Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1370.

Der kategorische und viele praktische Imperative

Ostpreußische Reise der Freunde Kants und Königsbergs

Die Gesellschaft der Freunde Kants und Königsbergs e. V. hatte sich unter der Leitung des Vorsitzenden Gerfried Horst in Königsberg/Kaliningrad eingefunden und wartete auf Professor Dr. Wladimir Gilmanov von der Kant-Universität. Es war der 20. April 2016, und traditionsgemäß werden die Kant-Tage mit einem Vortrag Gilmanovs eingeläutet, beim „Bohnenmahl“ im Deutsch-Russischen Haus finden sie dann ihren krönenden Abschluss. 2017 jährt sich diese von Gerfried Horst initiierte Veranstaltung zum zehnten Mal.

Professor Dr. Gilmanov sieht in der Geschichte und Ideengeschichte Königsbergs eine „emblematische Probe der Apokalypse“ – die Stadt wurde zerbombt und in ihrer Identität getroffen. Dabei sprach er aber auch von einer „historischen Pädagogik“ Königsbergs, aus der ein „Mittel gegen die apokalyptische Erkrankung der Welt“ gewonnen werden könne, angesichts der „eskalierenden Gefahr der totalen globalen Selbstvernichtung“. Ein neuer Anfang sei möglich, und zwar wesentlich durch die Lehre Kants, der den Weg „Zum ewigen Frieden“ aufzeige – so der Titel seiner berühmten Schrift –, „nicht ‚auf dem Kirchhof der Menschengattung‘, sondern in einem weltbürgerlichen ‚Völkerbund‘“. Die Stadt am Pregel kann also den Menschen zur Lehrmeisterin werden.

Am 21. April, am Vortag von Kants Geburtstag, begann die traditionelle Stadtrundfahrt mit dem Besuch der Kaliningrader Kunstgalerie. Die Direktorin Galina Sabolozkaja führte durch eine Ausstellung, die die Ruinen von Königsberg zeigt, gemalt von dem Architekten Arsenij Maksimow, und daneben Gemälde von Lovis Corinth, Grafiken von Käthe Kollwitz und Nehrungsbilder von Ernst Mollenhauer. Historisches Erbe solle erhalten werden, betonte Sabolozkaja und berichtete von dem Projekt, das Geburtshaus von Lovis Corinth in Tapiau zu restaurieren und zum Museum zu machen.

Gerfried Horst hatte für die Stadtbesichtigung den Schwerpunkt auf die Gebäude von seite-14-kk1370Friedrich Lahrs (1880–1964) gelegt. Die Kunsthalle am Wrangelturm, die Villa Winter in Amalienau und das Landesfinanzamt, heute Sitz der Bezirksregierung, zeugen von dem Wirken des Schöpfers eines auch von den Russen hochgehaltenen Wahrzeichens der Stadt: des Kant-Grabmals. 1924 zum 200. Geburtstag Kants errichtet, überstand das Grabmal am Dom das Bombardement 1944. Ihm soll es zu verdanken sein, dass die Domruine nicht gesprengt wurde und die Welt heute in dem wiedererstandenen Dom ein kulturelles Zentrum bekommen hat.

Im darin eingerichteten Kant-Museum eröffneten die Freunde Kants und Königsbergs an seinem Geburtstag eine Friedrich-Lahrs-Dauerausstellung und eine Ausstellung über Gottlieb von Hippel d. Ä. und Gottlieb von Hippel d. J. Zuvor fand eine Tagung im Sackheimer Tor, dem jüngsten Zeugnis von der Wiederbelebung der Geschichte, statt. Vor einem Jahr innen noch eine Ruine, wie das Vorstandsmitglied, die Dolmetscherin Svetlana Kolbanjowa, berichtete, wurde das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert von jungen Leuten restauriert und in ein multikulturelles Kunst-Café verwandelt. Den deutschen Gästen trugen mehrere Referenten Projekte und Pläne vor, die ein kulturhistorisches Königsberg schaffen sollen. Stadtführungen werden ausgearbeitet zu Themen wie „Das wissenschaftliche Königsberg“ oder „Auf den Spuren von Kant“. Ein „visuelles“ Königsberg gibt es bereits, das Fischdorf soll erweitert werden und am Wrangelturm soll eine Fußgängerzone entstehen.

Wladimir Gilmanov mahnte die „heute verlernte Kunst des Lernens aus der Geschichte“ an. Die Pädagogin am Pregel aber scheine ihren Kindern diese Lektion beigebracht zu haben, und zwar durch ihren größten Sohn, und die Moderne, also die heutige Zeit, müsse sich „trotz der akuten Krise dem kategorischen Imperativ Kants mit seinem Aufruf zur erbarmungslosen Ehrlichkeit“ stellen. Das bedeutet: ehrlicher Umgang mit der Geschichte, auch wenn es unbequem oder gar schmerzhaft ist.

In der Kaliningrader Oblast pflegt man ihn. Die Freunde Kants und Königsbergs besuchten auch das Seebad Rauschen mit der neuen „Bernsteinhalle“, die restaurierte Ordenskirche in Heiligenwalde und die Ordensburgen in Insterburg und Georgensburg. Dort haben jeweils Privatinitiativen für neues kulturelles Leben in verfallenen Gebäuden gesorgt, ermutigende Zeichen der Bindung an die Geschichte. Der deutsche Insterburger Professor Jürgen Wenzel stellte Vorschläge zur Stadterneuerung vor, während der russische Historiker Wladimir Wlassow über seine Magisterarbeit zur Stadtgeschichte Insterburgs berichtete.

In Gumbinnen traf man auf die Salzburger. In der Aula der Friedrichsschule ist das 1912/13 gemalte Fresko „Die Exulanten“ von Otto Reichert 2008 restauriert worden. Es steht heute im Mittelpunkt des Schullebens. Ein Besuch in der nahe gelegenen Salzburger Kirche mit Gemeindezentrum gehörte dazu. Sowohl in Insterburg, heute Tschernjachowsk, wie in Gumbinnen, heute Gussew, erfuhren die deutschen Gäste Wissenswertes über die russischen Namensgeber und über die Entwicklung der Städte in russischer Zeit.

Den Kant-Freunden lag natürlich das Pfarrhaus von Judtschen in der Nähe von Gumbinnen, in dem Kant drei Jahre lang als Hauslehrer gewirkt hat, besonders am Herzen. Das Häuschen ist in einem desolaten Zustand, aber die Ausführungen von Igor Jerefejew zum Wiederaufbau waren so konkret, dass auch bei den Skeptikern Hoffnung aufkeimte.

Gerfried Horst hatte geschickt und einfühlsam eine Reiseroute durch die preußische und russische Geschichte der Heimat Kants ausgearbeitet. Bei der Geburtstagsfeier im Deutsch-Russischen Haus stellte Marianne Motherby, die „Bohnenkönigin“ 2015, ihren Urururgroßvater William Motherby vor, der in Kant einen väterlichen Freund und Lehrer hatte. Sie entwarf dabei ein lebendiges Bild von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Generalkonsul Dr. Michael Banzhaf und der Direktor des Hauses Andrej Portnjagin nannten in ihren Grußworten Kant eine „Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft“ und eine „Brücke zwischen Deutschen und Russen“.

Bärbel Beutner (KK)

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