Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1267.

Der Heimat gute Stube

Das Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa und die Universität Kiel erfassen Heimatsammlungen

Erst im Juli dieses Jahres haben die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Universität zu Kiel und des Oldenburger Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa damit begonnen, die ca. 300 bis 400 Heimatsammlungen in der ganzen Bundesrepublik zu erfassen. Diese Arbeit ist inzwischen soweit gediehen, daß die beiden Einrichtungen am 18. November im Bundesinstitut zu einer Projektpräsentation einladen konnten.

Über eines sind sich wohl alle einig: Heimatsammlungen sind ein Stück Erinnerungskultur. Und zwar nicht nur für die, die den Grundstock dazu legten, die Vertriebenen und Flüchtlinge, die viele der ausgestellten Objekte in ihrem Fluchtgepäck mit sich führten, sondern für die gesamte Öffentlichkeit. Darum wird das Projekt auch vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Grundlage des Paragraphen 96 BVFG finanziert.

In ihrem exzellenten Vortrag fand die Leiterin dieses Projekts, Prof. Dr. Göttsch-Elten am Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, kluge Worte zur kulturgeschichtlichen und volkskundlichen Bedeutung von Heimatsammlungen. Noch dem letzten Zweifler wäre klar geworden, daß es sich bei den Heimatstuben und -sammlungen nicht nur um Häkeldeckchen und Kaffeetassen handelt, sondern daß ihnen neben der musealen eine soziale Bedeutung zukommt.

Bereits 1952 empfahl der Deutsche Städtetag die Einrichtung von Heimatstuben, „damit die Heimatvertriebenen in heimatlich ausgestatteten Räumen verweilen, in ihnen Bücher aus der Heimat lesen und gelegentlich mit anderen Heimatvertriebenen vereint sein können“. Sie waren in erster Linie Versammlungsraum, in der Regel ausgestattet mit Tisch, Sofa, Stühlen und Bücherborden, und sollten mehr „gute Stube“ als Museum sein, die zunächst wenigen ausgestellten Objekte waren erst in zweiter Linie wichtig. Heimatstuben waren, so Göttsch-Elten, „ein Ort der Begegnung, des Austauschs und damit der Vergewisserung von Identität, einer Identität, die brüchig geworden war und die zwischen der Erfahrung des Verlustes und dem langsamen Ankommen in der neuen Umgebung austariert werden mußte“.

Große Akzeptanz wurde diesen zum Teil in provisorischen Räumen untergebrachten Stuben von den Einheimischen nicht zuteil, sie wurden bisweilen belächelt oder als nostalgisches Sammelsurium abgetan. Dabei erhoben sie gar nicht den Anspruch, ein Museum zu sein, die Kritik an ihnen, es gäbe keine wissenschaftliche Erfassung und Aufarbeitung der Objekte, keine museumswissenschaftlich adäquate Präsentation, viele Objekte befänden sich in einem konservatorisch bedenklichen Zustand, griff einfach daneben. Es gab sogar politische Bedenken, die immer gleiche Mär vom Revanchismus-Gedanken der Vertriebenen. Als ob mit dem Zeigen einer alten schlesischen Tracht auch gleich der Gedanke der Rückeroberung des Gebiets, in dem dieses Kleidungsstück seit Jahrhunderten zu Hause war, virulent wäre.

Es gab Bestrebungen, die immer zahlreicher und größer werdenden Sammlungen in die Landesmuseen der verschiedenen Bundesländer einzugliedern. Diese Bestrebungen gibt es heute noch (oder wieder), jetzt liegt ihnen jedoch eine andere Intention zugrunde: die des Erhalts und möglicherweise des Beweises der gelungenen Integration der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge. Denn klar ist, daß sie nicht verschwinden dürfen – etlichen ist dieses Schicksal schon widerfahren – oder die Sammlerstücke für immer in Depots wandern.

Für bestimmte Herkunftsgebiete und für einzelne Bundesländer wurden Verzeichnisse der Einrichtungen angelegt, 1983 veröffentlichte der Volkskundler und Leiter der Arbeitsstelle „Preußisches Wörterbuch“, Ulrich Tolksdorf, im „Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde“ einen Aufsatz mit dem Titel „Heimatmuseen, Heimatstuben, Heimatecken“, in dem er die Vorstellung einzelner Sammlungen ankündigte. Für ihn waren sie unschätzbares Quellenmaterial, er schrieb damals: „Zu denken ist etwa an Fotos oder Tonband-Aufzeichnungen. Um ein Beispiel zu nennen: nach meinem kursorischen Überblick lagern etwa in den Foto- und Lautarchiven der Heimatmuseen Ost- und Westpreußens ca. 80000 Fotos und ca. 400 Stunden Tonbandaufnahmen mit z.T. Dialektberichten aus dem Bereich des Arbeitslebens, der Kindheits- und Lebenserinnerungen, des Brauchtums, der Volkserzählung, der Flucht- und Kriegsereignisse.“ Schon damals, vor 25 Jahren, bemerkte Göttsch-Elten in ihrer Rede, wies Ulrich Tolksdorf auch auf die Veränderung der Gefühlslage der Erlebnisgeneration im Vergleich zur folgenden Generation hin. Tolksdorfs Arbeit trug viel dazu bei, die Bedeutung der Heimatstuben als Erinnerungsspeicher und damit als Teil des kulturellen Gedächtnisses anzuerkennen.

Wenn es auch immer wieder Diskussionen über das Für und Wider der Heimatsammlungen gab, Berichte, Erwähnungen in den der Thematik nahe stehenden Publikationen, so wurde noch nie ein Versuch unternommen, sie in ihrer Gesamtheit zu erfassen und wissenschaftlich zu untersuchen. Die Bearbeiterin dieses Projekts, die Kulturwissenschaftlerin Cornelia Eisler, verkündete in ihrer Vorstellung des länderumfassenden Projekts nun eine Wende. Und die hört sich nach viel Arbeit an: die vollständige Erfassung und Präsentation aller in Deutschland bestehenden Heimatsammlungen mit Standort, Kontaktdaten, Öffnungszeiten, Beschreibung der Heimatsammlung sowie Beschreibung der Sammlungsbestände. Eingeschlossen werden auch diejenigen Sammlungen, die heute schon nicht mehr als selbständige Einrichtungen bestehen. Ein zweites Ziel ist die monographische Aufarbeitung des Themas „Heimatsammlungen“.

Die unterschiedliche Entwicklung der Heimatsammlungen in den einzelnen Bundesländern ist Gegenstand der Untersuchung, wobei die Einrichtung immer auch als Teil eines breiteren Netzwerkes von Erinnerungskultur angesehen wird und somit der Umgang mit der Vertreibung und zum Beispiel die Akzeptanz von Erinnerung durch die jeweiligen Gemeinden beim Aufstellen von Gedenksteinen oder Kreuzen, von Grabmälern oder den östlichen Heimatgebieten gewidmeten Plaketten eine Rolle spielen wird. Durch die Erweiterung der BRD um die neuen Bundesländer bekommt das Projekt eine weitere Dimension, wie auch durch die Öffnung der Grenzen nach Osten.

Man sieht, die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem aus vielfachen Gründen umstrittenen Objekt  „Heimatstuben“ oder „Heimatsammlungen“ führt zu neuen Denkprozessen, besitzt also einen „Synergie“-Effekt großen Ausmaßes. Für die wissenschaftliche Gesamtdarstellung interessant ist beispielsweise das erinnerungskulturelle Netzwerk der Heimatvertriebenen, referierte Cornelia Eisler: Heimattreffen, Wallfahrten, Vertriebenenliteratur, Heimatblätter, Ortschroniken, Heimatkarteien und -archive, Gedenksteine, Erinnerungsreisen und der Heimwehtourismus. Nicht zu vergessen seien die Patenschaften zwischen Städten – die erste war die zwischen Goslar und Brieg im Jahr 1950 –, zwischen Ländern und Kommunen in Ost und West. Die Richtlinien zur Gestaltung der Patenschaften wurden vom Verband der Landsmannschaften, dem Deutschen Städtetag und der Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände erarbeitet.

Von Interesse ist der Sammlungsaufbau. Waren es Nachlässe, Spenden, Ankäufe oder Schenkungen? Wurden die Objekte von Reisen mitgebracht? Stammen sie aus früheren Museen vor dem Zweiten Weltkrieg? Neugründungen werden natürlich mit besonderem Interesse vermerkt, zu nennen wäre da die Heimatsammlung der Wolhyniendeutschen in der ehemaligen DDR aus dem Jahre 1993, zuvor waren solche Bestrebungen in keiner Weise möglich gewesen. Die Veränderungen der einzelnen Einrichtungen, ihre Betreuung durch Arbeitsgemeinschaften, die ehrenamtliche Arbeit, gestützt durch Heimatvereine oder Patenschaftsgemeinden, werden von den Wissenschaftlern ebenfalls untersucht.

Ein Fachgremium, in dem Mitglieder des Präsidiums des Bundes der Vertriebenen, des BdV-Landesverbandes Niedersachsen, des Deutschen Museumsbundes, des Museumsverbandes für Niedersachsen und Bremen e.V. sowie die Leiter der Martin-Opitz-Bibliothek in Herne und des Schlesischen Museums zu Görlitz vertreten sind, begleitet das Projekt und gibt ihm eine transdisziplinäre Ausrichtung. Die Erfassung der Sammlungen findet in Abstimmung mit den derzeit bereits in Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Sachsen laufenden regionalen Erfassungsprojekten statt. Über die Bedeutung des Unternehmens ist man sich einig, Prof. Dr. Silke Göttsch-Elten formuliert sie so: „Die Heimatsammlungen sind Teil des kulturellen Erbes, was im Europa des 20. Jahrhunderts oft genug auch geteiltes Erbe bedeutet. In die Heimatsammlungen sind Erfahrungen, Bedeutungen und Geschichten eingeschrieben, die es zu entziffern gilt, um ihren Stellenwert im kulturellen Erbe Europas sichtbar zu machen.“

Erika Kip (KK)

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