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Ausgaben: Ausgabe 1215.

Der Kardinal aus Oberschlesien

Zum Tode von Leo Kardinal Scheffczyk, dem Meister der katholischen Dogmatik und der sympathischen Bescheidenheit

Als Papst Johannes Paul II. Professor Leo Scheffczyk am 21. Januar 2001 in das Kollegium der Kardinäle berief, zitierte die „Süddeutsche Zeitung“ den soeben hoch geehrten Theologen mit den Worten „zu groß für mich“ und kommentierte: „Das sagt der emeritierte Münchner Dogmatikprofessor wohl nicht deshalb, weil es sich so gut anhört in einem so bedeutenden Moment. Der 80jährige gilt tatsächlich als bescheiden.“ In den Nachrufen hieß es jetzt wiederholt, daß der Verstorbene ob seiner bewundernswerten Bescheidenheit und nicht nur als Dogmatiker und Mariologe zu rühmen sei.

Hier ein persönliches Wort. Es gehört seit Jahrzehnten in München zur Tradition, daß am Abend des zweiten Weihnachtstages ein festlicher Gottesdienst für die vertriebenen Schlesier gefeiert wird. Es erklingt dann jedes Jahr das herrliche schlesische Weihnachtslied „Transeamus usque Bethlehem“.

Höhepunkt war immer wieder die Predigt von Professor Scheffczyk, die sich durch Volksfrömmigkeit und Einfachheit in der Diktion auszeichnete. Zu Beginn der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als ich das erste Mal seine Predigt hörte, war ich höchst erstaunt, als ich vernahm, daß der Prediger seit 1965 einen Lehrstuhl als Professor der Dogmatik in München-Freising habe.

Wiederholt haben wir später nach der Weihnachtsmesse im Münchner Ratskeller zusammengesessen, und immer war Schlesien das Thema, nicht die Theologie. So war es bis kurz vor seinem Tode, Scheffczyk war nicht nur ein treuer, sondern auch ein bekennender Oberschlesier. Im Jahre 2004 feierte er am Tag der Oberschlesier in Rheinberg mit Tausenden von Landsleuten den Gottesdienst.

Geboren wurde Leo Scheffczyk in der oberschlesischen Industriestadt Beuthen am 21. Februar 1920. Hier machte er sein Abitur am humanistischen Gymnasium und begann 1938 das Studium der katholischen Theologie in Breslau, mußte es aber 1941 abbrechen, da er zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Nach Kriegsgefangenschaft in Norwegen und als Heimatvertriebener nahm er nach Kriegsende das Studium an der Philosophisch-Theologischen Fakultät in Freising auf. In Königstein im Taunus wurde er 1952 Subregens; Königstein war als Bildungsstätte werdender Theologen, die als Heimatvertriebene nach Westdeutschland gekommen waren, neu gegründet worden. Nach Dissertation und Habilitation an der Münchner Universität erreichte ihn 1959 ein Ruf an die Universität Tübingen als Professor der Dogmatik. Von 1965 bis zur Emeritierung 1985 gehörte er zum Lehrkörper der Universität München.

Die Ernennung zum Kardinal war die herausragende Würdigung seines Wirkens und seiner theologischen Werke, denn es ist die große Ausnahme, daß ein Mann zum Kardinal berufen wird, der weder ein Bischofsamt bekleidet hat noch aus einem Orden der katholischen Kirche kommt. Genannt werden stets als die bedeutenden Arbeiten das sechsbändige „Marienlexikon“ und seine Mitherausgeberschaft an dem auf acht Bände angelegten Werk der „Katholischen Dogmatik“. Eine Todesanzeige, in der auf das Werk „Maria – Mutter und Gefährtin Christi“ besonders verwiesen wird, spricht dem Tag des Todes am 8. Dezember 2005 eine geradezu transzendente Bedeutung zu, denn der 8. Dezember gilt als Hochfest der „Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau und Gottesmutter Maria“.

Kardinal Friedrich Wetter, Erzbischof von München und Freising, schrieb in einem Nachruf: „Auch nach seiner Emeritierung im Jahre 1985 setzte er sein unermüdliches Schaffen fort. Sein Wirken als Priester und theologischer Lehrer war erfüllt vom Verlangen, zur Ehre Gottes, zum Heil der Seelen und zur Stütze des Lehramts der Kirche die geoffenbarte Wahrheit darzulegen und zu bezeugen.“

„Einer der großen deutschen Theologen“, hieß es jetzt in einer Tageszeitung. In einer Würdigung sagte Professor Anton Ziegelhaus, Theologe gleich ihm: „Scheffczyks Denken ist erstaunlich aufgeschlossen für moderne Fragestellungen. So hat er sich mehrmals mit Teilhard de Chardin beschäftigt, versucht eine Aussöhnung zwischen evoluter (allmählich fortschreitender) Weltsicht und christlichem Glauben oder greift grundsätzlich oder an Einzelthemen philosophisch-theologische Fragen der Hermeneutik auf. Trotz dieser Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen und zur Vermittlung war Scheffczyk immun gegenüber theologischen Modetrends.“ Der Dekan der Katholisch- Theologischen Fakultät der Universität München erklärte in seiner Anzeige zum Tode von Kardinal Scheffczyk, der übrigens wegen der vom letzten Papst festgelegten Altersgrenze von 80 Jahren jüngst an der Papstwahl nicht hatte teilnehmen können: „Ein bedeutender und unermüdlicher Forscher. Seine zahlreichen Veröffentlichungen betreffen so gut wie alle Themen und Fragen der kirchlichen Lehre und ihrer Herausbildung im Laufe der Kirchen- und Theologiegeschichte.“

Die Beisetzung fand auf dem Friedhof „Das Werk“ im Kloster Thalbach, Bregenz, statt.

Herbert Hupka (KK)

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