Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1369.

Die „alten, schönen, steinernen Kleider“

Sie allein machen Breslau nicht aus, Haus Schlesien zeigt auf mannigfaltige Art eine lebendige Stadt

Zum Veranstaltungsreigen, den Haus Schlesien aus Anlass der europäischen Kulturhauptstadt 2016 organisiert, gehören die neue Sonderausstellung „Breslau persönlich“ und die Tagung unter dem Motto „Breslau/Wrocław – Eine Metropole im Umbruch“. Hinzu kommen Vorträge, Prominenten-Gespräche und ein thematischer Fotowettbewerb.

Die von Professor Dr. Michael Pietsch, dem Präsidenten des Vereins Haus Schlesien e.V., Nicola Remig, der Leiterin des Dokumentations- und Informationszentrums von Haus Schlesien, und Hubert Wolff, dem Vorsitzenden der Bundesvereinigung der Breslauer e. V., eröffnete Schau bietet den Besuchern ein facettenreiches Bild der Kulturmetropole an der Oder.

Nicola Remig betonte: „Wir möchten, dass die Ausstellungsbesucher an Bedeutendes aus der deutschen Vergangenheit von Breslau erinnert werden, dass sie aber auch angeregt werden, das junge Wrocław zu entdecken, das von vielen Hochschulen und damit einer jungen Bevölkerung, von internationalen Firmensitzen und einer vielseitigen Kultur- und Kunstszene gekennzeichnet ist.“ Bei einem Rundgang durch die Ausstellung sollte man ausreichend Zeit mitbringen, um möglichst viele der niedergeschriebenen Gedanken von Einheimischen und Durchreisenden, von Deutschen und Polen, von heutigen und früheren Breslauern nachzulesen.

Die bewegte Geschichte von Breslau, die ihre Spuren überall in der Stadt hinterlassen Seite-11-KK1369hat, wird durch persönliche Erinnerungen von bekannten und weniger bekannten Menschen ergänzt. Mit ihren mehr als 100 Brücken gilt die Metropole auch als „Venedig des Ostens“. Kaum etwas ist so prägend für die Geschichte und Entwicklung Breslaus wie die Oder. Heute spielt der Fluss eher eine marginale Rolle und dient vorrangig der Naherholung, doch immer noch ist alles „im Fluss“ …

In der Ausstellung sind 50 Zitate zu lesen und rund 20 besondere Orte und Viertel der Odermetropole zu erkunden. In einer „Lesestation“ sind Bücher ausgestellt, die die Thematik vertiefen. Außerdem wird anhand eines Plakates von Mai 1930 über das offizielle Organ der Sendegesellschaft „Schlesische Funkstunde“ informiert. Über Kopfhörer können Interessenten einem Ausschnitt aus der WDR-Sendung vom 21. Mai 1989 lauschen: „Die schlesische Funkstunde – Lucie Eger und Ernst Günther Bleisch erinnern sich“.

Berücksichtigt wurden unterschiedliche Bereiche des kulturellen, politischen und sozialen Lebens. Besondere Aufmerksamkeit gilt etwa dem Schwerpunktthema „Vorhang auf – Die Breslauer Bühnen“. Die Dokumentation geht bis an die Anfänge der Breslauer Theatergeschichte im frühen 16. Jahrhundert zurück. Neu ist, dass ab Herbst 2016 ein neues Theatermuseum als Teil des Stadtmuseums der Theatergeschichte Breslaus gewidmet wird. Vor dem Gebäude wird Orpheus als griechischer Gott der Poesie und des Gesangs in der Sichtachse zur Oper die Besucher begrüßen. Die drei Meter hohe Bronzebüste wird von Stanisław Wysocki gestaltet.

In der Ausstellung, die bis zum 11. September im Haus Schlesien von Königswinter zu besichtigen ist, finden repräsentative Breslauer Orte wie etwa die Universität, der Marktplatz, der Jüdische Friedhof und die Jahrhunderthalle einen Platz. Letztere ist als Modell und als Aquarell, um 1913, aus dem Besitz des Ingenieurs Günther Trauer, zu sehen.

Auszüge aus zwei Zitaten stehen stellvertretend für die zahlreichen Erinnerungen und Gedanken, die die Stadt Breslau weckt. Joachim Kardinal Meisner erinnert sich: „In unserem Ortsteil Lissa bildet ein größerer Platz die räumliche Mitte unserer kleinen Vorstadt von Breslau. Und in der Mitte stand die große Nepomuk-Säule, die dem Platz auch den Namen ‚Johannesplatz‘ gab. Es verging kaum ein Tag, an dem wir Kinder nicht über den Johannesplatz gingen. Der hl. Nepomuk war für uns Kinder so etwas wie der Bürgermeister. … Die Vertrautheit mit dem hl. Nepomuk hat mich lebenslang bis heute begleitet. … Darum bin ich sehr dankbar, dass im Europäischen Kulturjahr der Stadt Breslau die alten, schönen steinernen Kleider des hl. Johannes von Nepomuk wieder erneuert und aufgefrischt wurden.“ Der junge Weimarer Künstler Michael Merkel schwärmt nostalgisch: „Ich erinnere mich an den Nebel, der sich von der Oder her über die Straßen der Stadt legte und diese in einen Dämmerzustand versinken ließ. Wie eine papierne Haut schmückte er ihr Gesicht, unterstrich die altehrwürdige Erscheinung mit der rechten Spur von Melancholie. Als mein Großvater hier geboren wurde, nannte man die Stadt noch Breslau, mittlerweile möchte sie Wrocław gerufen werden.“

Es ist beeindruckend, welch vielschichtiges Breslau-Bild die Ausstellungskuratorin Seite-12-KK1369Bernadette Fischer durch das Zusammentragen unterschiedlicher Beiträge sowie thematisch passender Malereien, Skulpturen, Bücher und Archivfotografien geschaffen hat. Wie bei einem Puzzle setzt sich vor den Augen der Betrachter ein buntes Bild zusammen. Passend dazu steht mitten im Ausstellungssaal ein großer Tisch mit tausenden Puzzleteilen, die Michael Merkel aus Stadtplänen vom 17. bis ins 21. Jahrhundert hat anfertigen lassen. Das interaktive Projekt „City in process“ lädt Interessenten ein, sich ein persönliches Breslau-Bild zusammenzustellen.

Der hohe Stellenwert der Präsentation „Breslau persönlich“ wird nicht zuletzt dadurch unterstrichen, dass Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof em. von Köln, und Rafał Dutkiewicz, Stadtpräsident von Breslau, die Schirmherrschaft übernommen haben. Am 23. August ist im Rahmen der Rubrik „Prominenten-Gespräch“ Dr. Joachim Kardinal Meisner im Haus Schlesien zu Gast. Der 1933 geborene emeritierte Erzbischof wird im Gespräch mit der Journalistin Gudrun Schmidt, die ebenfalls aus Schlesien stammt, über seine Erinnerungen an das Breslau seiner Kindheit und seine Beziehungen zu Breslau nach 1945 berichten.

Dieter Göllner (KK)

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