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Ausgaben: Ausgabe 1242.

Der päpstliche Nuntius als Zensor der Bischöfe

Nach zwölf Jahren als Nuntius in München und Berlin verfaßte Eugenio Pacelli einen Abschlußbericht über „Die Lage der Kirche in Deutschland 1929“, der jetzt erstmals in italienisch und deutsch eingeleitet und kommentiert vorliegt. Der spätere Papst Pius XII., der sich nach 1945  vernehmlich für die deutschen Heimatvertriebenen einsetzte und ihnen u. a. eine handschriftliche Ermunterung schickte, äußert sich am Schluß seines für Rom bestimmten Schreibens über 15 deutsche Bischöfe. Darunter sind Kardinal Adolf Bertram, Breslau, Augustinus Bludau, Ermland, und Maximilian Kaller, der Apostolische Administrator von Schneidemühl und spätere Bischof von Ermland.

Es überrascht den heutigen Leser, mit welcher Distanz, ja Kühle der Nuntius seine bischöflichen Mitbrüder in Deutschland, mit denen er gewiß oft gemeinsam am Altar gestanden hat, beurteilt. Da spricht der römische Diplomat, dem eigentlich nur recht ist, wer eine römische, mindestens jesuitische theologische Ausbildung genossen und eng mit der Nuntiatur zusammengearbeitet hat.

Am schlechtesten kommt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Adolf Bertram, weg, zu dem der Nuntius auch als späterer Papst in der Zeit des Nationalsozialismus kein vertrauensvolles Verhältnis aufbauen konnte. Bertram, so der Nuntius, sei unter starkem Druck der Berliner Regierung gewählt worden. Lobend heißt es zunächst, Bertram sei von untadeligem Lebenswandel, ein unermüdlicher Arbeiter und eifrig in der Seelsorge; „andererseits ist er von nicht leichtem Charakter, autoritär und empfindlich. In der Verteidigung des Glaubens gegen die modernen Irrlehren hat er sich nicht selten, vielleicht infolge von Unzulänglichkeiten in seiner theologischen Ausbildung, seiner Aufgabe nicht gewachsen gezeigt… Ernsthafte und wirksame Reformen in der Unterweisung und Ausbildung des Klerus, die in Breslau wegen der theologischen Fakultät nötig wären, können schwerlich von ihm erwartet werden.“

Bischof Augustinus Bludau von Ermland trifft es noch schlimmer. Nach Anerkennung von Bludaus wissenschaftlichen Schriften heißt es: „Von gutmütigem und sanftem Charakter, vom Klerus und vom Volk geliebt, scheint es allerdings, nach dem, was man mir berichtet, daß er gegenüber den neuen religiösen und sozialen Erfordernissen untätig bleibt und nicht erlaubt, daß andere Initiativen ergreifen.“ Zudem scheine er „sich nicht durch Gehorsam und Ehrfurcht gegenüber den Dekreten und den Entscheidungen der Hl. Kongregationen auszuzeichnen“. Die Ausbildung der Priesteramtsanwärter an der Staatlichen Akademie in Braunsberg lasse viel zu wünschen übrig, aber der Bischof tue so, als würde er davon nichts bemerken.

Auch bei Maximilian Kaller, damals Apostolischer Administrator von Schneidemühl, nach 1945 von Pius XII. zum ersten Vertriebenenbischof ernannt, bemängelt der Nuntius die theologische Ausbildung. „Er gleicht dies dennoch durch seine Frömmigkeit, seinen Eifer, seine tiefe Ergebenheit gegenüber dem Hl. Stuhl und der Nuntiatur aus. (…) Er ist ein guter Organisator und Kenner der
Bedürfnisse des heiligen Dienstes in der Diaspora und er ist Autor des Buches ‚Unser Laienapostolat in St. Michael, Berlin 1926‘.“

Eugenio Pacelli: Die Lage der Kirche in Deutschland. Bearbeitet von Hubert Wolf
und Klaus Unterburger, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2006, 287 Seiten, 29,90 Euro

Norbert Matern (KK)

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