Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1270.

Der revanchistische Hirsch

Göring hat ihn erlegt, linke Demonstranten wollen ihn im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg wiederbeleben

Als am 26. Juni 1987 in der niedersächsischen Kreisstadt Lüneburg das Ostpreußische Landesmuseum eröffnet wurde, herrschte bei den Stadtlinken bis in SPD-Kreise hinein helle Aufregung. Alles, was sich damals in Stadt und Landkreis für „links“ hielt, war mit klarer Kampfansage vor die Lüneburger Nordlandhalle gezogen, wo die Eröffnungsveranstaltung stattfand, und hatte lauthals Protest geäußert gegen „Revanchismus“ und „Ewiggestrige“.

Die Antifa-Demonstration, die am 31. Januar 2009 vor dem Lüneburger Museum in der Ritterstraße stattfand, kann man nur als müden Aufguß der erfolglosen Protestaktion von damals bezeichnen. Am 14. November 2008 nämlich war im Ostpreußischen Landesmuseum die Ausstellung „Jagd in Ostpreußen“ eröffnet worden, Ehrengast war Minister Hans-Heinrich Ehlen (CDU), in der niedersächsischen Landesregierung in Hannover zuständig für Landwirtschaft und Ernährung, der, so vermerkte hämisch die Lüneburger „Landeszeitung“, es bei seinem Rundgang leider versäumt habe, mißbilligend auf eine dort im Bild gezeigte Jagdtrophäe Hermann Görings, einen am 22. September 1942 in der Rominter Heide erlegten Hirsch, zu verweisen und auf ein daneben hängendes Gemälde des nationalsozialistischen Malers Gerhard Löbenberg.

In einem Kommentar der „Landeszeitung“ vom 15. November 2008 wurde den Ausstellungsmachern denn auch Mangel an „Sensibilität“, an „politischem Instinkt“ und an „kritischer Selbstdistanz“ (was immer das sein mag) vorgehalten, obwohl der ostpreußische Hirsch und das Jagdgemälde seit zwei Jahrzehnten in der Dauerausstellung über Ostpreußen zu sehen sind. Die Geschichtskenntnisse der „Antifaschistischen Aktion Lüneburg/Uelzen“, die zur Demonstration am 31. Januar aufgerufen hatte, reichten zuvor offenbar nur so weit, daß sie die Präsenz dieser Erinnerungsstücke aus Ostpreußen nicht störte. Es hat sie auch nicht gestört, daß über das Lebenswerk des ostpreußischen Malers Gerhard Löbenberg (1891–1967), der der Hofmaler des „Reichsjägermeisters“ Hermann Göring gewesen sein soll, vom 6. März bis zum 24. Oktober 2003 im Ostpreußischen Landesmuseum eine Ausstellung gezeigt wurde. Und es hat sie nicht gestört, daß auf der Liste der Lüneburger Ehrenbürger bis zum 19. April 2007 Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar Otto Telschow verzeichnet war.

Nach der Abmahnung des CDU-Ministers durch die Presse und der Anbringung einer Ergänzungstafel mit distanzierendem Text in der Ausstellung wurden nun die Landespolitiker, Grüne und SPD, aktiv. Die Stadtratsfraktion der Grünen erklärte, Exponate müßten in das „jeweilige gesellschaftliche und politische Umfeld“ eingeordnet werden, während Hiltrud Lotze, SPD-Vorsitzende Lüneburgs und Bundestagskandidatin, munter die Kausalpauschale ausgab, die Ursachen für die Vertreibung lägen in der „Ermordung von Juden, Polen und Russen im Zweiten Weltkrieg“.

Die „Antifaschistische Aktion“ und ihr Anführer Olaf Meyer, die da am späten Vormittag des 31. Januar in der Ritterstraße demonstrierten, gingen freilich noch einen Schritt weiter und forderten nicht nur den Rücktritt des Ministers, der den erlegten Hirsch „nicht gesehen“ haben wollte, sondern auch die sofortige Schließung des Ostpreußischen Landesmuseums wegen seiner „geschichtsrevisionistischen Ausrichtung“. Diese rund 100 kämpferischen Geschichtsdeuter, die mit Transparenten wie „Den braunen Sumpf trocken legen!“ vor den verschlossenen Türen des Landesmuseums standen, können kaum beurteilen und einordnen, was sie verachten. Durch die Geschichte des Museums, so Olaf Meyer, zöge sich „rechte Verstrickung wie ein brauner Faden“. Weiß der Mann eigentlich, wovon er spricht?

Es sind immer wieder dieselben Grüppchen, die als politischer Wanderzirkus durchs Land reisen und nicht nur die Nase rümpfen, wenn sie „Faschistisches“ zu wittern meinen, sondern auch gleich die kampferprobte Faust ballen. So haben sie vor einem Jahr in Bad Nenndorf das Grab der ostpreußischen Dichterin Agnes Miegel (1879–1964) geschändet, am 4. Februar waren sie in Nordhausen, Lübeck und Paderborn zugange, am 7. Februar in Greifswald, und am 1. März kommen sie nach Lehrte. Immer sind es dieselben Gesichter, dieselben Parolen – fern jeder vernünftigen Auseinandersetzung.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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