Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1326.

Der Habsburger, der nie eine Burg gehabt hat

Drum lebte er in und für Europa: Otto von Habsburg

Vor 100 Jahren, am 20. November 1912, kam Otto von Habsburg in Reichenau/ Niederösterreich als erstes Kind von Erzherzog Carl von Österreich und Prinzessin Zita von Bourbon-Parma zur Welt. Sein Taufpate war Kaiser Franz-Joseph. Als der am 21. November 1916 starb, wurde Erzherzog Otto Kronprinz von Österreich-Ungarn. Seine frühesten Kindheitserinnerungen waren die Beerdigung seines Großonkels am 30. November 1916 in Wien und dann die Krönung seines Vaters Kaiser Karl I. zum apostolischen ungarischen König Karl IV. in Budapest am 30. Dezember 1916. Den Zusammenbruch der Monarchie erlebte er mit seinen Geschwistern in Schloß Gödöllö bei Budapest und in Schloß Schönbrunn bei Wien. Die Familie ging dann über Schloß Eckartsau in Niederösterreich ins schweizerische Exil und kam nach zwei vergeblichen Versuchen des Vaters, nach Ungarn zurückzukehren, auf die Insel Madeira, wo Kaiser Karl 1922 starb. Otto wurde von seiner Mutter als Thronerbe erzogen, sie lebte mit ihm und seinen sieben Geschwistern im Exil in Lequeitio im Baskenland, wo er gefirmt wurde. Sein Pate war Papst Pius XI., vertreten vom Erzbischof von Toledo.

1929 verbringt Otto ein Schuljahr in Luxemburg zur Vervollkommnung seiner Französischkenntnisse, 1930 macht er sein Abitur sowohl vor einer österreichischen als auch vor einer ungarischen Prüfungskommission, anschließend studiert er Nationalökonomie an der Universität Löwen/Belgien, wo er 1935 promoviert.

Seine von Anfang an ablehnende Haltung gegenüber den Nationalsozialisten gipfelt in seinem 1938 in einem Brief an den österreichischen Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg formulierten Wunsch, sich gegen die akute Bedrohung an die Spitze der österreichischen Regierung zu stellen. Daher erläßt Adolf Hitler nach dem „Anschluß“ Österreichs an Deutschland im „Unternehmen Otto“ 1938 einen Haftbefehl gegen ihn. Der steckbrieflich gesuchte und später in Abwesenheit zum Tode verurteilte Kaisersohn stellt von da an seine politische Tätigkeit ganz unter das Ziel der Wiederherstellung der Eigenstaatlichkeit Österreichs nach der Befreiung durch die Alliierten.

Er verläßt 1940 erstmals Europa auf Einladung des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der nach mehrfachen Gesprächsterminen mit „Otto of Austria“ der ganzen kaiserlichen Familie Asyl in den USA anbietet. Nachdem die deutsche Wehrmacht Paris besetzt hat, fliegen er und fast alle Familienmitglieder
von Lissabon nach New York. In den USA wirkt Otto dann gemeinsam mit seiner Mutter und seinen Brüdern in den nächsten vier Jahren weiter für die Anerkennung eines selbständigen Österreich nach Niederwerfung der Nazis. 1944 kehrt er nach Paris zurück, hält sich zu Kriegsende in Tirol auf und muß nach Intervention der Regierung in Wien Österreich wieder verlassen. Aus dem amerikanischen Exil als überzeugter Europäer zurückgekehrt, kämpft er für sein Recht auf die österreichische Heimat sowie stets in großem Maßstab für die Einigung Europas und die Befreiung der sowjetisch besetzten Länder Mittel- und Osteuropas.

Im Rahmen seiner Bemühungen um eine österreichische Exilvertretung in Paris im Sommer 1939 lernt Otto von Habsburg Graf Coudenhove-Calergi, den Gründer der Paneuropa-Union, kennen und dessen europäische Ideen schätzen, arbeitet in den USA mit diesem zusammen und wird 34 Jahre später sein Nachfolger als Präsident der Internationalen Paneuropa-Union. Nach seiner Hochzeit mit Prinzessin Regina von Sachsen-Meiningen 1951 in Nancy sichert er den Lebensunterhalt seiner ständig wachsenden, in Pöcking am Starnberger See lebenden Familie durch weltweite Vortragsreisen sowie regelmäßige Beiträge für viele Zeitungen und Zeitschriften in den USA, Frankreich, Spanien, Belgien, Luxemburg und der Schweiz. Daneben schreibt er mehr als 30 Bücher über historische Persönlichkeiten sowie zu welt- und europapolitischen Themen und nimmt an vielen Begegnungen von Heimatvertriebenen in der Bundesrepublik teil. Erst 1966 erlangt er durch die gesetzlich erforderliche Verzichtserklärung einen österreichischen Paß zur Einreise nach Österreich, bis dahin gab es in seinem österreichischen Paß einen Stempel  „Gilt nicht zur Einreise nach Österrreich“!

Seine weltweiten Kontakte und Informationsmöglichkeiten, auch aufgrund seiner umfassenden Sprachkenntnisse – neben seinen Muttersprachen Deutsch und Ungarisch auch Französisch, Spanisch und Englisch in Perfektion –, veranlassen 1973 den CSU-Vorsitzenden Franz-Josef Strauß, Otto von Habsburg für eine beratende Tätigkeit im Rahmen der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung zu gewinnen, dies insbesondere im Bereich der europäischen Integration. So war er  bis zur ersten Direktwahl des Europäischen Parlaments am 10. Juni 1979 auch als  außenpolitischer Konsulent tätig, in dieser Zeit entstand auch die Idee seiner Kandidatur auf der Liste der CSU für Straßburg. Dazu mußte er allerdings auch die deutsche Staatsangehörigkeit annehmen.

In seiner 20jährigen parlamentarischen Tätigkeit galt sein Hauptinteresse der Stärkung der demokratischen Strukturen der Europäischen Union und der weltweiten Achtung der Menschenrechte. Von Anfang an setzte er sich auch in Straßburg und Brüssel für die europäischen Völker jenseits des Eisernen Vorhangs und die Überwindung des Abkommens von Jalta ein. Als äußeres Zeichen dafür erreichte er 1982 die Aufstellung eines „leeren Stuhls“ im Plenarsaal des Europäischen Parlaments und befaßte sich als Berichterstatter besonders mit den baltischen Staaten. Als Mitglied des Außenpolitischen Ausschusses und als Mitglied der französischen Akademie der Wissenschaften förderte er viele deutsch-französische Städtepartnerschaften und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auch mit Städten und Gemeinden in Ungarn und Kroatien. Dort wurde er auch vielfacher Ehrenbürger und Festredner bei vielen Gelegenheiten.

1986 äußerte er sich gegenüber seinem Kollegen und Freund Ingo Friedrich dahingehend, daß aus Ungarn in absehbarer Zeit der Anstoß zum Fall des Eisernen Vorhangs und der Überwindung der Teilung Europas kommen werde. 1988 konnte er zum ersten Mal seit 1918 wieder einen Besuch in Ungarn machen, und bei dieser Gelegenheit kam die Sprache auch auf ein Paneuropäisches Treffen an der ungarisch-rumänischen Grenze, welches wegen der großen Zahl  ungarischer Flüchtlinge aus Siebenbürgen in Ostungarn dann kurzfristig an die ungarisch-österreichische Grenze verlegt werden mußte. Nachdem die renzsperren dort seit Mai 1989 abgebaut worden waren, fand am 19. August 1989 unter der Schirmherrschaft von Otto von Habsburg und Staatsminister Imre Pozsgay das „Paneuropäische Picknick“ an der Grenze zwischen Sopron und Mörbisch statt, und bei dieser Gelegenheit konnten mehr als 600 DDR-Bürger am kurzzeitig offenen Grenztor nach Österreich fliehen. Anläßlich des 15jährigen Jubiläums dieses epochalen Ereignisses konnte Otto von Habsburg 2004 in Sopron auf Einladung  des damaligen Direktors der Konrad-Adenauer-Stiftung in Ungarn, Klaus Weigelt, gemeinsam mit Imre Pozsgay als Zeitzeuge über die seinerzeitigen Zusammenhänge und Hintergründe berichten und einen weiten historischen Bogen von der Westbindung Ungarns durch die Christianisierung bis zu seinem Beitritt zur Europäischen Union 2004 schlagen.

Otto von Habsburg hat auch nach seinem Ausscheiden aus dem Europäischen Parlament 1999 seine schriftstellerische Tätigkeit und seine Vortragsreisen fortgesetzt und weltweit unzählige Ehrungen und Auszeichnungen erhalten. Der Aufnahme Kroatiens in die EU und der demokratischen Entwicklung in Südosteuropa galt bis zu seinem Tod am 4. Juli 2011 sein uneingeschränktes Interesse.

Hans-Friedrich von Solemacher (KK)

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