Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1236.

Der späte Segen des Andreas Gryphius

Über die Verständigung von Völkern kann man reden. Man kann sie aber auch verwirklichen. Wie dies konkret funktionieren kann, läßt sich am besten am Beispiel der niederschlesischen Stadt Glogau ersehen. Schon vor den politischen Umbrüchen der Jahre 1989/90, als ein ungezwungener deutsch-polnischer Dialog noch in weiter Ferne zu liegen schien, nahmen einige heimatvertriebene deutsche Glogauer mit polnischen Bewohnern der Stadt Kontakt auf, der sich im Laufe der Jahre intensivierte und zur fruchtbaren Zusammenarbeit führte.

Die Anfänge waren dabei nicht leicht, denn das politische Klima erleichterte solche Beziehungen nicht gerade. Die kommunistische Propaganda nahm in Polen jede Gelegenheit wahr, um Bundesbürger im allgemeinen und deutsche Heimatvertriebene im besonderen als Revanchisten und Revisionisten zu beschimpfen und sie als Polenhasser darzustellen. Um so beachtlicher ist die unermüdliche Hartnäckigkeit der agierenden Personen, die trotz des gesellschaftlichen Mißtrauens – oder gerade deswegen – bekräftigten, daß deutsche und polnische Glogauer gemeinsam für eine bessere Zukunft ihrer Stadt wirken müssen.

Diese anfangs privaten Kontakte griffen immer größeren Raum, wodurch Glogau eine erstaunliche Entwicklung erlebte. Dazu gehörten der Wiederaufbau der zerstörten Altstadt, die Einweihung eines Denkmals, das in beiden Sprachen an die Opfer des Zweiten Weltkrieges erinnert, die Einweihung einer Gedenkstätte für die zerstörte Glogauer Synagoge, der Plan zum Wiederaufbau des Stadttheaters, das Andreas Gryphius gewidmet sein soll, diverse historische und kulturelle Ausstellungen oder ein Vorlesewettbewerb unter Schülern in deutscher Sprache. Diese Veranstaltungen zeigten deutlich, daß sich Deutsche und Polen an ihre Vergangenheit erinnern und gleichzeitig gemeinsam zukunftsweisend wirken können.

Wie diese Schritte konkret umgesetzt wurden, erzählten einige mitwirkende Personen während einer Tagung, die von der Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung (gdpv) im April letzten Jahres in Glogau
organisiert wurde. Vertreten waren Klaus Schneider und Manfred Liersch vom Glogauer Heimatbund, der amtierende Oberbürgermeister Zbigniew Rybka sowie sein Vorgänger Jacek Zieliñski und der Direktor des Archäologisch-Historischen Museums, Leszek Lenarczyk.

Für ein besseres Verständnis dieser Ereignisse sorgte die Darstellung des historisch-politischen Hintergrundes. Während der Kulturreferent am Schlesischen Museum zu Görlitz, Michael Parak, einen allgemeinen Überblick über die Vertreibung der Deutschen gab, sprach die Historikerin Evelyne A. Solga über die Ansiedlung von Polen in Schlesien. Der Berliner Professor Alfred Palissa, selbst heimatvertriebener Glogauer, referierte über das Schicksal der Glogauer nach Flucht und Vertreibung. Im Anschluß zeichnete der Vorsitzende der Gesellschaft des Glogauer Landes, Antoni Bok, den Aufbau und die Entwicklung der Stadt nach 1945 nach. Er übernahm auch für die Teilnehmer der Tagung die Führung durch Glogau und Umgebung, was er in einem schriftlichen Beitrag festhielt.

Damit dieses eindrucksvolle Erlebnis nicht in Vergessenheit gerät, beschloß die gdpv, die Ergebnisse der Tagung der Öffentlichkeit zu präsentieren. So wurden die Beiträge gesammelt und im vorliegenden Buch zweisprachig veröffentlicht. Es möge ein lebendiges Zeugnis davon ablegen, daß die Verständigung von Deutschen und Polen möglich ist und auch konkret umgesetzt wird.

Gregor Ploch / Christine Kucinski (Hg.): Die deutsch-polnische Verständigung am Beispiel der Stadt Glogau / Porozumienie polsko-niemieckie na przykladzie miasta Glogowa.
[Via Silesia. Veröffentlichungen zur deutsch-polnischen Verständigung. 1/2006]. Münster 2007. 200 S., 4 Euro. Bestellung: gdpv, Ermlandweg 22, D-48159 Münster, Tel.: 0251/4904792, Fax: 42012,  kontakt@gdpv.de

(KK)

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