Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1329.

Des Ungarn schwäbisches Gedächtnis

Offizieller Gedenktag für die vertriebenen Deutschen

Des-Ungarn_obenDie Aufarbeitung des Leids der Kriege des 20. Jahrhunderts und der europaweiten Vertreibungen ist auch heute noch ein sensibles Thema mit viel Konfliktpotential. Es ist für das friedliche Zusammenleben der Völker Europas aber unerlässlich, auch über diese Schattenseiten der Geschichte zu sprechen. Vor diesem Hintergrund ist der ungarische Gedenktag am 19. Januar für die vertriebenen Ungarndeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg besonders bemerkenswert.

Ohne Gegenstimme verabschiedete die ungarische Nationalversammlung im Dezember 2012 den Beschlussantrag der Regierungskoalition über die Einrichtung dieses jährlichen Gedenktags. Die Parlamentsentscheidung ist ein eindeutiger Beleg für das Interesse Ungarns an einer Aufarbeitung seiner Geschichte. Diese Entscheidung gibt auch Hoffnung, dass in dem politisch und gesellschaftlich tief gespaltenen Land in wichtigen Fragen ein Konsens erzielt werden kann.

Der 19. Januar 1946 ist der Beginn eines dunklen Kapitels in der Geschichte Ungarns. An diesem Tag begann vom Budapester Vorort Budaörs/Wudersch aus und bald im ganzen Land die Vertreibung der deutschen Minderheit. Diese Katastrophe stand im Zusammenhang mit den Entscheidungen in Jalta und Potsdam, bis zu 12 Millionen Deutsche aus Mittel- und Osteuropa auszusiedeln. Die Anzahl der dabei ums Leben Gekommenen ist sowohl insgesamt als auch im Falle der Vertreibung aus Ungarn schwer zu beziffern. Historiker gehen von mindestens 600 000 und bis zu 2,1 Millionen Todesopfern aus. Die Ermittlung der genauen Opferzahl ist aufgrund der chaotischen Zustände nach Kriegsende schwierig, zumal viele Opfer erst nach der Vertreibung ums Leben kamen.

Die systematische Vertreibung der Ungarndeutschen datiert Anfang 1946, doch das Leid begann schon früher. So wurden während der Kämpfe um Ungarn, in den Jahren 1944 und 1945, an die 40 000 ungarische Staatsbürger deutscher Abstammung – überwiegend junge Frauen und Männer im Alter zwischen 16 und 40 Jahren – auf sowjetischen Befehl zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt. Rund ein Viertel der Verschleppten verlor in den sowjetischen Arbeitslagern ihr Leben.

Des-Ungarn_untenDie auf den Krieg folgende Vertreibung hatte vielerlei Gründe. In einem Teil der Literatur wird oft behauptet, dass die ungarische Regierung auf Befehl der Alliierten Kontrollkommission und auf sowjetischen Druck gehandelt habe. Andere Quellen gehen jedoch davon aus, dass der Initiator die ungarische Übergangsregierung war und sie in der Vertreibung ein Allheilmittel für die Nachkriegsprobleme sah. So sollte insbesondere die Not der aus den Nachbarländern vertriebenen Ungarn gemildert werden. Darüber hinaus sollte die Landfrage der aus dem Osten umgesiedelten ungarischen Bauern gelöst werden. Eines der Argumente, mit denen dieses Vorgehen wiederholt begründet wurde, war die „Kollektivschuld“ der Deutschen an den Verbrechen der Nazis. Dabei wurde den Ungarndeutschen vor allem zum Verhängnis, dass der Volksbund der Deutschen in Ungarn, der als Emanzipationsbewegung begann und später zum Kulturverein wurde, in den Kriegsjahren von der Waffen-SS instrumentalisiert worden war. Die Beteiligung eines Teils der deutschen Minderheit an den Verbrechen Nazi-Deutschlands erleichterte den kommunistischen Machthabern die Argumentation für ihr Vorgehen.

Abschnitt XIII des Beschlusses der Potsdamer Konferenz war die Grundlage für die Vertreibungen, die konkreten Pläne aber wurden durch das ungarische Innenministerium ausgearbeitet. In der entscheidenden Kabinettssitzung stimmten neun Minister für die Vorlage, zwei dagegen, fünf enthielten sich. Die Gründe für die Uneinigkeit in der Regierung waren vielschichtig. Einerseits befürchtete sie, einen Präzedenzfall zu schaffen, durch den die Vertreibung der ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern vorangetrieben werden könnte, andererseits spielten aber durchaus auch humanitäre Gesichtspunkte eine Rolle. Hierbei tat sich vor allem István Bibó hervor, der zuvor schon während der Herrschaft der Pfeilkreuzler verfolgte Juden mit Schutzpässen ausgestattet und so gerettet hatte. Er trat aus Protest von seinem Posten im Innenministerium zurück.

Am 29. Dezember 1945 wurden Kriterien für die Ausweisung nationalsozialistisch belasteter Deutscher erlassen, die aber so formuliert waren, dass sie faktisch die Vertreibung des Großteils der deutschen Minderheit ermöglichten. Die Willkür des Verfahrens wird daran deutlich, dass als Hauptkriterium für die Aussiedlung galt, ob jemand bei der Volkszählung von 1941 angegeben hatte, deutschsprachig oder deutsch zu sein.

Die ungarischen Behörden versuchten sich auf eine Entscheidung der Alliierten Kontrollkommission zu berufen. Diese protestierte jedoch gegen die Formulierung „auf Anweisung der Alliierten Kontrollkommission“ im Zusammenhang mit der Vertreibung. Das sowjetische Mitglied der Kommission hingegen übte Druck auf die ungarische Regierung aus, die Vertreibung zu beschleunigen, um das gleiche Vorhaben auch in der Tschechoslowakei vorantreiben zu können. Am 16. Januar 1946 gab der damalige Innenminister Imre Nagy – während des Volksaufstandes  1956 Ministerpräsident und von den Kommunisten hingerichtet – die Anweisung, dass die Quote der von der Vertreibung Ausgenommenen zehn Prozent der ortsansässigen deutschen Bevölkerung nicht übersteigen dürfe. Beauftragte des Innenministeriums entschieden demnach mehr oder weniger nach Gutdünken über Schicksale. Im Prinzip zeigte sich hier schon mit aller Deutlichkeit die Willkür, die auch viele Ungarn in den folgenden Jahren erleben mussten.

Bis Juni 1948 wurden mehr als 185 000 deutschstämmige Ungarn enteignet, die Staatsbürgerschaft wurde ihnen aberkannt. Schließlich wurden sie mit 50 bis 100 Kilogramm Gepäck in das zerstörte Deutschland, überwiegend in das heutige Baden-Württemberg, abgeschoben. Fast drei Viertel der Immobilien und mehr als 100 000 Hektar Land wurden den Ungarndeutschen genommen. Nachdem an die 150 000 Menschen vertrieben worden waren, stoppte die amerikanische Verwaltung die Transporte, da die Versorgung zunehmend Schwierigkeiten bereitete und auch Uneinigkeit darüber bestand, ob Ungarn das bei der Vertreibung konfiszierte Vermögen auf die Reparationszahlungen anrechnen solle.

Daraufhin wurden auf Wunsch der ungarischen Regierung in den Jahren 1947 und 1948 insgesamt 33 Transporte in die sowjetische Besatzungszone Deutschlands, vorwiegend in den Raum Dresden–Bautzen–Zwickau, umgeleitet. Dies betraf etwa 50 000 Menschen. Nach Ende der Maßnahmen war die deutsche Minderheit in Ungarn auf etwa die Hälfte reduziert. Allerdings erfüllten sich die Hoffnungen der ungarischen Regierung nicht, dass die Vertreibung einige Probleme des Landes lösen würde. Stattdessen trat der zuvor befürchtete Präzedenzfall ein. Die Tschechoslowakei berief sich bei ihrem Umgang mit der ungarischen Minderheit explizit auf das ungarische Beispiel.

Der Umgang gerade der Tschechischen Republik mit den sogenannten Beneš-Dekreten, aber auch die noch andauernde Diskussion über ein Zentrum gegen Vertreibungen zeigt, wie schwer sich viele noch immer mit dem Thema tun. Umso bemerkenswerter ist daher der Umgang der Ungarn mit diesem Kapitel ihrer Geschichte. Schon kurz nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, im Jahre 1990, distanzierte sich das ungarische Parlament von der Vertreibung, und das Verfassungsgericht annullierte die Gesetze über die „Kollektivschuld“ aus dem Jahre 1945. 1995 entschuldigte sich der für Minderheiten zuständige Staatssekretär Csaba Tabajdi im Namen der ungarischen Regierung für die Vertreibung, und 2006 wurde – zum 60. Jahrestag des Beginns der Vertreibung – eine Landesgedenkstätte und ein Denkmal im Budapester Vorort Budaörs errichtet, an jenem Ort, wo die Vertreibung begann. Zu diesem Anlass entschuldigte sich der Staatspräsident László Sólyom „bei den vertriebenen Schwaben und ihren Familien“.

Die Worte des Präsidenten waren keine Einzelmeinung. Die Parlamentspräsidentin Katalin Szili wandte sich im Jahre 2007 im Rahmen einer parlamentarischen Gedenkveranstaltung anstelle ihrer Vorgänger, die für schändliche politische Entscheidungen verantwortlich waren, an die Ungarndeutschen: „Verzeihung! Nie wieder!“ Dass nun das ungarische Parlament dem Gedenktag zugestimmt hat, ist die konsequente Fortsetzung eines beispielhaften Umgangs mit der Vertreibung der deutschen Minderheit. Dies wurde auch von Seiten der deutschen Bundesregierung anerkannt. So sprach der Parlamentarische Staatssekretär Dr. Christoph Bergner, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, von einer „begrüßenswerten Tradition von Geschichtsbewältigung“.

Es bleibt festzuhalten, dass Ungarn beherzigt hat, was der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog über die Vertreibungen zum Ausdruck brachte: „Kein Unrecht, und mag es noch so groß gewesen sein, rechtfertigt anderes Unrecht. Verbrechen sind auch dann Verbrechen, wenn ihnen andere Verbrechen vorausgegangen sind.“ In diesem Sinne ist Ungarn mit der Einrichtung des Gedenktages am 19. Januar seiner politischen Verantwortung gerecht geworden.

Frank Spengler, Friedrich Mark (KK)

Konrad Adenauer Stiftung e. V., Auslandsbüro Ungarn, Batthyány u. 49. H-1015, Budapest

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