Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1343.

Deutsche Großeltern, tschechische Enkel

Waldhoftagung der Ackermann-Gemeinde, Erzdiözese Freiburg

Deutsche-GroßelternVorträge zu den aktuellen deutsch-tschechischen Beziehungen, zur Literatur und zur Sprache bzw. Identität der Deutschen in Tschechien nach 1945 gab es Mitte März bei der diesjährigen Waldhoftagung der Ackermann-Gemeinde in der Erzdiözese Freiburg. Aber es wurde auch doppelt gefeiert: das 60-jährige Jubiläum eben dieser Veranstaltung und die 20-jährige Partnerschaft der Freiburger Ackermann-Gemeinde mit den Katholiken der Diözese Pilsen.

Impulse der Waldhoftagung wie die Themen Partnerschaft und Kultur sowie immer wieder „hervorragende Referenten“ auch für seine Akademie für Weiterbildung hob Direktor Dr. Karl Kunibert Schäfer in seinem Grußwort hervor. Erich Pohl, der Diözesanvorsitzende der Ackermann-Gemeinde hieß unter den rund 50 Tagungsteilnehmern besonders vier Gäste aus der Diözese Pilsen willkommen. „Das beweist die tiefe Verbindung zwischen den Katholiken in Pilsen und Freiburg“, stellte Pohl hierzu fest und verwies darauf, dass man im vergangenen Herbst in Pilsen 20 Jahre Diözesan-Partnerschaft gefeiert habe.

“In den letzten zehn Jahren wurden auf der mittleren Bürgerebene Dinge erreicht, an die wir vor zwanzig Jahren nicht gedacht haben.“

Auf die Erinnerungen der noch lebenden Generationen und damit eine Rückschau bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts machte Dr. Otfrid Pustejovsky einleitend in seinem Vortrag „Die deutsch-tschechischen Beziehungen im Jahre 2014 – Zehn Jahre nach dem Beitritt Tschechiens zur Europäischen Union und 25 Jahre nach der Wende“ aufmerksam. Entscheidend für eine historische Einschätzung der heutigen Entwicklung ist nach Pustejovsky die Zeit von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis weit über 1945 hinaus. Er merkte an, dass manche historischen Fakten selbst nach Jahrzehnten noch nicht publik sind – etwa die Tatsache, dass das NS-System schon vor 1938 in danach besetzten Gebieten etabliert war.

Nicht zu verstehen sei, warum tschechische Forschungsergebnisse und Bücher trotz Anregung beim Bund der Vertriebenen bzw. der Sudetendeutschen Landsmannschaft nicht ins Deutsche übersetzt werden. Und er verwies auf einige durch seine oder andere Forschungen ans Tageslicht gekommene Fakten. „Wichtig wäre eine vernünftige, politische Beschäftigung mit dem Thema ‚Vertreibungen in Europa‘“, regte Pustejovsky an – und zwar mit allen verfügbaren Fakten. Dann wären die „antagonistischen Wahrnehmungs- und Interpretationsmuster“, die über Jahrzehnte entstanden sind, zu überwinden. Im Blick auf die jüngsten Entwicklungen stellte er die zukunftsträchtigen Handlungen des früheren tschechischen Ministerpräsidenten Petr Necas den rückwärtsgewandten Äußerungen der Staatspräsidenten Václav Klaus und Miloš Zeman gegenüber.

Ferner verdeutlichte Pustejovsky, dass bei der Forderung nach Beseitigung der Beneš-Dekrete erläutert werden müsse, dass von den 149 Dekreten nur zwei sich auf die Enteigung bzw. kollektive Entrechtung der Deutschen beziehen – wobei es sich nach Pustejovskys Worten im zweiten Fall sogar um ein Gesetz handelt.

„Dieses Gesetz muss zur Diskussion im tschechischen Parlament führen“, forderte der Referent. Auch kritisierte er äußerst chauvinistische Äußerungen von Sudetendeutschen in Österreich ebenso wie die Kommunistische Partei in Tschechien, die von den Sudetendeutschen als Revanchisten spricht. Allerdings: „In den letzten zehn Jahren wurden auf der mittleren Bürgerebene Dinge erreicht, an die wir vor 20 Jahren nicht gedacht haben“, freute sich Pustejovsky und verwies auf unzählige deutsch-tschechische Begegnungen, die Renovierung von Kirchen und Friedhöfen sowie viele politische Kontakte auf kommunaler Ebene. In diesem Kontext wies er auch auf das jahrzehntelange Wirken der Ackermann-Gemeinde hin sowie auf die Möglichkeiten, die sich etwa über den deutsch-tschechischen Zukunfstfonds ergeben. „Das deutsch-tschechische Verhältnis ist nur in einer Einbettung in die mittel- und gesamteuropäischen Verhältnisse zu sehen“, fasste Pustejovsky zusammen.

In die deutsch-böhmische Literatur führte die am Freiburger Institut für Volkskunde tätige Germanistin Dr. Katerina Kovacková ein. Unter dem Titel „In Pilsen geboren, in Westböhmen gewirkt, geliebt, geweilt: Ein literarischer Spaziergang durch die Pilsner Diözese“ stellte sie vier Autoren sowie Texte von ihnen vor. Zum Vortrag brachte sie Auszüge aus Werken von Johannes Urzidil, Karel Klostermann, Josef Holub, Gertrud Fussenegger sowie Gedichte zeitgenössischer Autoren. Diese Literaten verbindet ihr Bezug zu Westböhmen bzw. dem Böhmerwald, ihre Texte drehen sich um diese Region und die darin übliche Vernetzung von Deutschen und Tschechen, Juden und Christen sowie den Charakter von Land und Leuten.

Ganz in der Intention der Waldhoftagung, nämliche Impulse zu geben, lag auch der Vortrag am Sonntag nach dem vom Geistlichen Beirat Dr. Ludwig Weiß zelebrierten Gottesdienst. Der Frage „Warum haben deutsche Großeltern tschechische Enkel? Sprache und Identität der böhmischen Deutschen nach 1945“ ging Dr. Sandra Kreisslová, die an der Tschechischen Landwirtschaftsuniversität in Prag Ethnologie lehrt, nach. Anhand von Zitaten aus Interviews mit 55 Personen aus drei Generationen (geboren 1924 bis 1945, 1947 bis 1966, 1979 bis 1991) in diversen, vor allem früher von Deutschen besiedelten Regionen Tschechiens wurden die Kenntnisse und Nutzung der deutschen Sprache bzw. des Dialekts in diesen Altersgruppen verdeutlicht, die Zusammenhänge im Kontext von Mischehen, Herkunft, Assimilation oder auch die Bezüge zum Schul- bzw. Sprachunterricht, zur Kirche, zum Aspekt „Minderheit“ oder zur Existenz deutscher Einrichtungen beleuchtet. Grundsätzlich stellte die Referentin für die 50-er Jahre eine sehr geringe Kenntnis der deutschen Sprache bei den Kindern fest, was mit dem Verlust der deutschen Identität einherging. Andererseits verlor der traditionelle Dialekt immer mehr an Bedeutung, die Kenntnisse der Hochsprache wurden geringer, ebenfalls ein Mosaikstein für den Identitätsverlust und die Entfremdung von den deutschen Wurzeln.

Seit 1989 ist laut Kreisslová die deutsche (Hoch-)Sprache – auch aus ökonomischen Gründen – gefragt, meist aber als zu erlernende Fremdsprache. „Die deutschen Wurzeln spielen heute keine Rolle mehr für die deutsche Sprache. Aber es bieten sich auch neue Möglichkeiten für die deutsche Minderheit“, fasste die Referentin zusammen und verwies zum Abschluss auf einige vielversprechende Projekte in diesem Feld.

Über die 60 Jahre Waldhoftagung informierte in einem Rückblick der Diözesanvorsitzende Erich Pohl, über die 20 Jahre Diözesan-Partnerschaft der stellvertretende Vorsitzende Roland Stindl. Diözesan-Geschäftsführerin Heidi Rothmaier las zudem ein Schreiben des Pilsener Generalvikars Josef Žák vor, in dem sich dieser bei den Katholiken im Erzbistum Freiburg und insbesondere bei den Mitgliedern der dortigen Ackermann-Gemeinde für die Unterstützung in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten bedankte.

Markus Bauer (KK)

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