Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1239.

Der natürlichen Wahrheit zum Recht verhelfen

Der ostpreußische Naturwissenschaftler Hugo Schauinsland hat es ein Leben lang versucht, der Erfolg hat heute noch Bestand

Hugo Schauinsland war Ostpreuße. Geboren am 30. Mai 1857 auf dem Vorwerk Waldienen des Gutes Dedawe im Kreis Labiau am Südrand des Kurischen Haffs, wuchs er nach dem durch eine Erkrankung des Vaters bedingten Umzug (1863) in der ostpreußischen Hauptstadt Königsberg auf. Hier ging er zur Schule, studierte Zoologie und wurde 1883 promoviert. Seiner Heimat blieb er sein Leben lang verbunden.

Doch die längste Zeit seines Lebens verbrachte er in Bremen, wo seine Spuren bis heute sichtbar sind. Nach einer zweijährigen Assistenten- und Habilitationszeit in München hatte man ihm im Mai 1887 die Leitung der Städtischen Sammlungen für Naturgeschichte und Ethnographie in Bremen übertragen. Hier setzte er sich so wirkungsvoll für sein Aufgabengebiet ein, daß der Bremer Senat dem Bau eines Städtischen Museums für Natur-, Völker- und Handelskunde zustimmte.

Im Januar 1896 wurde es eröffnet. Hugo Schauinsland hatte sein Ziel erreicht. Doch ging er, begleitet von seiner Frau Ida, bereits im April 1896 auf eine große Reise. An der Westküste Nordamerikas, auf Hawaii, in Neuseeland, Australien sowie auf der Rückreise in Ägypten trug er Sammlungsstücke für das Bremer Museum zusammen, die sich dem längst manifestierten und bis heute konsequent beibehaltenen dreifachen Schwerpunkt, der Natur-, der Völker- und der Handelskunde, zuordnen ließen.

Weitere große Reisen führten ihn zu den Hochkulturen Ostasiens, nach China, Japan und Korea. Umfangreiche Erwerbungen gelangen ihm auch in den damaligen deutschen Schutzgebieten im Südpazifik (Neuguinea, Neubritannien) sowie in Ägypten. Zwar wurde die ursprüngliche Einrichtung des Museums im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört, doch blieb der weitaus größte Teil von Hugo Schauinslands Reiseausbeute bis heute erhalten. Nach über 40 Jahren Aufbauarbeit paßte der Museumsdirektor nicht mehr in die Neugestaltungspläne der von den Nationalsozialisten übernommenen Bremer Verwaltung. Am 30. September 1933 wurde er zwangsweise in den Ruhestand versetzt, am 5. Juni 1937 starb Hugo Schauinsland in Bremen.

Faszinierend an seinem Lebenswerk ist, daß Schauinsland eine große Zahl wertvoller völkerkundlicher Erwerbungen gelang, obwohl er sich nie mit der Ethnologie befaßt hatte. Seine wissenschaftliche Domäne war und blieb die Zoologie, der er sich mit überraschender Vielseitigkeit widmete. Selbst eine von ihm neu entdeckte und nur im Bereich der westlichen Hawaii-Inseln vorkommende Mönchsrobbe erhielt ihm zu Ehren den wissenschaftlichen Namen Monachus schauinslandi. Auf der Stephens-Insel vor der Küste Neuseelands untersuchte er die Biologie der urzeitlichen Brückenechse oder Tuatara, Sphenodon punctatus.

Welche Persönlichkeit steht hinter einem so aktiven, langen und reich mit Erfolg gesegneten Lebenswerk? Hugo Schauinsland besaß in hohem Maße die Fähigkeit, in immer wacher Aufmerksamkeit seine Umwelt genau zu studieren, im Wortsinn: mit Eifer wahrzunehmen. Man entnimmt Hugo Schauinslands durchaus im Geist der Kolonialzeit befangenen Reisetagebüchern manch heute unbedacht wirkende Äußerung zu den kulturellen Unterschieden zwischen einheimischer Bevölkerung und erobernder Landesmacht. Sein rastloses Sammeln aber erscheint als Versuch, dem am fernen Fundort nicht mehr gewürdigten Kulturgut in Bremen eine sichere neue Heimat zu geben. Tatsächlich gibt es zum Beispiel nur noch in Bremen Zeugnisse von dem erloschenen Volk der Moriori, das die neuseeländischen Chatham-Inseln bewohnte.

Aus den öffentlichen Vorträgen, die er als Museumsdirektor hält, sind immer wieder Werke entstanden, aus denen sowohl seine rückhaltlose Freude über den Fortgang aller wissenschaftlichen Erkenntnis als auch seine Besorgnis über die  jeweils aktuellen politischen Geschehnisse sprechen.

Zum hundertsten Geburtstag des Biologen Charles Darwin 1909 verfaßt er „Darwin und seine Lehre“. Hugo Schauinsland  unternimmt hier, neben einer rein wissenschaftlichen Einschätzung, eine eher skeptische Beurteilung der die Seelen und Geister beunruhigenden Wirkungen der neuen Theorie auf die Laienwelt. Der Mensch, nicht länger in einer göttlich geschöpften Welt seiner selbst gewiß, sei nun auf der Suche, die empfundene „gähnende Leere“ zu füllen, und, einmal in Bewegung gebracht, auch empfänglich für Schwärmerei und Irrlehren, so sein damaliges Fazit. In den politischen Ereignissen ab dem Ende der 1920er Jahre sieht Hugo Schauinsland dann all seine Befürchtungen bestätigt.

In „Fragen und Rätsel“, seinem aus einem Vortrag von 1930 in der Bremer Wissenschaftlichen Gesellschaft entstandenen letzten Werk, nimmt er den Gedanken des um die Metaphysik beraubten modernen Menschen noch einmal auf, nun unter einer biologisch-philosophischen Perspektive. Die Wissenschaft, so stellt er fest, kann nur die Probleme herausarbeiten und beleuchten, aber nicht restlos erklären. Sie beruhe stets auf transzendenten Voraussetzungen, auf metaphysischem Grunde. Sein Sohn Walter Schauinsland kann Albert Einstein für das Vorwort der englischsprachigen Ausgabe gewinnen.

Albert Einstein nimmt in einem Brief den Gedanken, alles menschliche Wissen sei bloß einstweilige Erkenntnis, auf, wendet jedoch freundlich ein, er könne sich „eine Gültigkeits­grenze der elementaren Naturgesetze nicht denken, ohne daß die Gesetzmäßigkeit überhaupt im Prinzip geleugnet wird“. Die Naturwissenschaft könne einstweilen keine Grundlage geben für die Beantwortung dieser sehr grundsätzlichen Fragestellungen. Dieses „einstweilen“ bezeichnet Einstein auch als vielleicht allzu großen Optimismus, doch seine Auffassung möchte er seinen „Glauben“ nennen.

Hugo Schauinsland sah sich als Wissenschaftler stets in der Pflicht, den wissenschaftlichen Fortschritt auch der Öffentlichkeit zu vermitteln. Sein Beitrag zur Allgemeinbildung ist das Museum in Bremen geworden. Für seine Zeit ganz modern ist Hugo Schauinslands Beispiel, durch Bildung dem Laien einen Zugang zu den wissenschaft­lichen Erkenntnissen von der Welt zu ermöglichen. Dieser Zugang sollte zugleich den Verstand belehren und alle Sinne berühren. Hugo Schauinsland hat bei aller Nüchternheit des Wissenschaftlers in einem nicht auf den Lippen getragenen, jedoch tief empfundenen christlichen Glauben Ruhe seines Herzens und immer das Maß seines Urteils gefunden.

Harriet von Natzmer und Christoph Hinkelmann (KK)

«

»