Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1261.

Der Landvermesser kam nicht bis Königsberg

Ein schönes Buch hält sich von allem Kafkaesken fern und errichtet dem verschwundenen Königsberger Schloß ein sinnlich erfaßbares Denkmal

Ende Juni fand im Weißen Saal des Charlottenburger Schlosses in Berlin eine bemerkenswerte Veranstaltung statt. Über 200 geladene Gäste nahmen an der Präsentation des ersten Bandes „Das Königsberger Schloß 1255–1740“ teil, zu der die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, das Deutsche Kulturforum östliches Europa, die Stiftung Königsberg im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und der Regensburger Verlag Schnell + Steiner eingeladen hatten.

Der fast 400 Seiten starke, großformatige und reich bebilderte Band wurde vom Autor Wulf Wagner vorgestellt. Der Architekturhistoriker hat bei Professor Klinkott in Karlsruhe promoviert und ist bereits durch Arbeiten über Schlösser und Herrenhäuser Ostpreußens bekannt. Als ausgewiesener Kenner des Königsberger Schlosses stellte er anhand von zahlreichen Fotos besondere Aspekte der Baugeschichte heraus, gab interessante Einblicke in Details des Lebens im Schloß bis hin zur den hygienischen und medizinischen Verhältnissen in verschiedenen Jahrhunderten und wies darauf hin, daß im Geheimen Staatsarchiv noch Material für viele Forschungsvorhaben ruhe, z.B. über die Haushaltsführung im Königsberger Schloß, die über viele Jahrzehnte des 17. und 18. Jahrhunderts genauestens belegbar sei.

Ein anschließendes Gespräch des Autors mit Dr. Klaus Harer vom Deutschen Kulturforum östliches Europa ergab Einblicke in die Motivation des Autors, der schon seit früher Jugend vom Königsberger Schloss fasziniert ist, über die beschwerliche Entstehungsgeschichte des Werkes und über die Fortsetzung der Arbeiten. Im Herbst 2008 wird der zweite Band über die Zeit von 1740 bis 1968, dem Jahr der endgültigen Zerstörung des Schlosses, erscheinen, diesmal gemeinsam mit dem Klassischen Archäologen Heinrich Lange, der mit Arbeiten zur Kunst- und Kulturgeschichte Preußens und zur Berliner Stadtgeschichte hervorgetreten ist.

Zu Beginn der Veranstaltung hatte der Hausherr, Professor Dr. Hartmut Dorgerloh, Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, die Gäste begrüßt und unterstrichen, daß unter den vielen Anfragen, die ihn für die Nutzung des Weißen Saales erreichen, die Vorstellung eines so bedeutsamen Werkes und die enge historische Beziehung zwischen Berlin und Königsberg einen außergewöhnlichen Rang haben.

Dr. Albrecht Weiland, Geschäftsführer des Verlages Schnell + Steiner, stellte „Das Königsberger Schloß“ als einen Höhepunkt der Verlagsproduktion dar und dankte ausdrücklich der Stadtgemeinschaft und der Stiftung Königsberg für die wertvolle Unterstützung. Winfried Smaczny, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Kulturforums östliches Europa, wies auf die identitätsstiftende Kraft von herausragenden Bauwerken im Osten Europas für die gesamteuropäische Kultur hin. Zu diesen gehöre zweifellos auch das Königsberger Schloß, auch wenn es nicht mehr existiere.

Klaus Weigelt, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Königsberg, erinnerte daran, daß von den drei Wahrzeichen Königsbergs die Synagoge schon 1938 von den Nazis zerstört wurde, während das Schloß und der Dom bei den britischen Bombenangriffen 1944 und der Eroberung durch die Rote Armee 1945 in Schutt und Asche sanken. Der Dom ist 2008, in seinem 675. Jahr, dank guter russisch-deutscher Zusammenarbeit wiederhergestellt. Zwei Orgeln erfüllen den backsteingotischen Bau wieder mit klassischer Musik; das Kant-Grab ist Ziel aller russischen Jungvermählten.

Es gibt Pläne für den Wiederaufbau von Synagoge und Schloß, aber der vorgelegte Band von Wulf Wagner ist der erste Schritt zu einer geistigen Neuerstehung des Schlosses, dem im Herbst der zweite folge. Damit ist für die heutige Generation dieses einmalige Bauwerk durch neue Quellen, Pläne und Bilder in einer Weise präsent, wie es nicht einmal für diejenigen Zeitzeugen, die es noch physisch vor Augen hatten, der Fall gewesen ist. Zudem ist ein Werk wie das von Wulf Wagner geschaffene unzerstörbar und auf viele Jahre, vor allem auch für jüngere Generationen, ausschöpfbar und erlebbar. Mit dem „Königsberger Schloß“ liegt ein Standardwerk vor, das als Meilenstein der Königsberger Stadtgeschichte gelten kann.

Klaus Weigelt (KK)

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