Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1401.

Der „Kreuzritter im Staube“

„Zwischen Revolution und Ruhrbesetzung“ im Haus Schlesien

Heute heißt das „breaking news“: die Kulturreferentin Silke Findeisen vom Haus Schlesien präsentiert die Originalausgabe der „Breslauer Neuesten Nachrichten“ vom 10. November 1918 mit dem Artikel „Die Revolution in Berlin“
Bild: der Autor

Vor dem historischen Hintergrund, dass am 11. November 1918 die deutschen Vertreter in Compiègne den Waffenstillstandsvertrag unterzeichneten und damit das Ende des Ersten Weltkrieges besiegelten, eröffnete Haus Schlesien von Königswinter auf den Tag genau nach 100 Jahren die Sonderausstellung „Zwischen Revolution und Ruhrbesetzung“.

Der am 28. Juni 1919 vorgelegte Versailler Vertrag hatte für Deutschland und ganz Mitteleuropa weitreichende Folgen. Neben der Volksabstimmung in Oberschlesien sah er auch die Abtretung von Teilen der Kreise Groß Wartenberg, Militsch, Guhrau und Namslau an das wiedererstandene Polen sowie des Hultschiner Ländchens an die neugegründete Tschechoslowakei vor.

Im Mittelpunkt der zweisprachigen Sonderausstellung stehen eine Plakatwand mit deutschen und polnischen Aufrufen an die Bevölkerung sowie aussagekräftige Zeitungsausschnitte. So etwa wurden das Denken und Handeln der Menschen mit patriotischen und nationalen Parolen beeinflusst. Hier ist u. a. zu lesen: „Frauen – Sorget für Frieden und Brot! Wählet und werbt für die Wahl!“, „Auf zur Wahl am Sonntag! Keiner bleibe zurück!“ „Befreie Dich von Deinen Bedrückern! Stimme für Polen!“ oder „Der Kreuzritter liegt im Staube, lasst ihn nicht aufkommen!“ Eine Besonderheit ist die Originalausgabe der „Breslauer Neuesten Nachrichten“ vom 10. November 1918 mit dem Artikel „Die Revolution in Berlin“.

Selbst wenn Schlesien – von den ersten Kriegsmonaten 1914 abgesehen – keiner unmittelbaren militärischen Bedrohung ausgesetzt war, litt die Bevölkerung unter den Kriegsauswirkungen. Versorgungsengpässe, politische Restriktionen und Hunger untergruben auch in Schlesien den Durchhaltewillen. Im letzten Kriegsjahr mehrten sich Streiks und Unruhen in der Arbeiterschaft. Auch die Jahre 1918 bis 1923 waren für Schlesien eine unruhige und folgenreiche Zeit, in der sich viele langwierige Konflikte und politische wie gesellschaftliche Besonderheiten der Region bildeten und entwickelten.

An dem von Silke Findeisen, Haus Schlesien, betreuten Ausstellungsprojekt beteiligten sich die polnischen und tschechischen Kooperationspartner Muzeum Powstan Slaskich w Swietochłowicach (Museum der Polnischen Aufstände in Schwientochlowitz), Muzeum Slaska Cieszynskiego (Museum des Teschener Schlesien), Muzeum Regionalne w Sycowie (Regionalmuseum in Groß Wartenberg) und Muzeum Hlucínska (Museum des Hultschiner Ländchens).

So können sich die Besucher einen differenzierten Blick verschaffen und die Geschichte aus verschiedenen nationalen Perspektiven betrachten. Mit Bild- und Texttafeln sowie anhand von Dokumenten, Briefen, Archivbildern und Zeitungen wurden in Königswinter einige Höhepunkte herausgearbeitet. Neben Aspekten aus den Anfangsjahren der Weimarer Republik und der Wirtschaftsentwicklung zwischen Kriegsende und Währungsreform sowie verschiedenen Facetten des Alltagslebens erhalten in der Ausstellung auch das Kriegsende und der Friedensvertrag von Versailles gebührende Aufmerksamkeit. Hinzu kommen Bezüge zur Volksabstimmung und zur Teilung Oberschlesiens sowie die Entstehung neuer Staaten in Ostmitteleuropa und schlesische Gebietsverluste.

Die Teilung in Folge des Versailler Vertrages und damit die Volksabstimmung und die drei schlesischen Aufstände sind bis heute für die regionale Identität Oberschlesiens bedeutende und in ihrer Bewertung umstrittene Ereignisse. Die Aufstände zählen zu jenen Kapiteln, in denen sich die deutsche und die polnische Geschichtsschreibung deutlich unterscheiden, da die Sichtweise stark national geprägt ist. Doch nicht nur zwischen den beiden Nationen variiert die Deutung der Geschehnisse. Je nach Zeitgeist und politischer Lage wurden sie immer wieder unterschiedlich ausgelegt und für Propagandazwecke missbraucht.

Zur Sonderausstellung „Zwischen Revolution und Ruhrbesetzung“ – die im Haus Schlesien bis zum 28. April 2019 zu besichtigen ist – wurde ein Rahmenprogramm aufgelegt. Am 9. Februar 2019 fand in Königswinter die in Kooperation mit Institutionen der Arbeitsgemeinschaft „Kultur im Siebengebirge“ und dem Kulturreferenten für Oberschlesien erarbeitete Tagung „Im Westen und Osten viel Neues – Die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges in Westdeutschland und Schlesien“ statt.

Die Fachtagung ging vorrangig auf die Schwierigkeiten ein, die in den Grenz- bzw. den ehemaligen Gebieten der neuen deutschen Republik entstanden. Das Augenmerk galt dabei der Situation in Schlesien, in den Regionen Eupen-Malmedy, Elsass-Lothringen sowie im Regierungsbezirk Köln. Der erste Teil der Veranstaltung war der spannungsreichen Situation der schlesischen Bevölkerung zu beiden Seiten der neuen polnischen Grenze gewidmet. Im zweiten Teil stand die ehemalige preußische Rheinprovinz mit ihren spezifischen Kriegs-Auswirkungen im Mittelpunkt.

Zu den Referenten gehörten Dr. Inge Steinsträßer, Bonn, Dr. Vasco Kretschmann, Kulturreferent für Oberschlesien, Ratingen, Dr. Ingo Eser vom Historischen Institut der Universität Köln sowie Silke Findeisen vom Haus Schlesien, Dr. Ansgar Klein vom Siebengebirgsmuseum, Königswinter, und Claudia Waibel, Bundeskanzler-Adenauer-Haus, Rhöndorf.

Thematische Führungen sind im März und April anberaumt.

Dieter Göllner (KK)

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