Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1301.

Der Mensch ist kein Ausstellungsstück

Wenngleich die Geschichte ihn selten als Subjekt behandelt, sollte deren museale Darstellung es versuchen

Die Medien verkünden es täglich: Millionen von Menschen befinden sich auf der Flucht oder werden vertrieben. Für 2008 sprach man von knapp 43 Millionen registrierten Flüchtlingen und Vertriebenen. Wie kann nun das Schicksal der Betroffenen museal dargestellt werden? – In Berlin fand eine  aufsehenerregende Konferenz statt, die sich mit dieser Frage beschäftigte. Organisiert wurde sie von der Internationalen Gesellschaft der Geschichtsmuseen Luxemburg, der Stiftung Deutsches Historisches Museum Berlin und der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Internationale Experten präsentierten Museums- und Ausstellungsprojekte, die die globale Dimension des Themas Zwangsmigration aufgriffen.

„Wissenschaftlich nüchtern“, wie Manfred Kittel, der Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, sagt, sollten die historischen Hintergründe des Vorgangs beleuchtet werden. Zum einen wolle man in einer solchen Ausstellung die Vertreibungen, zum andern aber auch die Vertriebenen zeigen.

„Es geht eben schon auch darum, die betroffenen Menschen nicht nur als Objekte staatlicher Politik vorkommen, sondern sie dann auch sprechen zu lassen und ihre subjektive Perspektive deutlich zu machen“, stellt Kittel das Konzept des geplanten Vertreibungsmuseums vor. „Wobei das ja eben immer auch mit dem Blick auf deutsche Vertriebene und Opfer anderer Zwangsmigrationen in Europa geschieht.“

Zusammen mit dem Namen Erika Steinbach sorgt der Name der Stiftung immer wieder für Aufregung, nicht nur, aber vor allem in Polen. Steinbachs Beteiligung war und ist umstritten. Polnische Medien kritisieren das Konzept der geplanten Dauerausstellung.

Es sei falsch, die Vertreibung der Deutschen vor dem Hintergrund anderer Zwangsumsiedlungen im 20. Jahrhundert in Europa zu zeigen. „Solche Darstellung führt zur Verwischung der Verantwortung der Nationalsozialisten für den Zweiten Weltkrieg und für die Verschleppungen der Völker“, schrieb zum Beispiel die polnische Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“.

Mit einem anderen Konzept kommt das Danziger Museum des Zweiten Weltkriegs und trägt somit seinen Anteil zur Polemik bei. Piotr Majewski, der stellvertretende Direktor des Museums, will die Geschichte des Zweiten Weltkrieges – und nicht die der Vertreibungen – in den Mittelpunkt stellen: „Wir wollen diese Geschichte nicht aus der Perspektive eines Landes, sondern als ein europäisches Geschehen darstellen. Aufgrund des Standorts des Museums wird Polen in der Ausstellung eine besondere Rolle spielen. Wir wollen aber über die Geschichte des gesamten Europas sprechen und nicht nur über Polen. In unserem Konzept sind Vertreibungen nur ein Aspekt der kriegerischen Vergangenheit.“

Museumsreife Technik, allerdings begeisternd funktionstüchtig: Der Eisbrecher Stettin liegt in Warnemünde – und liegt beileibe nicht nur, sondern steht oft auch kräftig unter Dampf

Im Diskurs der Nationen und im Streit der Staaten über Geschichte haben historische Museen Konjunktur. Die Konferenz über die museale Darstellung von Flucht, Vertreibung und „ethnischer Säuberung“ wollte sich anhand ausgewählter Beispiele der Frage stellen, ob und wie Aufklärung im Geiste der Versöhnung möglich wäre. Denn von Geschichtsmuseen erhofft man sich einen Prozeß der Objektivierung, was ein direkter Weg zur Versöhnung wäre, meint Hans Ottomeyer, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum Berlin: „Wir können nicht behaupten, das stets und immer zu erreichen, aber wir können doch sehr viel aufzeigen. Und was Versöhnung angeht, ist sie ganz deutlich etwas, was man nicht bewerkstelligen, was man nicht erzwingen und was man nicht fordern kann.

Versöhnung ist immer etwas, was einem gegeben wird.“ Versöhnung könne nur ein Geschenk sein, so Ottomeyer weiter. Sie sei eine ferne Hoffnung, und der Weg dahin sei Verständigung. Sich über Geschichte verstehen, und das im doppelten Sinne des Wortes: Geschichte als Gegenstand und Geschichte als Vehikel des Verstehens. Es gibt naturgemäß verschiedene Möglichkeiten, die Geschichte der Vertreibungen zu visualisieren. Sicher ist, daß man nicht alles musealisieren kann und es deshalb auch gar nicht beabsichtigen soll. Die Dinge sind lebendig, und man sorge dafür, daß sie erhalten bleiben, meint Ottomeyer. Ihre Botschaft solle man aber weiterhin verstehen. In Museen sorge man dafür, daß deutlich sichtbar wird, daß die Dinge eine Geschichte haben, die sich wandelt, daß sie über die Jahrhunderte ihre Bedeutung auch vollständig ändern können. „Was den einen ein geliebtes Idol war, ist den anderen ein verhaßtes Symbol. Und unser Anliegen ist die Geschichte der Dinge. Daß wir das im Museum machen, ist nur eine notwendige Schutzhaube für die Objekte“, so Ottomeyer wörtlich.

Vor allem jedoch wollen die Experten Gegenwart und Vergangenheit in eine Wechselbeziehung setzen, so daß das eine das andere erhellen kann. Dabei sollen historische, regionale oder nationale Besonderheiten nicht relativiert werden. Es bleibt offen, ob das gelingt.

Arkadiusz Luba (KK)

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