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Ausgaben: Ausgabe 1402.

Der Korse, ein Korsar des Todes

Napoleons Wüten im Osten nach Arno Surminski und Günter Müchler

Einstweilen mit dem Rückenwind der Geschichte einem Zenith zustrebend, der in der russischen Steppe elendig verflachen sollte: Napoleon Bonaparte hoch zu Ross und Ruhm in der Sicht des Hofmalers
Bilder: Wikimedia

Der 18jährige Martin Millbacher verfällt im Sommer 1812 dem Glanz der Großen Armee des Kaisers Napoleon. Schon einmal hatte sich das Bild der bunten Uniformen und Fahnen, der Bläser und Trommler, der begeisterten Jubelrufe „Vive l’Empereur!“ in das Gedächtnis des jungen Burschen eingebrannt, als sein Vater Anton, ein Salzburger Emigrant, ihn und seinen älteren Bruder Gregor nach Tilsit mitgenommen hatte. Dort wollte er nicht den „Antichristen“ Napoleon sehen, sondern „seinen“ Preußenkönig und dessen Frau Luise. Der aber war nicht zugelassen beim Gespräch zwischen Kaiser und Zar im Zelt auf dem Memelfloß. Verärgert fuhr Anton Millbacher mit seinen Söhnen ins heimatliche Jorate zurück. Erst später erfuhr er von dem ergebnislosen Gespräch zwischen Königin Luise und Napoleon. Seit 1807 stehen die glanzvollen Bilder des Korsen und seiner machtvollen Truppen vor den Augen des Heranwachsenden und vergolden seine nächtlichen Träume. Wie Millionen andere seiner Generation ist er dem fatalen Reiz dieses ruhelosen Heerführers erlegen, der schon seit über einem Jahrzehnt durch ganz Europa eine Blutspur seiner Schlachten zieht. Auch Mareike, die schöne Tochter des Scherenschleifers Rudies aus Paskalwen, kann das Feuer der Abenteuerlust ihres Freundes nicht eindämmen. Die beiden verbringen schöne Stunden ihrer Jugendliebe in den Wiesenauen an der Memel.

Als Zweitgeborener hat Martin kein Anrecht auf den väterlichen Hof. Den erbt Gregor. Nach des Vaters Rat soll Martin auf Wanderschaft gehen und danach in einen Hof einheiraten, wo der Erbe fehlt. Martin will aber nicht durch Deutschland wandern, sondern mit der Großen Armee marschieren. Vater Anton muss schließlich widerwillig nachgeben, weil sein König mit Napoleon gegen den Zaren zieht. Wohl ist es dem alten Millbacher bei dieser merkwürdigen Koalition nicht.

Ein Vater-Sohn-Konflikt: Der Alte, verwurzelt in bäuerlicher Tradition und Frömmigkeit. Der Junge, geblendet vom Glanz der Welt und des Ruhmes. Ein zeitgeschichtlicher Topos, der sich im 20. Jahrhundert gleich mehrfach wiederholen sollte. Im Sommer 1812 schließt sich Martin der Großen Armee an und dient bei den Kanonieren, wo er zwar nicht reiten, aber sich um die Zugpferde kümmern kann.

Aus Martins Perspektive beobachtet, kommentiert, erleidet Arno Surminski den langen Weg der Großen Armee von der Memel zur Moskwa und zurück. Es ist der Weg einer tiefen Wandlung des jungen Mannes von verblendeter Begeisterung zu entsetzter Ernüchterung. Innerhalb kaum eines halben Jahres zerfällt sein Napoleon-Bild, und die Realität dieses mörderischen und sinnlosen Krieges nimmt ihm und seinen hunderttausenden von Opfern jede heldenhafte Erhabenheit. Was er sieht und erlebt, verändert ihn und seine Sicht grundlegend. Aber Martin bewahrt seine charakterliche Substanz. Zwei Menschen hat er in seinen Gedanken mitgenommen, die ihm Halt geben, seinen Vater und Mareike. So bleibt er auch unter den grausamsten Umständen seinen Wurzeln treu, die ihm sein Vater an Ehrgefühl, Rechtschaffenheit und Frömmigkeit mitgegeben hat. Und seine ihn während des ganzen Marsches begleitenden Träume von Mareike bewahren ihn vor der zunehmend um sich greifenden Sittenlosigkeit und barbarischen Verwilderung seiner Kameraden.

Zunächst geht alles vor sich wie ein Sommerspaziergang. Martin befindet sich in der Obhut seines Korporals Albrecht. Über Kowno, Wilna und Smolensk kommt man auf die breite Straße nach Moskau. Bis dahin hat man Verluste durch Gewitter oder Hitze, Hunger und Durst. Schon dadurch verliert man bereits tausend Pferde und auch einige Soldaten. Noch wird man von der russischen Bevölkerung freundlich empfangen. Napoleon hat die Losung ausgegeben, sie „wie eure Brüder“ zu behandeln und jedes Marodieren und Rauben verboten. Das wird sich bald ändern. Bei Ostrowa gibt es erste Gefechtstote. Bald kommt ein neues Wort auf: Fouragieren. Wer satt werden will, muss auf Fourage gehen, also den Bauern Geflügel, Schweine, Getreide rauben, um die Truppe zu ernähren. Martin kümmert sich lieber um die Pferde.

An des Kaisers 43. Geburtstag zu Mariae Himmelfahrt steht Martin vor Napoleon, die Berührung von dessen Reitgerte an der Schulter empfindet er wie einen Ritterschlag. Der Kaiser behauptet, Martin bei Kowno am Njemen und vor fünf Jahren auf dem Marktplatz in Tilsit gesehen zu haben. Er ist beeindruckt! Aber dann kommt es wirklich zu einer Schlacht. Aus Smolensk hat sich der neue russische Oberkommandierende Kutusow mit dem Heiligenbild der wundertätigen Madonna zurückgezogen, aber in Borodino an der Moskwa stellt er den Eindringling und fügt ihm beinahe eine schwere Schlappe zu. Es ist der 7. September 1812.

Surminski schreibt: „Als der Morgen dämmerte, lebten sie noch, die Franzosen und Russen, die Spanier, Italiener, Kroaten. Österreicher, Preußen, Polen, Sachsen, Hamburger, Bayern, Württemberger, Schweizer, Hessen, Westfalen, Belgier, Holländer, Litauer, die Donkosaken, die Köche, und Diener, die Pferdeburschen und Marketenderinnen, die Kurtisanen und Trommlerjungen. … Noch am Leben waren auch an die tausend Zugochsen und mehr als hunderttausend Pferde, die die Kanonen und Kutschen bis nach Borodino gezogen hatten, dazu die Reitpferde der Garde und die Kavalleriepferde des Königs von Neapel.“

Am Abend dieses Tages sind von mehr als 130 000 Soldaten der Großen Armee 35 000 und von 120 000 Russen 40 000 tot; Napoleon hat 47 Generäle und 480 Offiziere verloren und einen Pyrrhussieg errungen. Kutusow hat mit seinem Widerstand den Russen wieder Auftrieb gegeben. Er marschiert nach Moskau, aber durch die Stadt hindurch und weiter nach Südosten. Der Zar ist in Sankt Petersburg, und vom 14. bis zum 18. September 1812 brennt Moskau. Napoleon zieht in eine brennende Stadt, er ist allein, der Zar kommt nicht, sein Feldzug ist gescheitert. Was folgt, sind Chaos und Verfall, der Verlust von Anstand, Disziplin und Würde. Die Große Armee wird zu einer Räuberbande.

Verheertes Heer: Versprengte französische Soldaten auf dem Rückzug

Martin hat in Borodino seinen Korporal Albrecht verloren. Dieser Verlust und das Grauen des tausendfachen Todes, das nicht enden wollende Schreien und Klagen der Verwundeten, das Leid der Pferde treffen ihn tief. Er findet ein verlassenes Pferd und Henry, einen Schweizer, ein paar Jahre älter und erfahrener als Martin. Beide schließen sich den Reitern des sagenhaften Königs von Neapel, Murat, an. Henry und Martin werden die Grauen des Rückzugs überstehen und schließlich in Jorate ankommen. Doch zuvor erleben sie, wie die Große Armee jede soldatische Haltung ablegt und nach dem Brand in Moskau aus den erhaltenen Häusern und Kirchen Teppiche, Gemälde, Gobelins und Kleider, liturgische Gewänder, Leuchter und Schmuck erbeutet, um die Schätze nach Hause mitzunehmen. Henry beschafft sich zwei Pelzmäntel, Martin begnügt sich mit einem kleinen Medaillon. Napoleon residiert währenddessen im Kreml, schaut auf die zu zwei Dritteln verwüstete Stadt und wartet vergebens – viel zu lange, wie er später zugibt – auf eine Nachricht des Zaren.

Schließlich ordnet er den Rückzug an und ruft Murat und seine Reiter von der vergeblichen Verfolgung Kutusows zurück; sie sollen die Arrièregarde bilden. Das erweist sich als nachteilig, weil aufgrund eines Befehls alle vor ihnen Marschierenden verbrannte Erde hinterlassen, so dass man im Spätherbst und beginnenden Winter im Freien kampieren, Hunger leiden und ständig „fouragieren“ muss. Die nicht mehr so Große Armee zieht sich mitsamt Tross über 50 Kilometer, längst geben die Trommler nicht mehr den Takt der Schritte vor, man schleppt sich dahin, Hunger und Krankheit halten reiche Ernte. Die Große Armee hinterlässt nicht nur Tote und Verwundete, sondern auch die zunehmend lästige Beute. Wölfe, Füchse und Krähen verfolgen die Armee, die Kosaken Kutusows beobachten Napoleons Armee und holen sich die zurückgelassene Beute.

Da man den gleichen Weg nimmt, den man gekommen ist, muss man durch die stinkenden Leichenfelder von Borodino, wo die Toten der Schlacht und 35 000 Pferde verwesen. An der Beresina beweist Napoleon Ende November 1812 noch einmal sein taktisches Genie. Ein Täuschungsmanöver gelingt, 400 holländische Sappeure des Generals Eblé bauen bei Studenka, im eisigen Wasser stehend, zwei Brücken über den Fluss; nur zwanzig überleben. Die Garde, der Kaiser sowie Truppen und Kanonen überqueren die Beresina, dann lässt Napoleon die Brücken zerstören. Zehntausende bleiben zurück und werden von den Kosaken niedergemetzelt.

Henry und Martin sind bei den Glücklichen, die die Beresina hinter sich haben, aber ein Granateinschlag nimmt ihnen Neringa, Martins Pferd. Bei dem Versuch, sich auf einem Bauernhof neue Pferde zu beschaffen, schießt Martin den sich wehrenden Bauern nieder. Henry beruhigt ihn, aber Martin bleibt betroffen. Nie darf er Mareike von dieser Tat berichten. Auf einem verlassenen Gutshof im litauischen Smorgoni bekommen die beiden mit, wie der Kaiser nach einem abendlichen Gespräch mit seinen Marschällen die Große Armee verlässt, um nach Paris zu eilen, das er in nur dreizehn Tagen am 18. Dezember 1812 erreicht. Politik ist wichtiger als die Große Armee, die für Napoleon keinen Wert mehr besitzt. Sie sei in keinem vorzeigbaren Zustand, sagt er. Deswegen sollen aus Wilna alle ausländischen Diplomaten entfernt werden.

Martin und Henry erreichen als erste Wilna, das einen Tag später zu einem unansehnlichen Kranken-, Elends- und Todeslager der verbliebenen völlig zerlumpten und verelendeten Reste der Großen Armee wird. Dieses Grauen lassen sie so schnell wie möglich hinter sich, weil sich die Truppe ohnehin in völliger Auflösung befindet. Außerdem ist es nicht mehr weit bis Jorate, wo die beiden wohlbehalten ankommen. Henry will weiter, hinter seinem Kaiser her, dem er schon so lange treu gedient hat und dem er weiter ergeben ist. Martin hat genug vom Krieg, er will keine Waffe mehr ziehen. Er heiratet seine Mareike. Henry sieht er nie wieder.

Nach kurzer Zeit ist es Vater Anton, der Martin zu den Waffen drängt, weil jetzt sein König gegen den Korsen zu den Soldaten ruft. Er sei doch ein erfahrener Soldat. Martin verweigert sich zum Kummer des preußisch gesinnten Vaters. Für ihn ist der Krieg ein Albtraum. Mareike gibt den Ausschlag, sie ist schwanger, und auch nach der Bibel darf der Bräutigam ein Jahr lang nicht in den Krieg ziehen. Dem kann der fromme Alte nicht widersprechen. So muss Gregor hinaus und fällt in der Völkerschlacht bei Leipzig, ein bitteres Glück für Martin, der den Hof erbt und bald eine Familie hat.

Arno Surminski hat ein Anti-Kriegsbuch geschrieben, das keine Grausamkeit, kein Elend, keinen Schrecken unerwähnt lässt. Ein Anti-Kriegsbuch kann gar nicht grausam genug sein, sagt er. Über die Kapitel seines Romans schreibt er hin und wieder treffende Sinnsprüche aus der Bibel, aus Tolstois „Krieg und Frieden“, dem „Antimachiavell“ Friedrichs II. oder auch von Zeitzeugen. Der letzte lautet: „Die Geschichte wiederholt sich, und jedes Mal kostet es mehr.“ (Halldór Laxness) In der Tat: Nicht nur Napoleon hat die Jugend Europas einer Generation vernichtet; im 20. Jahrhundert wurden die Hekatomben in zwei Weltkriegen vervielfacht.

Der 250. Geburtstag des kleinen Korsen im August 2019 hat auch den Historiker Günter Müchler beflügelt, zur Feder zu greifen und ein Opus Magnum von über 600 Seiten Umfang, mit fast tausend Anmerkungen, einigen Abbildungen und zwei Übersichtskarten vorzulegen. Die umfassende Biographie ist brillant geschrieben. Sie behandelt im letzten Drittel mit dem „Vorstoß ins Leere“ die gleiche Thematik, die Arno Surminski zum Hintergrund seines Romans gewählt hat. Auch Müchler sieht nicht nur die großen Linien der Geschichte, sondern lässt durch Zeitzeugen und detaillierte Beobachtungen die menschliche Tragödie der geschilderten Vorgänge durchscheinen. Das von ihm verarbeitete Quellenmaterial ist enorm.

Diesem verdanken wir eine Notiz aus dem Sommer 1813, als Europa sich nach der Katastrophe von Russland auf die Völkerschlacht bei Leipzig vorbereitet. Am 24. Juni 1813 empfängt der Kaiser den österreichischen Fürsten Metternich im Dresdner Palais Marcolini zu einem Gespräch, das über acht Stunden dauern wird und in dem Napoleon sich nicht immer unter Kontrolle hat. Müchler berichtet: „Er brüstet sich mit der Unerschöpflichkeit seiner militärischen Ressourcen. Als Metternich ihm die Jugend der Soldaten entgegenhält und fragt, wann er die nächste Generation verheizen wolle, verliert er die Contenance. ‚Ihr seid kein Militär‘, herrscht er Metternich an. ‚Ihr wisst nichts über die Seele eines Soldaten. Ich bin im Feldlager aufgewachsen, und ein Mann wie ich scheißt auf das Leben von einer Million Menschen. ‘“

Es ist erstaunlich, dass bei allem besseren Wissen um eine solche Äußerung Müchler durch das Leben seines Helden in den Bann geschlagen bleibt. Selbst im Scheitern gewinnt dieses Leben für ihn „die Eindringlichkeit einer Menschheitserzählung“. Surminski gesteht, dass er während des Schreibens an seinem Roman die ursprünglich noch vorhandene Ehrerbietung dem korsischen Kaiser gegenüber verloren habe. – Wie viele Menschenleben ist eine historische Persönlichkeit mit ihrer Leistung, wie viele Tote sind seine Taten und ggfs. auch bleibenden „Verdienste“ wert? Oder darf man eine solche Frage aus wissenschaftlicher Perspektive nicht stellen? Ist die humanitäre Seite für die Politik unerheblich? Für Surminski ist sie es nicht: Krieg darf kein Mittel der Politik mehr sein.

Klaus Weigelt (KK)

Arno Surminski: Der lange Weg. Von der Memel zur Moskwa. Roman. Stuttgart 2019.
Günter Müchler: Napoleon. Revolutionär auf dem Kaiserthron. Darmstadt 2019.

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