Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1329.

„Der Staat stellt Erde, Wasser und Stroh“

Deportationen aus dem Banat in die rumänische Steppe Baragan 1951

Der-Staat-stelltHorizont: Was auf Bildern durchaus idyllisch wirken kann, ist für so manchen mit grauenvollen Erinnerungen an eine unbarmherzige Deportation verbunden. Das Zentrum für Kommunismusforschung in Rumänien hat 2011, nach genau 60 Jahren, eine gut dokumentierte Ausstellung zu den Deportationen der Jahre 1951–1956 in die unwirtliche und dünn besiedelte Baragan-Steppe erstellt.

Betroffen von der stalinistischen Maßnahme waren schätzungsweise 50 000 Menschen, die als politisch unzuverlässig galten, ein Viertel davon Banater Schwaben aus dem Grenzgebiet zu Titos Jugoslawien. Diese Wanderausstellung wird nun in der in Zusammenarbeit mit dem Rumänischen Kulturinstitut in Berlin erstellten deutschen Version (Übersetzer der Texte: Gerhardt Csejka) in deutschen Städten gezeigt (Berlin, München, Sindelfingen, geplant Augsburg, Reutlingen, Ulm, Tübingen).

Wie es zu den Deportationen kam, zeigen zwei der Ausstellungsbilder mit stalinistisch-roter Hintergrundfärbung („Eine Operation sowjetischen Typs“). Historische Daten und Fakten werden auch auf anderen Paneelen vermittelt, doch im Vordergrund stehen Schicksale, die über Bilder und Zitate der Betroffenen erfasst sind: Notunterkünfte, die sie sich in den harten Boden graben mussten, um dem Wind zu entgehen, die ersten Häuser, die sie dann in Gemeinschaftsarbeit errichteten, der harte Arbeitsalltag, die Organisation des Alltagslebens mit Kindern, Schule usw. sowie Ereignisse wie Geburten, Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen.

Das Titelzitat stammt aus einem Brief eines Banater Deportierten, des späteren Schriftstellers Ludwig Schwarz, vom 28. Juni 1951.

In den fünf Jahren bildete sich in 18 Ortschaften ein Mikrokosmos der zufällig dorthin Geratenen, die, vom gleichen Schicksal geschlagen, sich damit abfinden und das Leben organisieren mussten. Zumal keiner wusste, wie lange das dauern würde und ob sie jemals wieder heimkehren dürften. Beeindruckend die beiden Tafeln mit Namen von Toten ohne jeden weiteren Kommentar. Nicht von der Statistik erfasst sind die dort zur Welt gekommenen Kinder, beispielsweise die heute bekannten Schriftsteller Gerhard Ortinau (siehe unser letztes Heft Seite 9) und Horst Samson.

Für die in Deutschland lebenden Banater Schwaben stand das Thema Baragan-Deportation immer schon im Fokus von Publikationen historischer Rechercheergebnisse, Zeitzeugenberichten und Veranstaltungen. Umso wichtiger, dass jetzt ein Blick auf die gesamte Maßnahme von rumänischer Seite aus dokumentiert wird. Es handelte sich nicht, wie im Falle manch anderer „Maßnahmen“, um einen vordergründig ethnisch diskriminierenden Hintergrund, die Mehrheit der Deportierten waren Rumänen. Dokumentiert wird eine politische Strafaktion an Unschuldigen, gleichzeitig aber auch ein pragmatisches Zusammenleben in unwirtlichen Bedingungen.

Die vom Zentrum für Kommunismusforschung geschaffene Ausstellung ist ein weiterer Beweis dafür, dass es in Rumänien ernsthafte Bestrebungen gibt, das kommunistische Erbe wissenschaftlich fundiert zu erfassen und auch seine Ungeheuerlichkeiten aufzubereiten. Gegründet wurde dieses Zentrum von dem Schriftstellerehepaar Ana Blandiana und Romulus Rusan im Zusammenhang mit der Gedenkstätte im berüchtigten Securitate-Gefängnis in Sighet.

Das Material für die ständige Ausstellung der Gedenkstätte und zahlreiche Wanderschauen wird im Bukarester Forschungszentrum gesammelt und ausgewertet – Zeitzeugenberichte, Fotos, Tondokumente, Akten und auch die Forschungsergebnisse, die es zu dem Thema gibt. Auf Anregung des Europarates wurde 1994 noch die Stiftung Bürgerakademie gegründet, die den Aufbau und die Verwaltung des Projektes „Memorial Sighet“ finanziell und ideell unterstützt und es so von den staatlichen Stellen weniger abhängig sein lässt. „Memorial Sighet“ kann auf 20 ergebnisreiche Arbeitsjahre zurück blicken.

Halrun Reinholz (KK)

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