Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1263.

Der Mensch wurde hier „gebessert“, bis er verschwand

Fast von allen 800000 Häftlingen, die zwischen 1930 und 1959 unter unmenschlichen Verhältnissen im sogenannten Besserungslager Karlag in Kasachstan leben mußten, existieren Karteikarten. Einen Teil von ihnen und 1080 Häftlingsakten konnten die heute in Berlin lebenden Historiker Wladislaw Hedeler und Meinhard Stark auswerten, dazu kamen 49 Interviews.

Neben Reichs- und Rußlanddeutschen waren über die Hälfte der Häftlinge Russen, auch Kasachen, die sich gegen die Errichtung des ständig wachsenden Lagers mit bis zu 30 Produktionsabteilungen auf ihren Weideböden gewehrt hatten. Daß die Sowjets bereits vor 1934 fast 50 Prozent der kasachischen Bevölkerung verhungern ließen, rufen die Autoren in Erinnerung.

Aufgabe des Lagers war die Erschließung weitreichender Steppengebiete für die Viehwirtschaft und Urbarmachung für Feldwirtschaft und Gemüseanbau. Ernährt werden mußte die wachsende Bergarbeiterstadt Karaganda. Karlag war zugleich eine wichtige Zwischenstation der Häftlingsströme zu den Lagerkomplexen im Norden und Fernen Osten. Politische Häftlinge wurden in kriminelle umbenannt und entsprechend behandelt. In Sklavenarbeit gebaut wurden u.a. eine Eisenbahnstrecke und ein Bewässerungssystem. Vieles ohne Maschinen, in Handarbeit.

In elf ausführlichen Kapiteln, die in viele Unterabschnitte gegliedert sind, wird der Lageralltag mit seinen schier unerträglichen Bedingungen geschildert. Es entstand nicht nur ein flüssiger Text, sondern auch die Möglichkeit zum Nachschlagen. Einem Teil der Haftbiographien sind Photos beigegeben. Zum Abschluß gibt es Verzeichnisse biographischer Überlieferungen, Statistiken zur Häftlingsbelegung, Lagerstruktur und Kommandanten, Auswahlbibliographie und Abkürzungsverzeichnis.

Norbert Matern (KK)

Wladislaw Hedeler, Meinhard Stark: Das Grab in der Steppe. Leben im Gulag: Die Geschichte eines sowjetischen „Besserungslagers“ 1930–1959. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2008, 465 S., 38 Euro

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