Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1352.

Der Kunstmarkt als Geiseldrama

Vor dem und im Zweiten Weltkrieg war die Zeit der Erpresser und gewissenlosen Profiteure, zeigt die mühsame Provenienzforschung

Der-KunstmarktAls Ismar Littmann am 23. September 1934 an den Folgen eines Selbstmordversuchs starb, hatten die Nationalsozialisten ganze Arbeit geleistet. Anderthalb Jahre zuvor war ihm, wie Tausenden anderen jüdischen Anwälten, die Zulassung entzogen worden. Sozial ausgegrenzt und hoch verschuldet, sah der einst wohlhabende Breslauer Rechtsanwalt, Mäzen und Kunstsammler keinen anderen Ausweg. Seine Witwe gab wenige Monate später etwa 200 Kunstwerke zur Auktion in das Berliner Auktionshaus Max Perl. Sie hatte die Hoffnung, mit den Erlösen ihren Lebensunterhalt und die Emigration der Kinder zu finanzieren. Zwei Tage vor der Auktion beschlagnahmte die Gestapo jedoch 18 Werke als „entartet“. Vier Gemälde der Sammlung, darunter „Knabe vor zwei stehenden und einem sitzenden Mädchen“ und „Zwei weibliche Halbakte“ von Otto Mueller, wurden 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München gezeigt, die restlichen auf Weisung der Gestapo im Heizungskeller der Nationalgalerie in Berlin verbrannt. Die Auktion selbst war ein völliger Misserfolg. Der größte Teil der Bilder wurde nicht verkauft. Ihr Verbleib ist bis heute unbekannt.

Im Stuttgarter Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg stellte Ende November die Provenienzforscherin Dr. Anja Heuß ihre Recherchen nach Kunstwerken der Breslauer Kunstsammler Ismar Littmann (1878–1934) und Max Silberberg (1878–1942) vor, die in Stuttgarter Kunstmuseen besichtigt werden können. Die Kunsthistorikerin ermittelt seit 2010 im Auftrag der Staatsgalerie und des Landesmuseums Württemberg Geschichte und Herkunft von Kunstwerken. Sie versucht Erben von Kunstwerken ausfindig zu machen, bei denen der Verdacht besteht, dass sie zwischen 1933 und 1945 widerrechtlich den jüdischen Eigentümern entzogen wurden. Mit akribischer Detektivarbeit spürt sie seit mehr als zwei Jahrzehnten NS-Raubkunst auf, arbeitete zeitweise für die Jewish Claims Conference, recherchierte im Auftrag des Bundes in den Raubkunstsammlungen Adolf Hitlers und Hermann Görings.

„Entgegen der landläufigen Meinung waren es nicht die Gestapo und die NS-Finanzbehörden, die die meisten Kunstwerke im Deutschen Reich beschlagnahmten und verwerteten“, stellte Anja Heuß klar. „Die Masse der hochwertigen Kunstwerke floss bereits in den frühen 1930er Jahren über den Kunstmarkt ab.“ Die Weltwirtschaftskrise zwang ab 1930 viele Sammler – jüdische wie nichtjüdische –, einen Teil ihres Besitzes an Kunst zu veräußern. Auch der Breslauer Kunstsammler Littmann geriet während der Krise in wirtschaftliche Bedrängnis und musste einen Teil seiner Sammlung an die Städtische Sparkasse Breslau verpfänden.

Dabei besaß Littmann eine der bedeutendsten Sammlungen des Expressionismus, wie Anja Heuß berichtete. Nach seinem Jura-Studium eröffnete er 1906 in der niederschlesischen Hauptstadt seine eigene Kanzlei und beteiligte sich intensiv am Kunstleben Breslaus. Er war Mitbegründer des Jüdischen Museums, förderte die zeitgenössische Kunst in der Region, beteiligte sich im Vorstand der Gesellschaft der Kunstfreunde in Breslau mehrfach an Ausstellungen. Littmann begann im Kriegsjahr 1916 mit dem Sammeln von Werken lebender Künstler. Er wandte sich den Expressionisten zu, insbesondere den Vertretern der Künstlervereinigung „Die Brücke“. Der Schwerpunkt seiner Sammlung lag jedoch bei dem Werk von Lovis Corinth, von dem er 13 Gemälde und 596 Grafiken besaß. Littmann pflegte den persönlichen Kontakt zu den Breslauer Künstlern, erwarb die Werke am liebsten von ihnen selbst, viele von ihnen waren oft in seinem Haus zu Gast.

Ab 1933 verboten die Nationalsozialisten Juden die Ausübung ihrer Berufe: Ärzte und Rechtsanwälte verloren ihre Praxis, Professoren ihre Stellung als Staatsbeamte, Schriftsteller ihre Möglichkeit zu publizieren, Schauspieler und Musiker bekamen keine Engagements mehr. In der Folge mussten private jüdische Kunstsammler Teile ihrer Sammlungen verkaufen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Auch die Vorbereitung der Emigration kostete oft ein Vermögen. Dieser wirtschaftliche Druck veranlasste sie, ihre Kunstwerke unter den sich stetig verschlechternden Bedingungen weit unter Wert auf den Markt zu geben. Viele Schätze kamen so verfolgungsbedingt „günstig“ an öffentliche Museen, wurden von den Nazis konfisziert und von Kunsthändlern im In- und Ausland verhökert oder landeten in Privatsammlungen von NS-Funktionären.

Nach dem Krieg verfügten die alliierten Siegermächte über die Kunstwerke. Die Teilung Deutschlands und Europas in zwei Blöcke hatte auch unmittelbare Auswirkungen auf die Restitution von Vermögenswerten, wie Anja Heuß berichtete. In Westdeutschland konnten Restitutionsansprüche nur bis 1959 und nur dann gestellt werden, wenn die betreffenden Kunstwerke sich auch in Westdeutschland befanden. War das nachweislich von den Nazis geraubte Kunstwerk aber nicht greifbar, weil der Verbleib unbekannt war oder es sich im sowjetischen Machtbereich befand, wurde eine Entschädigung gezahlt. Nach der Wiedervereinigung wurde das Restitutionsverfahren für Vermögenswerte in den neuen Bundesländern, also in der ehemaligen SBZ bzw. DDR, mit der Begründung wieder aufgerollt, dass es hier nie eine Restitution gegeben habe. Im Westen gestellte Restitutionsansprüche aber galten aus formaljuristischen Gründen als verjährt.

Die Kinder Littmanns konnten, da sie Anfang der 1960er Jahre keine Unterlagen über die Sammlung ihres Vaters mehr besaßen, nur die Entziehung der Kunstwerke, die einst bei Max Perl hatten versteigert werden sollen, geltend machen. Die westdeutschen Behörden erkannten lediglich die Beschlagnahme und die Zerstörung von sechs Gemälden an, wofür den Erben eine Entschädigungssumme von 32 000 DM gezahlt wurde. In den 1990er Jahren, als ein in die USA emigrierter Sohn Littmanns verstarb, wurden in seinem Nachlass zwei zeitlebens von ihm versteckt gehaltene Inventarbücher gefunden. Sie listen über 6000 Kunstwerke in der Sammlung Littmanns auf. Darunter finden sich Arbeiten von Otto Mueller, Käthe Kollwitz, George Grosz, Emil Nolde, Oskar Kokoschka, Paul Kleinschmidt, Max Pechstein, Erich Heckel, Max Liebermann, Heinrich Tischler, Alexander Kanoldt. Auch die „Pathetiker“ Ludwig Meidner, Jakob Steinhardt und Richard Janthur, denen im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg zurzeit eine bemerkenswerte Grafik-Ausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt gewidmet ist, waren in der Sammlung Littmann vertreten.
Der Verbleib der Sammlung des Breslauer Industriellen und Kunstsammlers Max Silberberg ist nicht weniger rätselhaft. Silberberg engagierte sich wie Littmann stark im Kunst- und Kulturleben Breslaus. Als Vorsitzender des Vereins Jüdisches Museum unterstützte er 1929 dessen erste Ausstellung über das Judentum in der Geschichte Schlesiens. Die Kunstsammlung Silberbergs umfasste 130 Gemälde, Zeichnungen und Plastiken des 19. und 20. Jahrhunderts. Auch Silberberg, der von einem Zeitgenossen einmal als „einer der reichsten Juden Breslaus“ bezeichnet wurde, musste bedingt durch die Weltwirtschaftskrise 1932 dreißig Werke des Impressionismus in Paris versteigern lassen.

1935 folgten zwei weitere Auktionen in Berlin, da Silberberg aufgrund der wirtschaftlichen Verfolgungsmaßnahmen finanziell unter Druck geraten war. 50 Gemälde und Zeichnungen, darunter bedeutende Werke von Corot, Courbet, Daumier, Manet, Pissarro, Signac, Sisley, Cézanne, van Gogh, Delacroix, Maillol, Matisse und Rodin sowie zehn Plastiken von Barlach, Georg Kolbe, August Gaul, Aristide Maillol, Matisse und Renée Sintenis wurden angeboten. Viele Werke gelangten direkt oder indirekt in öffentliche Sammlungen und Museen. In den Wirren des Krieges und der Nachkriegszeit landeten die veräußerten Werke der Sammlung Silberberg u. a. als „Beutekunst“ in der Eremitage in Leningrad bzw. St. Petersburg, im Ostberliner Kupferstichkabinett und in Westberliner Museen.

Nach der Wiedervereinigung wurde die Restitution in den neuen Ländern wieder aufgerollt. Im Westen gestellte Restitutionsansprüche aber galten als verjährt.

Silberberg musste 1936 seine umfangreiche Fachbibliothek veräußern und einen Teil seiner Kunstwerke zwangsweise dem Schlesischen Museum der bildenden Künste „verkaufen“. Sein restlicher Besitz wurde 1938 wegen Steuerschulden dem Finanzamt Breslau-Süd verpfändet. Bei diesen Steuerschulden handelte es sich um diskriminierende Abgaben wie die „Reichsfluchtsteuer“ oder die „Judenvermögensabgabe“. Trotz einer zweimonatigen KZ-Haft seines Sohnes Alfred nach dem November-Pogrom 1938 und dessen Emigration nach England blieb Max Silberberg mit seiner Frau Johanna in Breslau. Ein Jahr später wurde das Ehepaar in das Sammellager im Kloster Grüssau gebracht, dann deportiert und ermordet.
Anja Heuß begrüßte, dass in Deutschland langsam ein Problembewusstsein wachse und sich auch in öffentlichen Museen das Gewissen rege, die zunehmend dem Verdacht nachgehen, sie könnten NS-Raubkunst verwahren. Die Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust leitete 1998 den Sinneswandel ein. 44 Staaten kamen damals überein, die während der NS-Zeit beschlagnahmten Kunstwerke zu identifizieren, die früheren Eigentümer oder Erben ausfindig zu machen und mit ihnen eine „gerechte und faire Lösung“ zu suchen. In Deutschland verpflichteten sich 1999 Bund, Länder und Kommunen dazu, das durch NS-Verfolgung insbesondere aus jüdischem Besitz entzogene Kulturgut aufzufinden und zurückzugeben. Seit nunmehr zwanzig Jahren gibt es in Magdeburg eine zentrale Datenbank „Lost Art“ des Bundes und der Länder, mit Such- und Fundmeldungen zu mehr als 122 000 detailliert aufgeführten Kunstwerken und Kulturobjekten, die in der NS-Zeit den Eigentümern verfolgungsbedingt entzogen, kriegsbedingt verlagert oder verbracht wurden.

In der Staatsgalerie Stuttgart befinden sich nach Angaben der Provenienzforscherin Heuß nach derzeitigem Kenntnisstand ein Gemälde aus der Sammlung Ismar Littmanns und zwei Grafiken aus der Sammlung Max Silberbergs. Aufgrund ihrer Recherchen konnte mit den Silberberg-Erben ein Vergleich geschlossen werden: Eine Grafik von Georges Bracque wurde der Staatsgalerie geschenkt, eine Zeichnung von Anselm Feuerbach mit mehreren Figuren- und Gewandstudien (um 1867) mit Mitteln der Toto-Lotto von der Staatsgalerie erneut erworben. Beide Kunstwerke befinden sich heute rechtmäßig im Besitz der Staatsgalerie.

Carsten Eichenberger (KK)

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