Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1292.

Deutsch-polnisches gemeinsames Licht

Die Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR will es mit einem Tagungsband in die Vertreibungsgeschichte bringen

Als ich dieses 317 Seiten umfassende Buch gelesen hatte, überkam mich, einen betroffenen vertriebenen Deutschen aus Hinterpommern, ein tiefes Dankbarkeitsgefühl. Nicht weil das Trauma des Heimatverlustes mich wieder emotionalisiert hat, sondern weil jeder der 23 Beiträge von 18 Autoren von dem Bemühen geprägt ist, das verbrecherische Geschehen der Vergangenheit als Ansatz für Verstehen und Verständigung in Gegenwart und Zukunft zu begreifen und in das Bewußtsein der Nachkriegsgenerationen einzugraben. Dankbarkeit empfinde ich darüber hinaus, daß die Stiftung Ostdeutscher Kulturrat (heutiger Name: Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR) das Thema in einem Symposion mit drei Tagungsabschnitten, 2005 in Bonn, 2006 in Berlin und 2007 in Bonn, umfassend aufgearbeitet und fast alle Vorträge zum Abdruck in diesem Sammelband gebracht hat. Dafür gebührt dem Spiritus rector des ganzen Unternehmens, der Symposionorganisation wie des Buchdruckes, dem Stiftungspräsidenten Professor Eberhard Günter Schulz, ein besonderer Dank.

Welche bedeutende Ausstrahlung von dem Buch auszugehen vermag, läßt sich allein an den namhaften 18 Autoren aus Wissenschaft, Kunst, Journalistik und Landsmannschaften ableiten; fünf von ihnen sind polnischer Herkunft (aus Grünberg, Breslau und Warschau). Die Referate beziehen sich auf drei gewichtige Themenbereiche: 1. Flucht und Vertreibung als Gegenstand der historischen und politischen Auseinandersetzung (mit 6 Beiträgen); 2. Schicksal und Bewältigung von Flucht und Vertreibung in der Literatur (mit 5 Beiträgen); 3. Kooperation zwischen deutschen und polnischen Städten, Regionen und Institutionen (5 Beiträge zum Untertitel Städte, Regionen und 7 Beiträge zum Untertitel Institutionen).

Professor Eberhard G. Schulz als Herausgeber hat in seinem Vorwort die gründliche und vorurteilsfreie Erforschung der genannten Sachverhalte in den Kriegs- und Nachkriegsjahren als Voraussetzung zur „Erkenntnis der Wahrheit“ wie zur notwendigen „Verständigung zwischen dem deutschen und dem polnischen Volke“ herausgestellt. In der Tat spürt man aus jedem Beitrag diese moralische wie politische Verpflichtung heraus. Den Reigen der 23 Beiträge eröffnet Professor Schulz mit der Begründung für die Durchführung des Symposions und das Konzept der Vorträge: Die Vertreibung verdient rund 60 Jahre nach dem grausigen Geschehen ein Nachdenken über diesen historischen Vorgang mit drei Zielen: 1. einer rechtsphilosophischen Beurteilung, 2. einer historischen Einordnung und 3. einer Auseinandersetzung mit den Folgen dieser Vorgänge und einem Ausblick in die Zukunft.

Wer nun meint, das Buch enthalte Darlegungen aus einem großen philosophisch geprägten Abstand zum Tagesgeschehen, der wird gleich beim Studieren des ersten Referates von Thomas Urban, dem besonders ausgewiesenen Kenner der deutsch-polnischen Szene von der Außenpolitik-Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“, eines Besseren belehrt. Ausgangspunkt seiner sorgfältig abwägenden Darlegungen und Wertungen ist die Debatte um das Zentrum gegen Vertreibungen; aber er bleibt nicht bei den jahrelang sich hinziehenden Streitigkeiten stehen, die er von beiden Seiten betrachtet und erläutert, sondern erörtert darüber hinaus mit journalistischer Noblesse grundsätzliche „Mißverständnisse“ zwischen Deutschen und Polen. Offen geht er bei den „gegenläufigen Geschichtsdiskursen“ auch und gerade die gravierenden Unterschiede in der Bewertung der Jahre zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg an, deren Fakten in Polen wie in Deutschland viel zu wenig bekannt sind. Er hat in Polen scharf beobachtet und kommt zu dem Ergebnis: „Die Fehlinformationen und Auslassungen in den Schulbüchern sowie die erneute Tabuisierung des Themas (Vertreibung – Anm. S.R.) in der Geschichtswissenschaft bedeuten, dass der normale polnische Bürger und auch der nicht spezialisierte Sejm-Abgeordnete nicht verstehen kann, warum es überhaupt Probleme zwischen Berlin und Warschau über Kulturgüter … oder gar das Zentrum gegen Vertreibungen geben kann.“

Auf die beiden grundlegenden Vorträge von deutscher Seite folgen ebenso grundsätzliche Referate von zwei polnischen Vertretern. Auch Pawel Zimniak (Universität Grünberg/Zielona Góra) läßt den Konflikt um das in Berlin geplante Zentrum gegen Vertreibungen nicht aus. Ihm kommt es darauf an, daß der Heimatverlust von Deutschen und Polen nicht isoliert betrachtet wird, sondern in der Kausalität der Ereignisse, in der Ursache-Folge-Relation. Sein Professorenkollege Piotr Madajczyk (Universität Warschau) folgt mit einem grundsätzlichen Referat über die Vertreibung und Zwangsarbeit von Polen, deren Fakten und Zusammenhänge in Deutschland weitgehend unbekannt sind.

Inhaltsreich sind seine Darlegungen über die Nationalitätenkonflikte, Hitlers und Stalins Pläne zu ethnischen Säuberungen im Osten wie auch über den „Bevölkerungsaustausch“ zwischen Polen und den Sowjetrepubliken.

… oder diese Polen, die bei der Rückkehr aus der Verschleppung nach Sibirien nicht in ihre Heimat, sondern nach Westpolen umgesiedelt werden, hier beim Spurwechsel an der russisch- polnischen Grenze

Wissenschaftlich exakt verweist er auf die Situation der Polen in dem von Stalin 1939 besetzten polnischen Territorium (1921 von Polen annektiert): „Man hatte die Wahl, die Heimat zu verlassen oder im totalitären stalinistischen Staat zu bleiben.“ Weil er genau e Zahlen für die aus Ostpolen umgesiedelten (vertriebenen) Polen nennt, die in Deutschland überhaupt nicht bekannt sind, seien sie hier wiedergegeben: 618 200 Polen siedelten aus Ostgalizien um, 133 900 aus Wolhynien, 226 300 aus Westrußland, 170 000 bis 200 000 aus Litauen. Das ergibt eine Summe von rund 1,2 Millionen Umsiedlern aus Ostpolen.

Man vergleiche diese Hinweise mit der Vertreibung der Deutschen 1945/46 aus dem damaligen Ostdeutschland: Die Deutschen hatten keine Wahl (wie die Polen im früheren Ostpolen), sie wurden vertrieben und mußten all ihr Hab und Gut zurücklassen. Und den 1,2 Millionen umgesiedelten Polen stand eine Zahl von rund 10 Millionen Vertriebenen aus Ostdeutschland gegenüber. Ich erwähne diese Fakten nicht, um aufzurechnen, sondern weil sie weitgehend unbekannt sind. Denn Grundkenntnisse sind notwendig, wenn man werten und beurteilen will.

Ausführlich geht auch Joachim Sobotta in seinem Referat über „Eine durch Mitteleuropa rollende Verständigung“ auf die jeweilige Vertreibung der Deutschen und der Polen aus den Gebieten östlich des Bugs ein und fragt: „Wer weiß schon, dass als Folge des Potsdamer Sieger-Diktats von 1945 die neu gegründete (kommunistische) polnische Regierung und die stalinistischen Regierungen der Sowjetrepubliken Weißrußland und Ukraine ein reguläres Aussiedlungsabkommen abschlossen, so dass die aus Lemberg oder Wilna abreisenden Polen ihre bewegliche Habe mitnehmen durften?“ Thomas Urban hat recht mit seinem Hinweis, daß die Begründung für die Westverschiebung Polens mit der angeblichen Umsiedlung der Ostpolen nach Ostdeutschland im „Diskurs der Gegenwart keine Rolle mehr“ spielt. Aber man muß die historischen Tatsachen und Zusammenhänge kennen, um urteilsfähig zu sein. Hierfür haben die Referenten des OKR-Symposions Grundsätzliches beigetragen.

Um die literarische Bewältigung der Vertreibung ging es in fünf Vorträgen, die von drei Polen und zwei Deutschen gehalten wurden. Der Grünberger Professor Louis Ferdinand Helbig sieht die Bewältigung der Vertreibung in der Literatur unter den Zeichen von Einsamkeit und Heimatverlust, dem Wunsch nach Erinnern statt Vergessen. „Dem eigenen Erinnern muss Gewalt angetan, erlittene Gewalt mit neuerlicher innerer … Gewalt vergolten werden. Man empfindet Zwang, entweder das Erinnerte zu verdrängen, um es zu vergessen, oder es gilt in den Erinnerungen eine Rechtfertigung für das erlittene Schicksal zu erkennen.“ Die Aufgabe der Literatur besteht darin, die Erinnerung zu bewahren. Somit spricht die Literatur der Vertreibung „ununterbrochen das aus, was ein Fünftel bis ein Viertel der Deutschen zu ‚bewältigen‘ hatte.“

Die generelle Begriffserläuterung ,,Bewältigung“ wird dann von Eugeniusz Klin (Universität Grünberg) an sieben Literatur-Beispielen verifiziert. Außer den drei deutschen Autorinnen Monika Taubitz, Ursula Höntsch und Ruth Storm werden sechs polnische Autoren vorgestellt. Sein Resümee lautet: „Die Darstellung von Wiederbegegnungen zwischen Deutschen und Polen in der Literatur könnte weiterhin behilflich sein, das große Werk der Völkerversöhnung voranzutreiben.“ Klin befragt eingehend das Werk von Ruth Storm unter dem Aspekt, wie die Autorin, geboren am 1. Juni 1905 in Kattowitz, das zweimalige Schicksal von Flucht und Vertreibung (1922 und 1945/46) erfahren und literarisch verarbeitet hat. Vielfältige Hinweise und Zitate aus Storms Romanen, Erzählungen, Tagebüchern und Gedichten lassen ein literarisches Lebenswerk plastisch erstehen. Klin verschweigt nicht, daß es in Storms Werk Beispiele für den Terror an der deutschen Bevölkerung Schlesiens und für die an Anarchie grenzenden Zustände in der Nachkriegszeit gibt. Aber er verweist besonders darauf, daß sie „nicht Rache und Vergeltung angestrebt (hat), sondern Hoffnung auf Verständigung im Geiste der christlichen Nächstenliebe“.

Eine der genannten deutschen Autorinnen, Monika Taubitz, kommt selbst mit einem Referat zu Wort: „Flucht, Vertreibung und Integration – persönliches Erleben und literarische Umsetzung“. Die kleine Monika wird, noch nicht einmal zehn Jahre alt, Opfer der Vertreibung aus dem eigenen Haus in der Grafschaft Glatz, in der die Vorfahren ihrer Familie seit Jahrhunderten ansässig sind. Nach elf Tagen Vegetierens in eisiger Kälte im Viehwaggon wird die Familie als Treibgut im völlig unbekannten Städtchen Nordenham an der Weser angespült. Die Träume der Vertreibung hat sie – die schrecklichen Erlebnisse bereits als Kind in ihrem Schulheft ungelenk niederschreibend – durch vielfältige literarische Umsetzung verarbeitet. Und der Leser darf teilhaben an den eindrucksvollen Textwiedergaben aus ihren Büchern. Er stellt beim Lesen fest, daß nirgendwo Haß auf die vertreibenden Polen zu spüren ist, vielmehr verständnisvolles Begreifen ihrer „aufgestauten Rachegefühle“. Auch wenn für sie der Verlust der Heimat eine schmerzende Wunde bleibt, so tritt sie für das hohe Ziel ein, „unsere eigene Kultur und Identität zu bewahren und anderen zu vermitteln“. Dafür hat sie in der Tat ihren literarischen Anteil geliefert.

Axel Dornemann stellt in seinem Beitrag „Das deutsch-polnische Verhältnis im Lichte von Erlebnisberichten deutscher und polnischer Vertriebener“ ausgewählte Beispiele aus den von ihm festgestellten etwa 450 Publikationen mit Prosaliteratur und Erlebnisberichten vor, die allerdings den „Anspruch der Repräsentativität“ erheben könnten. Als ein Ergebnis seiner statistischen Übersicht über die seit 60 Jahren erschienenen Veröffentlichungen über Flucht und Vertreibung stellt er fest: „Die auffällige Veröffentlichungsflaute Ende der sechziger und in den 70er Jahren hängt, so meine These, auch mit dem politisch-historischen Zeitgeist der Ostverträge … zusammen, in deren Atmosphäre für vermeintlich ‚Revanchistisches‘ in den Programmen der Verlage offensichtlich wenig Platz war und die Erlebnisgeneration sich erst gar nicht zu Wort zu melden traute.“ Aber für das beginnende neue Jahrtausend entdeckt Dornemann zunehmend Tendenzen, die Vertreibungsgeschichten der Deutschen und Polen in gemeinsamem Licht zu sehen, obwohl bei der Darstellung der auf beiden Seiten erlebten dramatischen Schicksale bedrückende Wahrheiten nicht verschwiegen, Plünderungen und Vergewaltigungen offen angesprochen werden. Zugleich aber habe im literarischen Kontext die wirkliche Versöhnung gute Fortschritte gemacht.

Im dritten Abschnitt des Buches werden Kooperationen zwischen deutschen und polnischen Städten, Regionen und Institutionen dargestellt. Man erfährt aus berufenem Mund, wie sich der deutsch-polnische Dialog in Glogau (Glogow) über die Jahrzehnte hin entwickelt hat, wie die jahrelange wissenschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit in Liegnitz, im Ermland und in Masuren, in Breslau (Wroclaw), in der Europäischen Akademie in Külz (Kulice), an der unteren Weichsel und in Ostbrandenburg immer besser funktioniert. Mit besonderer Aufmerksamkeit wird man die Entwicklungen des 1974 gegründeten Fachbereiches Germanistik an der Universität Grünberg (Zielona Góra) und das sich immer stärker herauskristallisierende Profil der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und in Slubice auf der anderen Seite der Oder verfolgen, vorgestellt von dem polnischen Professor Klin (für Grünberg) und dem deutschen Hochschullehrer Beneke (für Frankfurt). Beide heben die pragmatische, sachbezogene Zusammenarbeit von Deutschen und Polen zum gegenseitigen Nutzen hervor.

Bei der Darlegung von Universitätskonzeptionen besonders aufgefallen ist mir die Erwähnung von Professor Klin, daß er 12 polnische Studenten zu Magisterarbeiten über die Bereiche Flucht und Vertreibung (von Deutschen) und Regionalgeschichte (Schlesiens) bewegen konnte. So erfreulich es ist, daß Polen sich dieser Thematik annehmen, desto mehr muß man auf deutscher Seite darauf achten, daß die wissenschaftlichen Studien über Geschichte und Kultur der einstigen deutschen Ostprovinzen nicht eine polnische Domäne werden. Angesichts dieses Hinweises hat Werner Bader vollkommen recht mit seiner Grundsatzfrage: „Wie sichern wir unser historisches und kulturelles Erbe, wie sichern wir unverzichtbare Teile der gesamtdeutschen Kultur im zusammenwachsenden Europa?“ Diese Frage zu beantworten scheint mir eine dringliche Aufgabe der Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa zu sein.

Sieghard Rost (KK)

Schicksal und Bewältigung der Flucht und Vertreibung von Deutschen und Polen. Hg. von Eberhard Günter Schulz. Georg Olms Verlag, Hildesheim 2009. 317 S., 48 Euro

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