Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1261.

Der robuste Wert des Zerbrechlichen

Walter Spiegl zeigt im Stadtmuseum Waldkraiburg Glanzstücke seiner Sammlung von Biedermeier-Glas

Was Walter Spiegls Braut zur Hochzeit geschenkt bekam, war schon den jung Vermählten zu zerbrechlich: zwei Rosenthalgläser, schlank, zart, auf zerbrechlichem Fuß. Man suchte nach Beständigerem im jungen Haushalt, wo gern ein Gläschen getrunken wurde. Kam von München über Salzburg nach Wien – und entdeckte, was den Anfang einer bald ansehnlich  wachsenden Sammlung bildete, einfache und dickwandige Trinkgläser. Lauter Einzelstücke, eins so schön wie das andere, die aber gerade deshalb, weil sie verschieden waren, so hübsch zusammenpaßten. Das Interesse für altes Glas und sein „Wer? Was? Wie? Warum?“ war geweckt im Hause des damaligen Lektors und Übersetzers für Desch und Ullstein, später Scherz und Heyne. „Meißner Porzellan“ hieß denn auch Walter Spiegls zweites, vor 30 Jahren erschienenes Buch über sein Lieblingsthema aus der Welt der Gebrauchs-Antiquitäten.

In seinem Fachbuch-Erstling „Böhmische Gläser“ (1976) spürte der 1934 im westböhmischen Asch geborene, in Pfaffing bei Rott am Inn lebende Autor dem weltbekannten Produkt seiner alten Heimat nach. Viele weitere Publikationen folgten, der Autor ist heute als Glas-Experte gefragt, und in der Familie wird bis dato weitergesammelt, nur allzu gern geschliffenes Glas des Biedermeier.

1946 ist Walter Spiegl als Zwölfjähriger von Asch/Egerland ins hessische Taunusstädtchen Niedernhausen vertrieben worden. Nach seiner schulischen Ausbildung hat er eine vielseitige publizistische Karriere gestartet. Neben seiner journalistischen Arbeit und einer regen verlegerischen Tätigkeit entwickelte sich bei Walter Spiegl und seiner Frau (geheiratet wurde 1966) schon bald das Interesse an Antiquitäten, insbesondere an Kunsthandwerk, alter Graphik und Glas aus Barock und Biedermeier. In hoher Auflage kamen 1976 in der Heyne-Reihe „Antiquitäten“ die Titel „Böhmische Gläser“, 1978, auch als Original-Taschenbuchausgabe und wieder mit zahlreichen Abbildungen, „Meißner Porzellan“ und 1980 „Dekorative Graphik“ heraus. „Biedermeier-Gläser“ hieß der schmucke Band der Silber-Reihe „Keysers Sammlerbibliothek“ (1981). Zum Autor wurde bemerkt, daß er viele Beiträge in Fachzeitschriften veröffentlicht habe. Sein Spezialgebiet sei „Glas des 19. Jahrhunderts mit besonderer Bevorzugung der Biedermeierzeit und des böhmischen Glases“.

Hier knüpft Spiegl mit der Präsentation seiner reizvoll und gut bestückten Sammlung von Biedermeier-Glas im Stadtmuseum Waldkraiburg an. Das Stadtmuseum, selbst im Besitz einer zum 50jährigen Jubiläum 2010 neu zu präsentierenden gut bestückten Nordböhmen-Glaskollektion, darf sie jetzt zeigen: hochkarätige Stücke, noch nie in dieser Breite der Öffentlichkeit dargetan, farbenprächtig überfangenes Glas, Deckelpokale, Andenkenbecher, Werke berühmter böhmischer Glashütten und – mit Ausnahme des namentlich bekannten Graveurs Dominik Biemann – anonymer Veredler.

Der Leihgeber war selbst zur Eröffnung erschienen, erzählte von den kuriosen Anfängen als Glassammler und gab die schweren Bedingungen zu bedenken, unter denen das heute als hohe Kunst in den Museumsvitrinen Bewunderte – grünes Alabasterglas, achtfach geschälter Trinkbecher, Ranftbecher mit gestickter Perlenmanschette, Tasse und Untertasse mit Bronzemontierung – vor knapp 200 Jahren hergestellt wurde.

Hans Gärtner (KK)

«

»