Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1394.

Der Orient als Unternehmung und Unternehmen

Rudolf Franz Lehnert vom Fuß der Schneekoppe hat seiner Wahlheimat Tunesien ein fotografisches Denkmal gesetzt

Tunesisches Mädchen: Die Schönheit liegt nicht nur im Auge des Betrachters
Bilderf. Wikimedia Commons

Einer der wichtigsten Orte für internationale Bücher in der ägyptischen Hauptstadt Kairo wurde bis zuletzt einfach nur „deutsche Buchhandlung“ genannt. Unscheinbar hinter Glasfenstern in Downtown Kairo gelegen, bestand seit fast einhundert Jahren die wegen ihrer exzellenten Auswahl an Büchern, Landkarten und Magazinen in arabischer, deutscher, englischer und französischer Sprache bekannte „Buchhandlung Lehnert & Landrock“. Ihre wirklichen Schätze aber waren Fotografien – einmalige Aufnahmen von Menschen und Landschaften in Ägypten, Tunesien, Algerien und Palästina, die ein Entdecker und Orientreisender aus dem Riesengebirge vor einem Jahrhundert auf Glasplatten bannte. Vor 50 Jahren, am 16. Januar 1948, starb ihr Urheber, der Fotograf Rudolf Franz Lehnert, in seiner Wahlheimat Tunesien.

Geboren wurde er am 13. Juli 1878 in Groß Aupa, heute ein Ortsteil von Petzer (tschechisch: Pec pod Snežkou) am Fuß der Schneekoppe im Kreis Trautenau. Über seine Eltern ist kaum etwas bekannt, seine Mutter starb, als er acht Jahre alt war. Sechs Jahre später, nach dem Tod seines Vaters 1892, zog der 14-Jährige zu seinem Onkel nach Wien. Hier begann er eine Ausbildung als Fotograf an der 1888 gegründeten „k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren“, deren Schülerarbeiten auf der Weltausstellung in Paris 1900 mit dem Ersten Preis für Fotografie ausgezeichnet wurden. 1902 unternahm der 24-jährige Lehnert seine erste größere Reise nach Italien. Ein Jahr später setzte er vom sizilianischen Palermo mit einem Schiff nach Tunesien über, das damals französisches Schutzgebiet war, und wanderte zu Fuß durch die Wüste und die südlichen Oasen Tunesiens. Vom Zauber des Orients tief beeindruckt, machte er die ersten fotografischen Aufnahmen.

Nach seiner Rückkehr lernte er in der Schweiz den 1878 im sächsischen Reinsdorf am Fuße des Erzgebirges geborenen Geschäftsmann Ernst Heinrich Landrock kennen, der von den Orienterzählungen Lehnerts begeistert war. Die beiden unternahmen 1904 eine Tunesien-Reise: Lehnert fotografierte, und Landrock verkaufte die Aufnahmen in einem in Tunis gemieteten Geschäft, das bereits die Initialen „LLT“ (Lehnert Landrock Tunis) trug. Als Landrock einmal ungeduldig auf weitere Fotoaufnahmen seines Freundes wartete, erwiderte ihm Lehnert selbstgewiss: „Über meine Fotos wird man noch in 200 Jahren sprechen!“

Und wirklich: Die Ausbeute der zahlreichen Reisen Lehnerts ließ nicht auf sich warten. Seine Fotos wurden in Leipzig und München verlegt. Die Zeitschrift „Die Schönheit“, die seit 1904 als Tabubrecher ein Sprachrohr vieler bürgerlicher Gruppen bildete und menschliche Nacktheit in Kunst und Erziehung propagierte, veröffentlichte mehrere Aufnahmen Lehnerts, vor allem Halbakte von orientalischen Frauen.

… sondern augenscheinlich auch in den Augen der Betrachteten: Mädchen aus Ouled Nail, Algerien

Im Jahre 1910 wurde die Partnerschaft der beiden Orientbegeisterten durch die Gründung einer Unternehmensgesellschaft mit Namen Lehnert & Landrock mit Sitz in Tunis gefestigt, es wurden Fotoausstellungen organisiert und Bildbände mehrerer Mittelmeer-Reisen Lehnerts veröffentlicht. 1914 startete Lehnert eine erneute Karawanenreise durch Nordafrika. Mit seiner schweren Kamera und den ebenso schweren 18 mal 24 Zentimeter großen Glasplatten entstanden allein auf dieser Reise Hunderte von Bildern: Wüstenszenen mit Beduinen, Kamelen, arbeitenden Frauen, Landschaften am Nil, Händlern in Basaren und immer wieder Frauen, verschleiert oder unverschleiert, manchmal in Akten oder Halbakten – orientalisches Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Als Lehnert nach Tunis zurückkehrte, erfuhr er vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Sein Geschäft wurde beschlagnahmt, sein Freund Landrock in der Schweiz interniert. Aufgrund seiner österreichischen Staatsbürgerschaft kam auch Lehnert in Kriegsgefangenschaft und wurde zunächst in Algerien, später auf Korsika, dann auf Betreiben Landrocks im schweizerischen Davos interniert. Kurz darauf lernten beide ihre späteren Ehefrauen kennen: Lehnert heiratete die Elsässerin Eugénie „Jenny“ Schmitt – die Tochter Eliane wurde 1916 in Mühlhausen geboren –, und Landrock ehelichte die Thurgauerin Emilie Singer-Lambelet, die aus ihrer ersten Ehe ihren Sohn Kurt mitbrachte.

Im Mai 1919 kam Rudolf Lehnert als ehemaliger Kriegsgefangener nach Wien. Da seine Heimatstadt nun zum neugegründeten Staat Tschechoslowakei, einem Alliierten Frankreichs, gehörte, und er damit tschechoslowakischer Staatsbürger war, durfte er zu seiner Familie nach Davos zurückkehren und erhielt 1920 sogar seine in Tunis zurückgelassenen Fotoplatten zurück.

Lehnert und Landrock gründeten 1920 in Leipzig den „Orient Kunst Verlag“ und verkauften viele ihrer kolorierten Wüstenbilder im Ausland. 1924 zogen die Geschäftspartner mit ihren Familien nach Ägypten und gründeten in Kairo das Großhandelsgeschäft Lehnert & Landrock. Doch der Verkauf von Drucken, Stichen und handkolorierten Fotos deutscher Verlage kam nur schleppend voran, die Gewinne blieben bescheiden und konnten zwei Familien nicht annähernd ernähren. Rudolf Lehnert fühlte sich in der lärmenden Metropole Kairo auch nicht wohl, er sehnte sich nach dem Zauber der arabischen Paläste Tunesiens zurück.

1930 trennten sich die Wege Lehnerts und Landrocks. Der Fotograf überließ das Copyright für seine Fotos der Firma L&L, Nachf. Ernst Landrock und kehrte nach Tunis zurück. Dort eröffnet er ein Fotoatelier und wurde zu einem angesehenen Porträtisten. Neun Jahre später beendete Rudolf Lehnert seine beruflichen Aktivitäten und zog sich in sein Haus in Karthago, einem Vorort von Tunis, zurück. Auch seine Tochter Eliane, die 1941 geheiratet hatte, zog mit ihrem Ehemann 1942 vom elsässischen Mühlhausen nach Tunis. Die Freude über die Geburt der Enkelin Martine am 10. August 1944 währte nur kurz – Lehnerts Frau Eugénie starb nur drei Wochen später. Ein halbes Jahr danach folgte Lehnert der Familie seiner Tochter nach Redeyef im Süden Tunesiens, wo sein Schwiegersohn die Stelle eines Chefarztes erhielt. Dort starb Rudolf Lehnert am 16. Januar 1948. Seine letzte Ruhe fand er neben seiner Frau auf dem Friedhof seiner Wahlheimat Karthago.

Der Nachlass Lehnerts, etwa 4000 Fotografien, die er von 1903 bis 1930 aufgenommen und seinem Geschäftspartner überlassen hatte, geriet für fünf Jahrzehnte in Vergessenheit. Ernst Landrock führte nach der Trennung von Lehnert die Buchhandlung mit seinem Stiefsohn Kurt Lambelet in Kairo weiter. 1937 wurde der Stiefenkel Edouard geboren. 1938 verkaufte Ernst Landrock 80 Prozent der Geschäftsanteile an seinen Stiefsohn Kurt Lambelet. Als im September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbracht, hielt sich das Ehepaar Landrock in Biberach an der Riss auf. Es kehrte nie wieder nach Ägypten zurück. Ernst Landrock starb 1966 in Kreuzlingen am Bodensee, der Geburtsstadt seiner Frau Emilie, die 1971 starb.

Während des Zweiten Weltkriegs wollten die englischen Behörden das vermeintlich deutsche Geschäft Lehnert & Landrock in Kairo schließen. Nur der energische Widerspruch Kurt Lambelets, der sich auf seine Schweizer Staatsbürgerschaft berief, verhinderte die Schließung. Lambelet erhielt seine Geschäftsanteile an der Buchhandlung zurück und musste den 20-Prozent-Anteil seines deutschen Stiefvaters Jahre später dem ägyptischen Staat abkaufen.

Ein Wink des Schicksals katapultierte das kleine Unternehmen 1968 auf Erfolgskurs: Nach Fürsprache des damaligen Kulturministers erhielt „L&L“ die Erlaubnis, im renommierten Ägyptischen Museum eine Buchhandlung zu eröffnen. Das Angebot umspannte Reiseliteratur in deutscher, englischer, französischer, italienischer und spanischer Sprache, später auch auf Japanisch und Russisch.

1982 entdeckte Dr. Edouard Lambelet, der inzwischen in Deutschland studiert und die Heidelberger Romanistin Roswitha Götz geheiratet hatte, zufällig in einem Lager des Unternehmens die verborgenen Schätze der Familie. Hunderte von verstaubten gläsernen historischen Fotoplatten von Rudolf Franz Lehnert, einige zersprungen, die meisten aber in einem guten Zustand. Mit Unterstützung eines Labors wurden die in alter Aufnahmetechnik hergestellten Fotos neu reproduziert und gedruckt. Seitdem erschienen zahlreiche Bildbände mit Lehnerts Fotografien.  Ausstellungen wurden in Frankreich, der Schweiz, in Ägypten oder Deutschland organisiert. Lehnerts Fotografien prägten die Vorstellungen vom Orient an der Wende zum 20. Jahrhundert maßgeblich.

Die Buchhandlung Lehnert & Landrock überstand alle Krisen und Kriege Ägyptens, von der Revolution 1952 bis zum Sechs-Tage-Krieg 1967. Zu den besten Zeiten beschäftigte Lehnert & Landrock 35 Angestellte.

Ende 2016 übergab das Ehepaar Lambelet das verbliebene Sortiment in ägyptische Hände. Im Januar 2017 eröffnete unter dem Namen Lehnert & Landrock ganz in der Nähe des alten Standortes eine neue Buchhandlung im ersten Stock der Sh. Abd El-Khalik Tharwat Nr. 36 in Downtown Kairo ihre Pforten.

Carsten Eichenberger (KK)

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