schlesier ein, so daß die Zeit der Dichter zu einem Ende kam und nun bis auf weiteres eine Zeit für die Denker anbrach. Entsprechend seiner eigenen rationalistisch-aufklärerischen Gedankenwelt förderte er die Wissenschaften – verwies auch die Jesuiten nicht des Landes, nachdem deren Orden im Jahre 1773 päpstlicherseits aufgehoben worden war, sondern hielt sie mittels einer staatlichen Auffanginstitution, weil er sie als gute Lehrer schätzte, in Schlesien – und fand darin in den aus Breslau stammenden Philosophen Christian Wolff und Christian Garve eifrige Anhänger und Unterstützer. Erst allmählich kehrte nicht rationalistische Dichtung im Verlaufe der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts insbesondere über die religiöse Schiene nach Schlesien zurück. Als Vertreter dieser Entwicklung seien evangelischerseits Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf und katholischerseits Ignaz Franz zu nennen.

„Die Entwicklung der schlesischen Wirtschaft im preußischen Staat des 18. Jahrhunderts“ beleuchtete Professor Dr. Konrad Fuchs, Mainz. Die drei Schlesischen Kriege in der Zeit von 1740 bis 1763 hatten nicht nur Schlesien nachhaltig geschädigt, sondern den gesamten preußischen Staat an den Rand des Bankrotts gebracht. Hier nun erwies sich Friedrich II. als ein merkantilisch geschickter Landesherr. Nach dem Hubertusburger Frieden von 1763 kurbelte er mit einem beachtlichen Förderprogramm von 5 Millionen Talern für den ganzen preußischen Staat die Wirtschaft an. Von der Gesamtsumme flossen allein 65 Prozent in die schlesische Wirtschaft. Flankiert wurden diese Maßnahmen durch protektionistische Ergänzungen: Importe vermeiden, Exporte fördern, Geldtransfer ins Ausland verhindern, Zuwanderung von fleißigen Fachkräften begünstigen usw. Am Ende dieses langjährigen Prozesses war Schlesien für Preußen das, was Friedrich II. sich 1740 bei seinem Einfall nach Schlesien erhofft hatte: eine Perle!

Zum Abschluß dankte Professor Menzel Referenten und Teilnehmern und wies auf die nächste Tagung und Mitgliederversammlung des Heimatwerkes am 26. und 27. Januar 2013 wiederum im Erbacher Hof in Mainz hin. Gegenstand dieser Tagung wird das Heimatwerk selbst sein unter der Überschrift „Standortbestimmungen: Wo stehen wir, wo werden wir zukünftig stehen?“

Bernhard Jungnitz (KK)

«

»