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Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1257.

Die Aura des Bruders als Schatten

Aus ihm ist Carl Hauptmann nie ganz herausgetreten, auch selbst aber ist er mit seinem Dichtertum nicht recht ins reine gekommen

„Die Tragik meines Lebens“, hat der zweiundvierzigjährige Carl Hauptmann das Verhältnis zu dem jüngeren und berühmteren Bruder Gerhart genannt, dem er sich „in tiefster Seele verwandt und im innersten Lebensgefühl verbunden“ fühlte. Ein Aufschrei folgte, der uns Heutige noch erreicht: „O Wirrsal, wer hat ein Schwert, den Knoten durchzuhauen!“ Dabei wird an die These von Klabund erinnert, Carl sei von seinem Bruder Gerhart „verdunkelt“ worden, und Herbert Jhering, der nam­hafte Berliner Theaterkritiker, Antipode Alfred Kerrs, bezeich­nete Carl Hauptmann als „tragischen Übergangskünstler“, dessen Dramen „durch die Meisterschaft Gerhart Hauptmanns überschattet wurden“. Als wenige Monate nach Carl Hauptmanns Tod das Reußische Theater Gera am 15. Mai 1921 sein Stück „Der ab­trünnige Zar“ uraufführte, stellte Jhering die Frage, warum es in Berlin noch nicht gespielt worden sei, denn „hier ist das Wort auf Wesentliches konzentriert und körperhaft empfunden“.

Am 5. Mai 1914 las Carl Hauptmann in Wien Bertha von Suttner sein „Tedeum“ mit dem Titel „Krieg“ vor, und sie empfahl es Max Rein­hardt zur Aufführung „beim internationalen Weltfriedens-­Kongreß in Wien“ im September; und der sechzehnjährige ­Bertolt Brecht urteilt, „daß dieses neue Buch … eine wunderschöne Dichtung ist, die stillen Lesern Ewigkeitswerte bringen kann – und vielleicht auch ein starkes Drama, aber … ich weiß nicht, ob der feine Duft des Werkes auf der Welt der Bretter nicht zerstäubt“.

Den wohl größten Bühnenerfolg erlebte der Dichter mit dem „Tobias Buntschuh“ am 25. März 1917 am Deutschen Theater mit mehr als vierzig Vorhängen – wobei groteskerweise in einer Kritik das Stück Gerhart zugeschrieben wurde: es zeige „eine Steigerung“ von dessen „künstlerischem Können“. Paul Zech ließ Carl Hauptmann wissen: „…ein Trost wird Sie, lieber väterlicher Freund, doch glücklich machen: Sie haben Deutschlands kämpfende Jugend zu Jüngern.“

Bedeutende Prosaarbeiten stellen die Romane „Mathilde“ und „Einhart der Lächler“ dar, die eine starke Wirkung auf ein ganzes Geschlecht ausübten. „Wir wuchsen an dir, von dir“, erklärte Will-Erich Peuckert in seinen Abschiedsworten für den toten Freund. „Alles, was Jugend träumt und sehnt, hast du erträumt … Wir sahen in dir den neuen Menschen. Den Menschen aus Reinheit und aus Liebe. Wir hofften, du würdest uns erlösen. Aus Mitleid zu dieser armen, schönen Erde. Sieh, alles dies bist du uns gewesen! – Den Gläubigen haben wir heut verloren. Immer bist du noch jung; – niemals bist du gestorben!“ Zu einer Trauerfeier für den siebzig­jährig gestorbenen Bruder in der „Tribüne“ Berlin erklärte Gerhart­ Hauptmann: „Ich glaube nicht, daß er mit irgend jemand in der Welt schicksalhafter verbunden gewesen ist als mit mir, womit etwas gesagt ist, das viel weniger ausspricht, als es verbirgt.“ Und gegenüber Gerhart Pohl bekannte der Bruder, wobei er den Kosenamen wählte: „Der Zarle war ein großartiger Mensch.“

Das umfangreiche literarische Œuvre Carl Hauptmanns ist freilich in Vergessenheit geraten: „Die jüngsten allgemeinen Darstellungen zur deutschen Literatur der Jahrhundertwende kennen Carl Hauptmann kaum noch… Sein Platz in der Literatur­geschichte der Jahrhundertwende ist ihm bisher noch nicht zugewiesen worden. …einen Autor von solchem Rang zu vergessen, dürfte ein historisches und literaturwissenschaftliches Phäno­men sein, das seinerseits der Klärung und Begründung bedarf.“ Damit ist vor allem der Ruf nach einer zuverlässigen Biographie des Dichters verbunden, bislang gibt es nur die gänzlich untaugliche Arbeit von Walter Goldstein (Schweidnitz 1931).

Dem Verlag Frommann-Holzboog (Stuttgart) gebührt das große Verdienst, „Sämtliche Werke“ Carl Hauptmanns in sechzehn Bänden herauszugeben, die jeweils mit einem Kommentar begleitet werden. Neben Dramen, Romanen und Erzählungen, der Lyrik und Essays sind auch Briefe und Tagebuchaufzeichungen angekündigt, wobei seine Vorstellungen als Denker im Felde der Mystik und der Kunsttheorie neue Einsichten in die Spannweite seines Geistes vermitteln dürften. „Ich würde das Werk dieses Mannes zu den verborgenen Schätzen zählen, die im Kulturleben ihre Opfer fordern und ihren Lorbeer bereithalten“, meint Hans­-Georg Gadamer zu diesem anspruchsvollen Editionsplan. Leider sind den bisher erschienenen vier Bänden, „Frühe Erzählungen“, „Erzählungen und epische Fragmente“, „Späte Erzählungen“ und „Dramen“, keine Kommentare beigefügt worden, die eine nähere Beschäftigung mit den Texten wesentlich erleichtern würden.
Für die Edition stellt die als Supplementband erschienene „Chronik zu Leben und Werk“ von Carl Hauptmann eine ungemein informative Ergänzung dar, sie ist gleichsam ein Lebensbild und übertrifft bei weitem Konzeption und Struktur der entsprechenden Kompendien. Von besonderem Wert sind vor allem Äußerungen Carl Hauptmanns über seine Zeit als Student in Jena, wo er als Schüler von Ernst Haeckel studiert und bei ihm auch promoviert hat. Am 28. Januar 1883, als er über seiner Dissertution brütet, bekennt er seiner Verlobten: „Mich schlägt der Gedanke nieder, daß das, was ich mir an Wissen erworben, mein Herz nicht erfüllt. Ach – ich muß ein anderes Gebiet ergreifen, was menschliches Ideal durchdringen und verwerten kann.“ Über ein Kolleg bei dem Philosophen Rudolf Eucken heißt es: „Ich wollte mir eine geschlossene, feste Weltanschauung bauen. Aber es kam mir nicht in den Sinn, das Problem ins Leben zu nehmen, den Versuch zu machen, das Leben vom Problem aus zu gestalten.“ Die weiteren Studien in Zürich führen schließlich auch zum endgültigen Abbruch.

Nähere Einblicke in die weitere Entwicklung des Natur­wissenschaftlers zum Dichter vermitteln die Eintragungen, die sich in der Bekenntnisschrift „Aus meinem Tagebuch“ finden, wo es heißt: „Denkend kannst du nie das Rätsel des Menschen­lebens … erschöpfen wollen. Denn jedes Leben ist eine irra­tionale Größe, und alles Denken ein rationales Maß… Der Sinn des Lebens kann nicht gedacht, er kann nur mit dem ganzen Wesen erlebt sein. – Aber wer kann es ganz ausdrücken – dieses Geheimnis? – Wenn wer – dann nur der Künstler.“ Carl Hauptmann setzt also das Schauen gegen das Errechnen. Mit diesem ist ein weiteres gesagt: Dies Schöpfen aus Nacht und Traum, dies Hingegebensein an die Stimmen, die aus Tiefen kommen, löst die Form auf und macht sie dem Auszusagenden gegenüber unbedeutend. Es eröff­net einen Weg in die Versenkung, in das, was man mit einem abgegriffenen Wort „Mystik“ nennt. Das aber ist auch das Problem der Form, der Gestaltung. „Je mehr Gewalt die Tiefe, die ver­borgene Seite der Charaktere ausströmt, desto sicherer kann man das Äußere nur andeuten, ohne die wahre Wirkung zu schmälern.“ Das Bekenntnis in einem Brief an den befreundeten Malers Otto Modersohn offenbart die Schwäche aller romantischen Kunst – und es ist auch die Schwäche von einigen Werken Carl Hauptmanns. Die Sprache war für diesen Dichter kein Mittel der Darstellung, sondern sie hatte „den traumsicheren Weg des Künstlers zu seinen letzten Zielen zu begleiten“. Das aber ist Mystik, nicht mehr Dichtung.

Und dennoch, groß bleibt dieser Dichter noch im Irrtum über das Wesen der Gestaltung. Seine ethische Kraft, „vom Menschen groß zu denken“ und als Schaffender „immer höher ins Licht zu steigen“ und zugleich „des Abgrunds Harfe zu schlagen, zu blasen des großen Morgens helle Posaunen“, ist in der Mystik der Jakob Böhme, Abraham von Frankenberg, Schwenckfeld und Angelus Silesius vorweg erlebt. Carl Hauptmann war „einer, der aus der grau in grauen Welt Helligkeit auffing, Licht, Sonne, weil er einmal als Kind die Sonne gesehen in blonde Mädchenhaare fallen und sie beglänzen. Seitdem liebte er das Fest der Mühsal, den Glanz der irdischen Dinge“, wie es in seinem epischen Hauptwerk, dem Roman „Einhart der Lächler“, heißt.

Günter Gerstmann (KK)

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