Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1327.

Der Westen packt in Westpommern mit an

Projekt der Deutsch-Polnischen Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz

In der Woiwodschaft Westpommern/ Zachodniopomorskie liegt im Landkreis Pyritz/Pyrzyce 70 km von Stettin/Szczecin und 56 km von Stargard/Szczecinski entfernt der Ort Fürstensee/Przywodzie mit der zur Pfarrei Sukow/Zuków gehörenden katholischen Filialkirche Maria Verkündigung. Der für ländliche Verhältnisse stattliche
spätgotische Findlingsbau, dessen äußeres Erscheinungsbild Anklänge an die Zisterzienserarchitektur erkennen läßt, blieb im Zweiten Weltkrieg vor Zerstörung verschont und besitzt noch eine bemalte Holzbalkendecke von 1787, die wegen ihres Seltenheitswerts in Westpommern besonderen Denkmalschutz genießt.

Die 225 Quadratmeter große Balkendecke aus Kiefernholz, die im späten 19. Jahrhundert überarbeitet wurde und an der eine um 1920 entstandene hölzerne Lichtkrone zur Erinnerung an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten des Ortes hängt, ist mit ausgemalten Rankenornamenten und zwei großen Kartuschen geschmückt. In der Kartusche über dem Altar ist das Lamm Gottes mit der Kreuzfahne, in dem im Kirchenschiff mittig angeordneten Pendant das Kreuz mit Dornenkrone und langen Strahlen dargestellt. An den drei Deckenbalken über dem Chorraum finden sich als Inschrift in weißer Fraktur die drei Bibelsprüche „Siehe, das ist das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt“, „Siehe ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende, Matthäus“ und „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“. An den Deckenbrettern sind parallel zu den Längswänden der Kirche auf weißem Grund stilisierte grün- und ockerfarbene Akanthusranken als Schmuckmotiv aufgetragen. Die Deckenbalken sind grün gefaßt mit dem sich jeweils an drei Seiten ihrer Enden wiederholenden Motiv der weißen Palmetten und zwei schmalen weißockerfarbenen Perlwerken.

Die Decke verbindet die überwiegend barocken Innenausstattungselemente und bringt sie in Einklang. Sie hatte dadurch, daß das Kirchendach jahrelang undicht war, stark gelitten und war schließlich einsturzgefährdet. Verfaulte Balkenköpfe hatten sie konstruktiv geschwächt, Insektenbefall, zahlreiche Feuchteschäden, braune Lacknasen und Pulverisierung der auf Kreidegrund aufgetragenen Malschicht die Polychromie stark angegriffen. Die Deckenbalken und -bretter waren jedoch in ihrer Substanz noch so gut, daß sie nahezu vollständig erhalten werden können.

Allerdings stand Pfarrer Miroslaw Gebicki, der 1969 nach Australien ging, 1993 nach Polen zurückgekehrt ist und 2003 die 1500 Seelen zählende Pfarrgemeinde Sukow/ Zuków mit drei Kirchen übernahm, von denen jede instandsetzungsbedürftig ist, zunächst vor einer Herkulesaufgabe. Das Dorf Fürstensee hat 450 Einwohner, zumeist pensionierte oder arbeitslose junge Menschen. Nachdem das Kirchendach in Fürstensee von Jahr zu Jahr undichter wurde, schaffte es Gebicki mit seinem aus Übersee mitgebrachten Elan und seiner Beharrlichkeit im Umgang mit den polnischen Behörden, 2010 Fördermittel zu aquirieren, mit denen der Dachstuhl und die einsturzgefährdete kostbare polychrome Holzbalkendecke ertüchtigt werden konnten. Vor zwei Jahren wurde außerdem die Dacheindeckung erneuert. Eine weitere Maßnahme hatte die vollständige Restaurierung des im Innenraum angebrachten Barockepitaphs von Friedrich von Wedel zum Gegenstand. Dieser gehörte dem im heutigen Schleswig-Holstein verwurzelten Adelsgeschlecht an, das seit dem 13. Jahrhundert in Pommern Lehen besaß und Mitte des 15. Jahrhunderts eine Vermittlerrolle zwischen dem Deutschen Orden und dem Königreich Polen einnahm. Unter dem Patronat der bekannten pommerschen Familie von Wedel wurde die Kirche in Fürstensee 1540 evangelisch. Seit 1946 untersteht sie wieder der katholischen Kirche.

Nachdem Pfarrer Gebicki die Voraussetzungen dafür geschaffen hatte, die Restaurierung der polychromen Holzbalkendecke anzugehen, geriet er über das Amt für das Nationalerbe in Stettin an die Deutsch-Polnische Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz in Görlitz. Und der Hilferuf des heute 69jährigen wurde von der 2007 für die Erhaltung des deutsch-polnischen baukulturellen Erbes ins Leben gerufenen Stiftung erhört. Der Stiftung ist es gelungen, als Maßnahmenträger 2010 und 2011 Fördermittel des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zuerst für die Konservierung und daraufhin für die Restaurierung eines ersten Teils der Deckenbretter zu erhalten. An den zwei Etappen beteiligt war das Woiwodschafts-Denkmalamt in Stettin, das seine Förderung auf die restauratorische Oberflächenbearbeitung von Deckenbalken konzentriert hat. Der gesamte Restaurierungsauftrag für die Holzbalkendecke obliegt dem Kunstwerkerestaurator für Malerei und polychrome Bildhauerei Tadeusz Makulec in Stettin. In seiner Werkstatt hat die Malerei ihre ursprüngliche Intensität und Leuchtkraft eindrucksvoll wiedererlangt. Bei dem restaurierten Teil wird im eingebauten Zustand deutlich, wie stark die zurückgewonnene Deckenpolychromie den Innenraum aufzuwerten vermag. Die Deutsch-Polnische Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz läßt die Maßnahme durch Dr.-Ing. Beata Makowska vom Amt für das Nationalerbe in Stettin fachlich begleiten.

Die kleine Kirchengemeinde in Fürstensee hat aus den bisherigen zwei Arbeitsetappen zur Erhaltung der Decke mit maßgeblicher deutscher Unterstützung Mut und Hoffnung geschöpft. Nun, da man so weit gekommen ist und neue Förderanträge für die dritte und letzte Restaurierungsetappe gestellt und, was die polnischen Stellen betrifft, bewilligt worden sind, hoffen Pfarrer Gebicki und die Gemeinde, daß die Restaurierung der Decke wiederum mit finanzieller Hilfe aus Deutschland in Kürze abgeschlossen werden kann.

Peter Schabe (KK)

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